Corona-Hotspot Göttingen: “Der grüne Bereich ist bei Weitem verlassen”

  • In Göttingen ist die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus zuletzt stark gestiegen.
  • Um den Ausbruch einzudämmen, sollen am Wochenende sämtliche Bewohner eines Hochhauses getestet werden.
  • Der Stadt droht ein erneuter Lockdown, falls sich der Anstieg der Zahlen fortsetzt.
|
Anzeige
Anzeige

Göttingen. Endlich sollten in der kommenden Woche auch die Kleinsten wieder Fußball spielen dürfen. Nach und nach waren die Mannschaften der SVG Göttingen zuletzt wieder auf die Trainingsplätze gekommen, und jetzt sollte es auch für die F- und G-Jugend soweit sein. “Die haben sich natürlich ganz besonders gefreut, jetzt wieder spielen zu dürfen”, sagt der zweite Vorstand Thorsten Tunkel. Doch die Rückkehr ist für die vier- bis achtjährigen Fußballer nun vorerst abgesagt – und auch alle anderen Mannschaften müssen nun zurück in die Corona-Zwangspause. “Und das”, sagt Tunkel, “ist für uns alle natürlich sehr, sehr ärgerlich.”

Während der Rest von Deutschland die Corona-Beschränkungen gerade nach und nach abstreift und immer neue Lockerungen plant, geht die Universitätsstadt im Süden Niedersachsens gerade den umgekehrten Weg und beschneidet das öffentliche Leben wieder: Alle Vereine, die Kontakt- und Mannschaftssportarten anbieten, müssen ihren Betrieb für die nächsten zwei Wochen wieder einstellen; für zunächst diese Woche sind auch die Schulen in Göttingen wieder geschlossen. Der Stadt droht sogar ein Rückfall in einen erneuten Lockdown mit noch weiteren Beschränkungen. Bei knapp 31 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner liegt Göttingen inzwischen, Tendenz weiter steigend. Noch an Pfingsten habe es kaum mehr neue Fälle gegeben, Bürgermeister Rolf-Georg Köhler wähnte seine Stadt auf einem guten Weg. “Wir sehen jetzt, wie schnell es wieder in die andere Richtung gehen kann”, sagte er am Mittwochabend auf einer Pressekonferenz. “Der grüne Bereich ist bei Weitem verlassen.”

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Ausbreitung beim Zuckerfest

Anzeige

Der Grund dafür ist ein Corona-Ausbruch, dessen Schwerpunkt in einem Hochhaus im Norden der Stadt liegt. Dort, so sind sich die Göttinger Behörden sicher, hat sich das Virus am 23. Mai bei Feiern zum Ende des muslimischen Fastenmonats rasch ausgebreitet, weil die Feiernden Distanz- und Hygieneregeln ignorierten. Beteiligt waren nach Angaben der Stadt mehrere Großfamilien aus dem ehemaligen Jugoslawien, aber auch Angehörige anderer Nationalitäten wie auch Deutsche. Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung spielte demnach auch eine Shishabar, in der Besucher eine Pfeife kreisen ließen und dabei nacheinander dasselbe Mundstück benutzten. Die bisherige Bilanz dieses Ausbruchs: 105 Neuinfektionen, drei Patienten im Krankenhaus, mehrere Hundert in Quarantäne. Von einer “verhängnisvollen Dynamik" spricht Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD).

In der Stadt wächst derweil bei vielen der Ärger, dass die Ignoranz von wenigen Uneinsichtigen so viele Bürger nun hart trifft. “Es ist mir unverständlich, dass es eine Gruppe gibt, die sich den Anordnungen widersetzt und so vielen Göttingern schadet”, sagt SVG-Göttingen-Vorstand Tunkel, der Wert darauf legt, dass er damit nicht im Namen des Vereins, ganz sicher aber in seinem eigenen spricht. Die neuen Maßnahmen treffen nun auch viele Eltern, die sich spontan wieder Betreuungslösungen organisieren müssen. Der Göttinger Stadtelternrat unterstützt zwar die Schließung der Schulen, um den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen, die Wut ist aber dennoch groß. “Die Eltern sind unglaublich sauer, dass einige so unverantwortlich handeln”, sagte der Vorsitzende Janek Freyjer dem Sender Hit Radio FFH.

Anzeige
Video
Konjunkturpaket: 130 Milliarden Euro gegen die Corona-Krise
2:20 min
Die große Koalition hat am Mittwoch lange um ihr “Zukunftspaket” gerungen. Eine Einigung: Die Mehrwertsteuer wird für sechs Monate gesenkt.  © Reuters

Ein Hochhaus soll getestet werden

Um des Ausbruchs Herr zu werden, will die Stadt nun zunächst sämtliche Bewohner des Hochhauses auf das Coronavirus testen lassen. Beginnen soll die Testaktion bereits an diesem Freitag, bis Sonntagabend will man in großen Zelten vor dem Haus bei allen rund 600 bis 700 Bewohnern Abstriche genommen haben, erklärte ein Stadtsprecher am Donnerstag. Es ist ein aufwendiges Programm mit gleich mehreren praktischen Hürden: So muss die Stadt alle Bewohner noch vor Beginn des Tests anschreiben und sie offiziell zur Teilnahme auffordern. Außerdem hat sich ein Teil der Bewohner schon bislang geweigert, sich testen zu lassen. “Der Umgang ist nicht leicht”, sagte die Leiterin des Krisenstabs, Petra Broistedt, am Mittwochabend. Es handele sich aber um eine Minderheit. Was mit denen passiert, die einen Test trotz Aufforderung weiter ablehnen, ließ die Stadtspitze offen. Die Polizei soll aber bei den Tests präsent sein, sagte ein Stadtsprecher.

Gut möglich ist es nun, dass im Zuge der Tests die Neuinfektionen noch einmal deutlich steigen. Als Obergrenze, ab der weitere Maßnahmen nötig werden, gelten bislang 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. Die niedersächsische Landesregierung hatte allerdings deutlich gemacht, dass sie schon 30 bis 35 Neuinfektionen als kritische Größe sieht. Bürgermeister Köhler will “weitere Schritte” nicht ausschließen. Dabei ist schon das Verständnis für die neuen Schul- und Vereinssperren bei manchem begrenzt. “Wir sind enttäuscht, dass man dabei nicht stärker differenziert hat”, sagt Thorsten Richter, Erster Vorsitzender des SC Göttingen. Gerade beim Fußball im Freien ließen sich Abstandsregeln gut einhalten, das Infektionsrisiko sei dann gering. Sein Verein habe eigens eine Corona-Taskforce eingerichtet, um Ansteckungen so unwahrscheinlich wie möglich zu machen. Jetzt, mitten in der Euphorie des Wiederbeginns, fühle man sich zu Unrecht ausgebremst: “Für uns ist das ein großer Rückschlag.”

Video
Pressekonferenz des Göttinger Krisenstabs
6:08 min
Nach dem aktuellen Corona-Ausbruch hat die Stadt Göttingen Pläne verworfen, die Schulen am Montag wieder zu öffnen.  © RND
Anzeige

Statt des Trainings im Freien werde der Verein nun wohl wieder weitere Folgen der virtuellen Sportstunde im Netz produzieren – ganz wie am Anfang, während der strengen Beschränkungen.

RND



“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen