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Bürgermeister reagiert auf wütenden Wollunternehmer: „Nicht jaulen“

Aus der Wolle des Pommerschen Landschafs macht der Unternehmer Marco Scheel Kleidung. (Symbolbild)

Neukloster. Das Video eines wütenden Unternehmers aus Mecklenburg-Vorpommern verbreitete sich in der vergangenen Woche rasant im Netz. In dem Clip, der ursprünglich aus einer NDR-Reportage stammt, schimpft der Chef des Unternehmens Nordwolle Rügen über die deutsche Bürokratie.

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Anlass für die Wut ist ein Kuhstall, den Marco Scheel zu einer Produktionshalle für seine nachhaltige Wolle umfunktionieren will. „Das Ding ist: Wir sind hier im Außenbereich, da muss ich eine Umnutzung machen“, erklärt er dem Kamerateam des NDR. „Und die Umnutzung findet auf dem Formular vom Bauantrag statt. Das heißt also, das ist ein Bauantrag, und ein Bauantrag im Außenbereich, der wird erst mal abgelehnt.“

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Der Weg zur Umnutzung sei daher höchst kompliziert: „Jetzt soll das Amt Neukloster den Flächennutzungsplan ändern, dann soll die Gemeinde einen Bebauungsplan machen, und dann kann ich einen Bauantrag stellen“, erklärt der Unternehmer weiter. „Aber die ganzen Planer, die sich natürlich über die Regelung freuen, die bezahl ich.“ Und dann wird Scheel richtig wütend: „Kann ich aber nicht. Ich habe ja auch keinen Dukatenesel, der Geld scheißt. Wie stellen die sich denn so was vor?“

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Das sagt die Behörde zur Kritik

Die Wutrede des Unternehmers geht noch einige Minuten so weiter. Scheel beschwert sich, dass kein „politischer Wille“ da sei, dass er in der Region produzieren könne. Nun wolle man ihm einen Verwaltungslotsen zur Seite stellen, wofür Scheel allerdings auch nur Spott übrig hat: „Wenn ich mit Abitur nicht mal mehr in der Lage bin, mich durch die Stromschnellen meiner Verwaltung, die ich bezahle, die für mich da ist, durchzulavieren, dann können wir aufhören. Dann können wir’s lassen.“

Das Video des Unternehmers wurde inzwischen knapp 500.000-mal abgespielt. Die Reaktion der betroffenen Behörde allerdings ist darin nicht zu sehen – und auch in der NDR-Reportage wurde die Verwaltung offenbar nicht mit den Vorwürfen konfrontiert. Was also sagen die Betroffenen zu der Kritik?

Auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) meldet sich der Bürgermeister der von Scheel angesprochenen Stadt Neukloster höchstpersönlich zu Wort – und er wird ziemlich deutlich: „Ein gutes Unternehmerkonzept und ein guter medialer Auftritt entbinden nicht von rechtlichen Regelungen, an die sich Tausende anderer Unternehmer gehalten haben und halten“, betont Frank Meier. „Es wurde Herrn Scheel angeboten, für sein Vorhaben dauerhaft Rechtssicherheit zu schaffen. Statt zu ‚jaulen‘ hätte er hier schon ein ganzes Stück weiter sein können“, so der Bürgermeister weiter.

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Scheels Produktionshalle ist rechtswidrig

Meiers Behörde, das von Scheel angesprochene Amt Neukloster, begleite den Fall zwar, sei aber nicht entscheidungsrelevant. Für die Genehmigung sei letztendlich das Bauordnungsamt des Landkreises Nordwestmecklenburg zuständig. Dennoch habe Meier eine „persönliche Meinung“ zum Fall, wie er sagt.

Die Beantragung der Umnutzung hätten vor Scheel „unzählige andere auch schon hinbekommen“, so Meier. „Dieses Schaffen von Rechtssicherheit kostet sicher Zeit und Geld und Nerven und hält den Chef ein Stück weit von dem ab, was er gerne macht und womit er Geld verdient. Es macht sicher keinen Spaß. Aber gerade für den Unternehmer kann diese Rechtssicherheit einmal existenzsichernd sein. Nachbarn können wechseln oder man kommt sich mit ehemaligen guten Nachbarn in die Haare. Dann muss eine Genehmigung auch rechtssicher sein“, betont der Bürgermeister.

Das Problem liege laut Meier darin, dass in Scheels umgebautem Stall Textilien produziert würden, deren Wolle aber nicht vor Ort gewonnen werde, sondern auf Rügen. „Die Produktion von Herrn Scheel könnte ohne Abstriche in jedem Gewerbegebiet Deutschlands stattfinden. Landwirtschaftliche Fläche und landwirtschaftliche Gebäude braucht es dazu nicht. Damit verstößt diese Nutzung gegen geltendes Recht.“

„Wirklich gutes Unternehmenskonzept“

Für die Umnutzung der alten Scheune hätten sich Stadt und Landkreis jedoch offen gezeigt, da diese historisch und kulturell erhaltenswert sei. Jedoch sei „bis heute“ der entsprechende Bauantrag nicht da. Eine „böse Behörde“ könne Meier auch nicht erkennen. „Die jetzige Produktion ist rechtswidrig. Das hat sich ja nicht der Landkreis ausgedacht, sondern er beurteilt nach geltendem bundesrepublikanischen Recht. Der Landkreis kann weder wegschauen noch kann er eine Gefälligkeitsgenehmigung ausstellen. Spätestens dann wären die Medien auch wieder da.“

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Zudem seien die Behörden dem Unternehmer schon entgegengekommen. Der Landkreis habe keine Schließung der Produktion angeordnet. „Man hat Wege aufgezeigt, wie man eine rechtssichere Genehmigung erreichen kann. Das halte ich für zumutbar. Auch für Herrn Scheel. Da ändert der beste Fernsehauftritt nichts daran.“

Abschließend hofft der Bürgermeister jedoch, dass alle Beteiligten „im Sinne der Region“ doch noch zusammenfinden. Scheels nachhaltiges Wollunternehmen hält Meier nämlich für ein „wirklich gutes Unternehmenskonzept“.

Unternehmer legt mit Kritik nach

Der oft geklickte Internetclip wurde auch auf Twitter mitunter kritisch begleitet. Zwar feierten viele Kommentatoren die Wutrede des Unternehmers, einige stärkten jedoch auch der kritisierten Verwaltung den Rücken. „Seine Argumentation ‚die ich bezahle‘ und seine Arroganz gegenüber den Leuten, die in der Verwaltung arbeiten, ist schon etwas abgehoben“, schrieb beispielsweise einer. Ein anderer argumentierte, der Unternehmer kümmere sich „nicht ansatzweise“ um die andere Seite.

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Scheel selbst hatte sich nach dem Hype gegenüber dem NDR geäußert. Die Art und Weise, „wie ich das gesagt habe, wird mir den Weg für meine Situation wahrscheinlich nicht erleichtern“, räumt der Unternehmer ein. Er hofft jedoch, dass er mit dem Video anderen Leuten helfen könnte, die von „Behörden kleingehalten“ würden.

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