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  • Brand im Krefelder Zoo vor einem Jahr: Zoodirektor Dreßen erinnert sich

Krefelder Zoodirektor: „Die Momente der besonderen ‚Männerfreundschaft‘ werde ich nie vergessen“

  • Ein Jahr nach dem verheerenden Brand im Krefelder Zoo, bei dem in der Silvesternacht 50 Tiere ums Leben kamen und nur zwei Schimpansen überlebten, ist noch lange nicht mehr alles so wie es war.
  • Zoodirektor Wolfgang Dreßen erinnert sich im Interview an das tragische Unglück.
  • Zudem erzählt er, wie ein Ort des Gedenkens aussehen könnte.
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Das war ein sehr schwieriges Jahr für alle Zoos, für Ihren ganz besonders. Was war der schwierigste Moment für Sie, was der traurigste?

Rückblickend war sicherlich der schwierigste Moment, am Morgen des Neujahrstages vor die Presse zu treten. Der traurigste Moment war, als ich die tiefen Bestürzung aller Betroffenen wie auch Helfer bei der gemeinsamen Trauerfeier in der Friedenskirche erlebt habe. Es wurde deutlich, dass Abschied nehmen nicht heißt, diese Katastrophe zu vergessen, geschweige denn mit ihr abzuschließen. Angesichts der tief im Zooteam verankerten Betroffenheit über den Verlust der Bewohner des Affenhauses traten auch die im Verlauf des Jahres aufkommenden existentiellen Sorgen des Zoos wegen der zweimaligen Schließung des Zoos durch die Pandemie zumindest emotional in den Hintergrund.

Sie planen ein neues Artenschutzzentrum Affenpark. Wann gehen die Bauarbeiten los und wie wird es ungefähr aussehen?

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Bisher gibt es nur eine Vision für den neuen Artenschutzzentrumaffenpark. Bevor die Planungen konkreter werden konnten, musste die Brandruine abgerissen werden. Dies ist Ende November geschehen. Zudem hat Politik und Verwaltung dem Zoo Flächenerweiterungen zugestanden, die nun in einem neuen Bebauungsplan festgelegt werden müssen. Wenn dies vertraglich geregelt ist, kann geplant werden. Zukünftig sollen auf über 20.000 Quadratmetern Menschenaffen und kleinere Affenarten in mehreren Häusern mit großzügigen Außenanlagen leben. Besonders wichtig ist dabei der konzeptionelle Brückenschlag zum Artenschutz, also unser Beitrag als Zoo zum Schutz der bedrohten Arten in deren natürlichen Lebensräumen. Spatenstich für den ersten Bauabschnitt kann schon in der zweiten Jahreshälfte 2021, spätestens in 2022 sein. Als erstes steht wahrscheinlich die flächenmäßige Erweiterung des Gorillagartens an.

Wie soll der Gedenkort angelegt werden?

Die Gestaltung des Gedenkortes ist eine Herausforderung, denn damit sind für die Zoomitarbeiter sehr viele Emotionen verbunden. Denn im Unterschied zu den Besuchern müssen unsere Mitarbeiter tagtäglich daran vorbei gehen. Wir haben mittlerweile einen Ort gefunden, der mit dem künftigen Projekt des Affenparks stimmig ist und der nun, nachdem die Brandruine entfernt ist, angelegt werden kann. Eine große Shona-Affenskulptur, die bis zum Brand vor dem Eingang des alten Affenhauses gestanden hat, wird Mittelpunkt der Gedenkstelle sein. Möglicherweise wird auch ein Stein aus einem Gehege des Affenhauses dort stehen wie auch ein Baum, der schon gepflanzt ist. Eine Gedenktafel wird das Geschehene auch für zukünftige Besucher darstellen.

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Hatten Sie jemals Kontakt zu den Frauen, die diesen Brand verursacht haben?

Nein, weder die Frauen noch der Zoo haben bisher den Kontakt gesucht. Da von Seiten der Polizei und der Staatsanwaltschaft die Anonymität der Frauen gewahrt wurde, kam es auch dadurch zu keinem persönlichen Kontakt. Wir wählten den medialen Weg, um den Frauen unser Mitgefühl auszudrücken. Wir sind froh, dass sie ihren Einspruch gegen den Strafbefehl zurückgezogen und somit das Strafmaß akzeptiert haben. Ein Prozess hätte sie aus der Anonymität geholt und bei vielen Menschen, uns Zoomitarbeitern eingeschlossen, die Wunden neu aufgerissen.

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Wie geht man als Zoodirektor mit haltlosen Vorwürfen um, es habe Brandschutzmängel gegeben?

Hier kann ich nur sachlich argumentieren und die oft äußerst emotional, unseriös und mit wenig Fachkenntnis vorgetragenen Vorwürfe im Detail widerlegen. Bestätigt wurde dies dann von den durch die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen eingeschalteten Sachverständigen zum Brandschutz und Baurecht, die ergaben, dass keine Verstöße gegenüber brandschutztechnischen Vorschriften oder geltendem Baurecht vorlagen.

Bally und Limbo leben noch in Krefeld. Wie geht es Ihnen, waren die beiden Affen auch psychisch belastet, traumatisiert und wenn ja, wie äußerte sich das in ihrem Verhalten?

Das Überleben von Bally und Limbo grenzt an ein Wunder. Sie haben eine 1.000 °C heiße Flammenhölle und die nachfolgenden Löscharbeiten nur leicht verletzt überstanden. Sie waren ohne Frage traumatisiert. In den ersten Tagen schliefen sie fast nur oder schauten teilnahmslos vor sich hin. Aber schon nach wenigen Tagen imponierte Schimpansenmännchen Limbo erstmals wieder. Intensives Training und die Betreuung durch die vertrauten Pfleger führten zu einer schnellen körperlichen und seelischen Heilung. Bereits im Frühjahr verhielten sie sich wieder wie vor dem Unglück. Inzwischen sind die beiden zu einem harmonischen, entspannten Paar zusammengewachsen.

Was sagen sie zu den Vorwürfen, dass die Affen nicht artgerecht gehalten werden – gibt es Pläne, wo sie demnächst leben sollen?

Ein Umzug steht für Bally aufgrund ihres hohen Alters von 48 Jahren zunächst nicht an. Sie hat altersgemäße Gesundheitsprobleme, die von unseren Zootierärztinnen gut eingestellt sind. Eine neue Umgebung mit neuen Bezugspersonen und die Anbindung an eine neue Schimpansengruppe sind in diesem Alter nur schwer zu verkraften. Schimpansen leben in einem komplexen Sozialsystem, und es ist schwierig, fremde, zumal erwachsene Tiere in solche gewachsenen Gruppen zu integrieren. Hier suchen wir mit den Zuchtbuchführern des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms nach geeigneten Lösungen, die sich aber noch nicht ergeben haben.

Welche Bindung hatten Sie ganz persönlich zu den getöteten Tieren und gab es eines, das Ihnen besonders am Herzen lag?

Obwohl ich im Gegensatz zu meinen Anfangsjahren hier im Zoo in den letzten Jahren nie mehr täglich im Affenhaus war, kannten mich natürlich alle Menschenaffen aufgrund ihres hervorragenden Gedächtnisses, da sie mich sowohl vor wie hinter den Kulissen erlebt haben. Ein besonderes Verhältnis hatte ich zu dem Schimpansenmännchen „Charly“. Über zwei Jahrzehnte war ich für ihn Persona non grata, ein im Affenhaus und insbesondere vor seinem Gehege unerwünschter Eindringling. Sein Imponierverhalten mit dem berühmten Sprung gegen die Panzerglasscheibe, seine Lautgebung wie auch das sehr gezielte Werfen mit Kot beeindruckten die Besucher bei allen meinen Führungen. Dieses aggressive Verhalten mir gegenüber änderte sich vor einigen Jahren von einem Tag auf den anderen. Von nun an war ich sein bester Freund, er begrüßte mich herzlich, streckte mir seine Arme entgegen und forderte mich zum gegenseitigen Lausen auf. Diesen Wandel und die vielen Momente einer neuen, besonderen „Männerfreundschaft“ über die Arten hinweg, räumlich getrennt nur durch ein Gitter oder eine Glasscheibe, werde ich nie vergessen.

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