Cinderelladiät und Co.: Japan ist im Schlankheitsfieber

  • In Japan gilt gerade für Frauen das Ideal, möglichst dünn zu sein. Besonders beliebt ist die sogenannte Cinderelladiät.
  • Doch es gibt auch eine Gegenbewegung in dem asiatischen Land.
  • Eine kleine Minderheit übergewichtiger Personen stemmt sich vermehrt gegen die Schlankheitsnormen.
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Yokohama. Aki Yamada hat nach ihrer Heirat klare Pläne. „Bald werde ich das Berufsleben verlassen“, sagt sie, „weil ich schwanger werden will, und mit der Geburt ist die Karriere dann vorbei.“ Das sei immer so. Deshalb will die Frau aus Yokohama jetzt besonders auf eine gesunde Ernährung achten und versuchen, „nicht so sehr zuzunehmen, um so hübsch zu bleiben, wie es geht“. Aki Yamada ist 1,52 Meter groß und wiegt 42 Kilo.

Japan ist im Schlankheitswahn. Gerade für Frauen gilt das Ideal, möglichst dünn zu sein. Das macht auch vor werdenden Müttern nicht Halt. Eine Studie, die 2018 im Forschungsmagazin „Scientific Reports“ veröffentlicht wurde, kam zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der Frauen im Land während der Schwangerschaft weniger als die von der Regierung empfohlenen zwölf Kilo zunehmen wollen. Die meisten der Befragten glauben, geringe Gewichtszunahmen sorgen für eine sichere Geburt und daher auch für die Gesundheit des Kindes. Die Studie zeigte allerdings das Gegenteil. Heute hat rund jede vierte schwangere Frau in Japan Untergewicht. Dünne Frauen mit einem dicken ballförmigen Bauch werden lobend „mama talent“ genannt – was so viel wie „Starmutter“ bedeutet.

Cinderelladiät besonders beliebt

Besonders beliebt ist im Land die sogenannte Cinderelladiät. Dabei orientiert sich das Idealgewicht am Körper der durch ihre Wespentaille auffallenden Protagonistin des gleichnamigen Disney-Films. Um das eigene Cinderellagewicht zu ermitteln, quadriert man seine Körpergröße in Metern und multipliziert sie mit der Zahl 18. Bei 1,65 Metern wären das also 49 Kilo, was laut Body-Mass-Index schon für eine ­30-jährige Frau Untergewicht bedeutet. Wer in Japan darüber liegt, dem wird eine Diät empfohlen.

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Ob es um Geschlechterrollen, das Berufsleben oder das Aussehen geht – in Japan schätzt man tendenziell alles, was als ideal vorgegeben wird. So spricht man im Land von sich selbst gern als „homogener Gesellschaft“, in der sich alle ähnlich seien. Es wird das Sprichwort zitiert: „Ein Nagel, der aus der Wand sticht, wird wieder hineingeschlagen.“ Uniformität ist Trumpf.

Vorgegebene Ideale kaum erreichbar

Zur Qual wird diese Art von Kollektivismus, wenn die vorgegebenen Ideale kaum erreichbar sind. Die Idee, dass junge Frauen noch ein bisschen dünner sein sollten, etablierte sich in Japan in den 1990er-Jahren. Damals begann die Karriere der sehr schlanken Sängerin Namie Amuro, die bis heute als Queen des J-Pop gilt. „Wir wollten alle so sein wie sie“, sagt Chika Tsuda, eine 37-jährige Lehrerin aus Osaka. „Und das Seltsame ist, dass die Kinder und Jugendlichen von heute das immer noch wollen.“

Doch gegen das Hungern nach Norm formiert sich Widerstand. In Japan ist es vor allem eine kleine Minderheit übergewichtiger Personen, die zwar nur 3 Prozent der erwachsenen Frauen ausmacht, sich aber vermehrt gegen die Schlankheitsnormen im Land stemmt. Zu ihnen gehört die Modeunternehmerin Naomi Watanabe, die 110 Kilo wiegt und sich auf Instagram gern mit Süßigkeiten zeigt. Sie sieht sich als „Sprachrohr der Plus-Size-Frauen“ und wurde von der japanischen Ausgabe der Vogue im Jahr 2016 zur Frau des Jahres gekürt.

Die meisten Menschen in Tokio wären gern dünner

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Und auch die Popmusik im Land zog nach. Mit der Girlgroup Big Angel startet eine Band in ihr drittes Jahr, die aus fünf stark übergewichtigen jungen Frauen besteht. Frontfrau Michiko Gotochi gestand vor Kurzem im Interview: „Ich wollte ein schlankes Model sein und musste dafür immer nur hungern. Die Agentur warf mich raus, und danach begann das Frustfressen.“ Heute wiegt sie statt der einst 54 Kilo mehr als das Doppelte. „Ich hätte nie gedacht, dass wir als Big Angels Fans haben werden. Aber wir sind richtig beliebt“, sagt Michiko.

Was aber nicht heißt, dass die Menschen auch weniger streng auf ihre Körper schauen. Laut einer Umfrage unter Frauen und Männern in Tokio wollen die meisten Menschen dünner sein, als sie es sind. Der Wahn geht weiter.

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