Chiara Corona: „Anfangs hat man die Witze mit Humor genommen“

  • Chiara Corona war stets stolz auf ihren klangvollen Namen – bis ein Virus auftauchte, das so hieß wie sie.
  • Plötzlich war die österreichische Nachrichtensprecherin Gegenstand von Witzen, Leute begannen in ihrer Nähe zu husten.
  • Im Gespräch erzählt sie, wie sie Dinge persönlich nahm, wie sie darüber hinwegkam und dass sie ihren Namen in jedem Fall behalten will.
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Chiara ist 25 Jahre alt, kommt aus dem österreichischen Bregenz – und heißt mit Nachnamen Corona. Ein Name, auf den sie immer stolz war, der aber auch nicht sonderlich auffiel bei ihren Mitmenschen. Das änderte sich zu Jahresbeginn, mit der Ausbreitung des Coronavirus, schlagartig. Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erzählt sie, wie sie Dinge persönlich nahm, wie sie darüber hinwegkam und dass sie ihren Namen in jedem Fall behalten will.

Hallo Chiara Corona, Sie haben einen sehr schönen und klangvollen Namen. Das alte lateinische Wort für „Krone“ – woher kommt der bei Ihnen?

Der ist italienischer Herkunft. Unsere Familie kommt von Sardinien. Mein Opa väterlicherseits ist dort aufgewachsen. Viele unserer Verwandten auf Sardinien heißen noch so. Wir sind aber die Einzigen aus unserer Familie in Vorarlberg.

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Plötzlich tauchte Anfang dieses Jahres diese Krankheit auf. Gesprochen wurde vom „neuartigen Coronavirus“. Dachten Sie damals, dass hier etwas Gewaltiges kommt. Oder waren Sie eher arglos?

Als ich zum ersten Mal von einem Virus hörte, das „Corona“ heißt, habe ich über die Namensgleichheit noch geschmunzelt. Damals wurde von Wuhan geredet, und kaum jemand wusste, wo das überhaupt ist. Dass das solche Ausmaße annehmen würde, hätte ich im Leben nicht gedacht.

Wann sind die ersten Bemerkungen losgegangen, die auf Ihren Namen anspielten?

Das war schon direkt am Anfang, als der Ernst der Lage noch nicht so klar war. Da war Covid-19 noch nicht in Europa und in Österreich. Man sagte oft zu mir: „Hast du schon von diesem Virus gehört? Der heißt ja wie du.“ Danach kamen die ersten Scherze, was ich denn dort in Wuhan angerichtet hätte. Als Nächstes haben die Leute in meiner Nähe angefangen zu husten.

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Wie haben Sie reagiert?

Anfangs hat man das noch mit Humor genommen. Aber es war auch ein Riesenthema in der Familie. Denn jeder dachte, er sei der Erste und der Einzige, der uns diesen Witz erzählt.

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Hält das bis heute an? Und geschieht das direkt im Gespräch oder auch online?

Bei Freunden und Bekannten hat es nachgelassen, ja sogar aufgehört. Im Netz spielt sich aber noch viel ab, da ich ja selbst bei einem Nachrichtensender arbeite. Da bekomme ich schon immer wieder Mitteilungen. Die Leute wollen wissen, ob ich wirklich so heiße, glauben das auch oft nicht. Viele haben mich schon angeschrieben und mir gesagt, was mir einfiele, mich so zu nennen. Ich muss dann immer ewig lang erklären, dass das mein Name und kein Scherz ist. Mittlerweile – also so seit zwei Wochen – habe ich angefangen, bei Reservierungen meinen Namen nicht mehr zu sagen, sondern den meines Freundes anzugeben. Weil ich mich nicht mehr rechtfertigen will. Es zerrt schon manchmal an den Nerven. Es ist ja nicht böse gemeint – aber irgendwann nimmt man es persönlich.

Wenn Sie sich im Radio selbst ankündigen, gibt es Ihnen dann einen Stich, denken Sie dann sofort an das Virus?

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Eigentlich ist es im Lauf der Zeit wieder normal geworden. Am Anfang war es eher komisch, ich musste schmunzeln, als ich meinen Namen sagte. Allerdings haben wir in der vorigen Woche beim Sender beschlossen, einen Tag ohne Berichterstattung über den Virus einzuführen, einen coronafreien Tag. Um die Stimmung etwas aufzulockern, denn in Österreich gehen die Zahlen wieder richtig nach oben. Und die Leute haben doch tatsächlich angefangen zu fordern, ich dürfte jetzt aber auch nicht sprechen, weil ich sei ja auch Corona. Das habe ich dann richtig persönlich genommen, denn ich möchte mich nicht mit einem Virus gleichstellen lassen. Ich habe natürlich meinen Dienst durchgezogen – und meinen Namen gesagt.

Tom Hanks, der Covid-19 hatte, hatte einem gemobbten australischen Jungen, der mit Vornamen Corona heißt, Trost gespendet, ihm gesagt, er habe einen tollen Namen und ihm seine Corona-Reiseschreibmaschine geschenkt. Haben Sie auch Trost erfahren?

Doch schon. Gerade im Betrieb. Die Kolleginnen und Kollegen sehen ja, wie ich mich rechtfertigen muss. Und die stehen voll hinter mir. Die merken auch sofort, wenn es Kommentare gegeben hat, ich einen schlechten Tag habe. Und sagen: Lass dich nicht runterziehen. Du hast doch einen schönen Namen. Geschenke gab’s bis jetzt noch nicht (lacht), aber man wird aufgemuntert. Und das tut gut.

Gab’s auch Bösartiges?

Zum Glück nicht. Auch bei meiner Familie nicht. Das meiste war lustig gemeint. Man ist halt trotzdem genervt.

Wie sehen Sie die Krankheit heute – die auf der einen Seite sehr ernst genommen wird, aber auch von nicht wenigen verleugnet wird?

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Gottseidank hat es bei mir in der Familie noch niemanden betroffen. Aber ich kenne Leute in meinem näheren Umfeld, die Covid-19 auf ganz unterschiedliche Weise hatten. Die einen hatten kaum oder gar keine Symptome, die anderen richtig schwere, hatten Atemprobleme. Ich persönlich nehme das sehr ernst, erst recht vor dem Hintergrund der rasant steigenden Zahlen. Wir stehen wieder kurz vor einem kompletten Lockdown. Und es ist wichtig, zusammenzuhalten, sich nach den Maßnahmen zu richten, um das wieder in den Griff zu bekommen.

Verfolgt Ihre Familie noch die aktuelle Covid-Nachrichtenlage. Oder können sie es schlichtweg nicht mehr hören?

(lacht) Sie können es nicht mehr hören – gerade, weil man immer seinen Namen in diesem negativen Zusammenhang liest. Sie haben aber das Glück, dass sie mich immer fragen können, weil ich ja quasi an der Quelle sitze. Und wenn wieder irgendein Gerücht herumgeht, dass die Schulen schließen sollen, rufen sie mich an: „Chiara, ist da was dran?“

Reden Sie in Ihrer Familie vom Coronavirus oder von Covid-19?

Anfangs sprachen wir von Covid-19, um diesbezüglich unseren Namen nicht aussprechen zu müssen. Inzwischen sagen wir auch Corona – das fällt schon gar nicht mehr auf.

Aber an einen Namenswechsel haben Sie noch nicht gedacht?

Ich war immer bombenfest davon überzeugt, dass ich meinen Namen niemals, niemals hergebe. Ein bisschen habe ich dann zwischenzeitlich doch überlegt, denn ich glaube, dieser Stempel mit dem Virus wird schon ewig bleiben. Aber ich glaube immer noch, dass ich einen schönen Namen habe, und dass ich ihn, wenn ich heiraten möchte, behalten werde.

Gibt es jemanden in Ihrer Familie, der besonders leidet?

Mein jüngster Bruder, der jetzt zwölf ist, hat in der Schule einiges aushalten müssen. Da wurde gesagt: „Jetzt kommt der Virus in die Klasse!“ Auch das war nicht böse gemeint. Und auch das hat abgenommen.

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Worauf hoffen Sie für die Zukunft? Das alles endlich vorbeigeht?

Es wird nicht vorbeigehen. Das wird bleiben wie die Grippe. Ich hoffe auf Normalität in unserem Leben. Dass die Gasthäuser ihre Türen wieder aufsperren dürfen, und dass das bald kommt. Die Leute brauchen einen Ausgleich zur Arbeit. Viele sagen, dass es in der ersten Hälfte 2021 passiert, wenn die Impfungen kommen. Ich hoffe das sehr.

Der Engländer und der Journalist sagen „no jokes about names“ – Witze über Namen sind verboten. Gute Regel, oder?

(lacht) Absolut.

Chiara Corona ist 25 Jahre alt, in Bregenz geboren. Sie hat zwei Brüder, Lino (21) und Gianni (12). Ihre Ausbildung begann Corona mit einem Traineeprogramm bei Russmedia in Bregenz, an das sich ein Volontariat beim Radiosender Antenne Vorarlberg anschloss. Seit knapp drei Jahren ist sie dort Nachrichtensprecherin. Mit ihrem Lebensgefährten lebt Chiara Corona in Lustenau am Bodensee.

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