Ungewollte Schwangerschaften in Chile: Wenn die vom Staat verteilte Pille versagt

  • Mehr als 100 Frauen in Chile sind davon überzeugt, trotz der Einnahme der Antibabypille schwanger geworden zu sein.
  • Das Pikante: Das Verhütungsmittel wurde vom staatlichen Gesundheitssystem verteilt.
  • Der Fall entwickelt sich zu einem Skandal.
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Santiago de Chile. Als Melanie Riffo (20) auf ihren Schwangerschaftstest blickte, wollte sie das Ergebnis nicht glauben: Positiv. Die junge Chilenin begriff die Welt nicht mehr. Nach eigenen Angaben hatte sie jeden Tag die vom staatlichen Gesundheitssystem verteilte Antibabypille genommen, gemeinsam mit ihrem Freund seien sie besonders vorsichtig gewesen. „Ich habe mir das nicht erklären können“, sagte Riffo der New York Times. „Wir haben doch auf alles geachtet.“

In Chile soll es mindestens 140 dieser Fälle von Frauen geben, die schwanger wurden, obwohl sie die vom Gesundheitssystem verteilten 276.890 Antibabypille-Päckchen genutzt hatte. Inzwischen hat die Regierung Teile der Produktion still und heimlich zurückgerufen und der Skandal gelangt an die Öffentlichkeit. „Wir haben noch nie ein systematisches Versagen mit solch gravierenden Konsequenzen gesehen“, sagt Paula Avila-Guillen vom Women’s Equality Center, die sich auf den Schutz von Reproduktionsrechten in Lateinamerika spezialisiert hat.

„Die Regierung kann ihre Hände nicht reinwaschen“

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Für Melanie Riffo hat das alles gravierende Konsequenzen. Die Kassiererin in einem Sushi-Restaurant hatte sich eigentlich für die Verhütungsmittel entschieden, weil sie in ihrer augenblicklichen Lebensphase weder einen Platz noch genügend finanzielle Mittel für ein Kind habe. Zudem lebt sie noch bei ihrer Mutter, die an Krebs erkrankt sei, berichtet Riffo. „Ich habe kein sicheres Zuhause für das Kind.“ Eine Abtreibung kommt trotzdem nicht infrage, denn ein Schwangerschaftsabbruch ist wie in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern in Chile verboten. Eine Reise ins Nachbarland Argentinien, wo sich die Frauenbewegung ein solches Recht vor kurzem erkämpfte, ist für viele Frauen praktisch unbezahlbar.

Auf den chilenischen Staat dürften nun ernsthafte Konsequenzen zukommen, wenn es den betroffenen Frauen gelingt, ein starkes gemeinsames Bündnis der Betroffenen zu schmieden und das Versagen des Systems durch die Herausgabe des fehlerhaften Medikamentes auch nachzuweisen. Zudem dürfte die Debatte über die dringend notwendige Liberalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen neue Nahrung bekommen, denn wie in Riffos Fall sind es wieder einmal jene Frauen aus den einkommensschwächsten Bevölkerungsschichten, die in ihrem Schicksal allein gelassen werden. Die Oppositionspolitikerin Claudia Mix sagt: „Die Regierung kann ihre Hände nicht reinwaschen.“

Fehler beim Verpacken der Antibabypille

Und der chilenische Staat wird sich dann an die Produzenten des Verhütungsmittel Anulette CD wenden. Hergestellt wird das Medikament von den chilenischen Unternehmen Silesia und Andrómaco, die wiederum laut lokalen Medienberichten zur Gruppe des deutschen Pharmaunternehmen Grünenthal mit Sitz in Aachen gehören. Der Bereich Gynäkologie ist einer von Grünenthals strategischen Schwerpunkten in Lateinamerika, heißt es auf der firmeneigenen Website.

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Nach bisher vorliegenden Erkenntnissen gibt es aber keinen Produktionsfehler beim Medikament selbst, sondern im Verpackungsprozess, womit eine neue Ebene der potentiellen Verantwortlichkeit entsteht. Es soll nämlich zu einem Fehler bei der Einsortierung der 21 blauen Anti-Baby-Pillen und sieben gelben Placebo-Pillen gekommen sein, die während der Menstruation eingenommen werden. Damit hätten die Frauen ausgerechnet in jener Zeit die unwirksamen Tabletten eingenommen in der sie eigentlich auf deren Schutz vertrauten.

Chile stehen ohnehin spannende Monate bevor. Der in der Wählergunst katastrophal abgestürzte konservative Präsident Sebastian Pinera hat zwar mit einer erfolgreichen Impfkampagne bei den Zustimmungswerten Boden gutmachen können, doch seine Amtszeit läuft mit den Wahlen im November aus. Zudem arbeitet die chilenische Gesellschaft am Entwurf einer neuen Verfassung, in der auch Frauenrechte endlich niedergeschrieben werden sollen. Die Andennation durchläuft gerade einen gesellschaftlichen Transformationsprozess, dessen Ende und Ergebnis noch nicht abzusehen ist.

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