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Absturz vom Helden zum „Pleitepromi“

Psychotherapeut zum Fall Becker: „Prozess kann positive Wirkung auf sein Leben haben“

Boris Becker verlässt nach einem Prozesstag den Southwark Crown Court in London. Am 29. April soll das Strafmaß verkündet werden.

Boris Becker hat seit Bekanntwerden seiner Insolvenz so viel Häme abbekommen wie kaum ein anderes Sportidol. Seinen Absturz vom gefeierten Helden zum „Pleitepromi“ dürfte fast die ganze Welt mitbekommen haben. „Ich habe mich geschämt, dass ich pleite war“, sagte er im Gerichtsprozess. Mittlerweile hat die Jury ihn wegen Insolvenzverschleppung in vier von 24 Anklagepunkten schuldig gesprochen. Eine Haftstrafe ist möglich. An diesem Freitag soll das Urteil verkündet werden. Seitdem sitzt Becker auf heißen Kohlen.

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Wie geht man mit solch einer Situation um? Beckers Leben war schon immer von Siegen und Niederlagen geprägt. Die Siege feierte er hauptsächlich auf dem Tennisplatz. Die Niederlagen durchzogen sein Privat- und Geschäftsleben. Immer wieder erholte er sich davon. Wie etwa nach der Verurteilung wegen Steuerhinterziehung, die eine Bewährungsstrafe zur Folge hatte. „Die Marke Becker“, wie er den Status um seine Person selbstvermarkterisch nennt, blieb bestehen. Doch der aktuelle Prozess am Londoner Southwark Crown Court hat eine neue Qualität. Jetzt muss er als 54-jähriger Vater von vier Kindern um seine Freiheit bangen.

Der Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Krüger sieht darin aber auch eine Chance für Becker. „Die drohende Verurteilung ist erst mal eine dramatische Situation, die aber dazu führen kann, dass der Betroffene dazu gezwungen wird, sein Leben zu ändern“, sagt er im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Es setzt ein nüchterner Angsteffekt ein, der in dem Sinne etwas Positives hat, weil das entgrenzte Leben ausgebremst wird.“

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Becker und das „entgrenzte Leben“

Das entgrenzte Leben, wie Krüger die Eskapaden und Skandale nennt, war immer Teil der „Marke Becker“ und Grund für die Faszination, die vom einstigen Tennisidol ausging. „Egal ob in der Liebe oder mit dem Geld. Sein ganzes Leben war ein Drama auf Seilen“, sagt Krüger. „Daraus ergibt sich eine allgemeine Strukturschwäche im Leben. Der Prozess kann jetzt aber eine positive Wirkung haben, indem er sein Leben überdenkt.“

Diese mögliche Strukturschwäche in Beckers Leben kommt für Krüger nicht überraschend. „Das Drama bei berühmten Persönlichkeiten im jungen Alter ist oft, dass eine ruhige Entwicklung in der Pubertät nicht stattfinden kann. Es gibt dann eine Entwicklung in Richtung Narzissmus“, so der Psychotherapeut. „Erfolge, Anerkennung und permanente Bestätigung von außen führen dazu, dass das innere Leben zu gering ausgeprägt ist. Das Leben kommt dann in eine Schräglage. Bei Boris Becker ist das offenkundig der Fall.“

Es ist die Drohung, ins Gefängnis zu kommen, die Menschen dazu zwingt, ihr Leben zu ändern.

Psychotherapeut Wolfgang Krüger

Der Prozess und eine mögliche Haftstrafe also als Chance, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen – abseits von Klatsch und Tratsch? Ein Boris Becker ohne Skandale und Boulevardschlagzeilen scheint kaum vorstellbar. Doch nicht nur das juristische – auch das öffentliche Urteil könnte ihn dazu zwingen. Becker könnte in den Augen der Öffentlichkeit den Bogen überspannt und Sympathien verspielt haben.

Welche Auswirkungen hat also der öffentliche Druck auf einen möglichen Lebenswandel Beckers? Wolfgang Krüger meint dazu: „Die Wahrnehmung der Öffentlichkeit ist dafür nicht entscheidend. Es ist die Drohung, ins Gefängnis zu kommen, die Menschen dazu zwingt, ihr Leben zu ändern.“ Das familiäre Umfeld sei dabei „der entscheidende Stabilitätsfaktor“, um den Prozess durchzustehen.

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Krüger glaubt an die Möglichkeit eines neuen Images für Becker und an ein Leben danach. „Die Öffentlichkeit wird ihm verzeihen können. Die Entgrenzung war schon immer Teil seines Lebens, und man hat ihm seine Fehltritte verziehen. Wenn er das durchgestanden hat und er seine neue Rolle gefunden hat, wird man ihm auch das verzeihen.“

Ähnlich sieht das auch der Markenexperte Colin Fernando. Im RND-Interview lobt er Boris Beckers Tätigkeit als Tennisexperte im Fernsehen und könnte sich diese Rolle für ihn auch nach einer Verurteilung vorstellen. Allerdings sagt er auch: „Man weiß nicht, welche Entwicklung die Marke Boris Becker einnehmen wird.“ Die Strafmaßverkündung am Freitag könnte erste Antworten liefern.

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