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Pyrotechnik-Verbandschef zu Böllerverbot: „Die Begründung ist völlig haltlos“

Klaus Gotzen, Geschäftsführer des Verbands der pyrotechnischen Industrie (VPI), ist sehr besorgt über die Zukunft der Branche.

Ratingen. Auch im zweiten Jahr mit Corona wird es ein bundesweites Böllerverbot in Deutschland geben. Darauf haben sich Bund und Länder im Rahmen der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) am Donnerstag verständigt, wie das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erfuhr. An Silvester und Neujahr darf somit nicht im privaten Raum geböllert werden.

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Der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI) zeigt keinerlei Verständnis für diese Entscheidung. „Das ist für viele unserer Mitgliedsunternehmen wahrscheinlich der Todesstoß“, betont VPI-Geschäftsführer Klaus Gotzen kurz nach Bekanntwerden der Entscheidung gegenüber dem RND. „Ich kann die Entscheidung nicht verstehen, die Begründung ist völlig haltlos“, führt er aus.

Gotzen: „Begründung an den Haaren herbeigezogen“

Der Hauptgrund der Regierung ist, dass die Krankenhäuser durch ein solches Verbot entlastet werden sollen. Das sei schlichtweg eine Behauptung, welche in keiner Weise belegt sei, sagt Gotzen. Im Gegenteil: „Nach Angaben des kommunalen Krankenhausbetreibers Vivantes sind lediglich 5 Prozent aller Krankenhausbesuche in der Silvesternacht auf Feuerwerk zurückzuführen. Vielmehr werden in der Nacht Verletzungen nach gewalttätigen Auseinandersetzungen behandelt, oder die auf den Alkoholkonsum zurückzuführen sind“, erläutert der Verbandschef. Auch der Präsident der Krankenhausgesellschaft Gerald Gaß habe dies bestätigt.

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Gotzen nennt ein Beispiel: Der bayerische Landtag habe auf Nachfrage bekannt gegeben, dass in der Silvesternacht 2019/20 in ganz Bayern 25 Personen durch Feuerwerkskörper verletzt worden waren. „In der Landeshauptstadt München war es sogar nur eine Person“, betont Gotzen. „Insofern scheint die Begründung der Regierung an den Haaren herbeigezogen.“

Einfuhr von illegalem Feuerwerk gestiegen

Auch der Bund Deutscher Kriminalbeamter habe sich bereits im vergangenen Jahr zu Wort gemeldet und sich laut Gotzen klar gegen ein Feuerwerksverbot ausgesprochen. „2020 wurde mit Sorge festgestellt, dass die Einfuhr von illegalem Feuerwerk aus anderen europäischen Ländern zugenommen hat“, sagt der VPI-Vorsitzende. Dieses sei im Ausland zwar teilweise legal, aber in Deutschland verboten. „Die Gefahr bei der Verwendung solcher Artikel ist wesentlich größer und kann zu schwereren Verletzungen führen. Das Verbot hat also genau den gegenteiligen Effekt, den die Regierung damit erreichen möchte“, kritisiert Gotzen.

Nicht nur die Gefahr für Menschen, die mit illegalem Feuerwerk hantieren, sei offenbar nicht bedacht worden, meint der Verbandschef. Auch die wirtschaftlichen Folgen seien außer Acht gelassen worden. „Die bereits hergestellten Produkte müssen wahrscheinlich für teuer Geld vernichtet werden. Wir reden hier von rund 200.000 Paletten Feuerwerk“, betont Gotzen, der für einige der Mitgliedsunternehmen wenig Hoffnung hat. „Es ist das zweite Jahr in Folge. Den Unternehmen wird die Lebensgrundlage wegen nicht belegter Behauptungen genommen“, schildert Gotzen die dramatische Situation für die Feuerwerkshersteller. Das Silvestergeschäft würde dem VPI-Chef zufolge bei den meisten Unternehmen rund 90 Prozent des Jahresumsatzes ausmachen. Manche seien ausschließlich auf die Feierlichkeiten in das neue Jahr spezialisiert.

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Gotzen: „Es geht ums blanke Überleben“

Der Verbandsvorsitzende hält rechtliche Schritte gegen die Entscheidung des Bundes und der Länder angesichts der Lage für wahrscheinlich. „Es geht ums blanke Überleben und es bleibt ihnen eigentlich gar nichts anderes übrig“, stellt Gotzen klar. Auf finanzielle Hilfen hofft er nicht. Im vergangenen Jahr galten die Überbrückungshilfen III nicht für die Pyrotechnikindustrie. Erst nach langen und intensiven Gesprächen wurde die Branche aufgenommen. Auf das Geld warten die meisten Unternehmen allerdings noch immer. „Teilweise sind noch keine Auszahlungen vorgenommen worden, die Anträge sind immer noch in der Bearbeitung.“ Wie das für das kommende Jahr aussehen wird, möchte der VPI-Chef nicht prognostizieren: „Es stellt sich die Frage, ob das den Firmen dann überhaupt noch hilft, oder nicht schon jetzt Insolvenz angemeldet werden muss, weil die aktuell noch ausstehenden Verbindlichkeiten so hoch sind.“

Für die Branche sei die am Donnerstag getroffene Entscheidung ein Schlag ins Kontor. „Wir haben ein erneutes Verbot nicht erwartet. Gerade weil wir im letzten Jahr bereits festgestellt haben, dass die Behauptungen zu Verletztenzahlen nicht belegt sind und das private Abbrennen von Feuerwerkskörpern hätte coronagerecht stattfinden können. Es ist schade, dass die Politik diesen Weg gegangen ist“, sagt Gotzen enttäuscht.

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