Bistum Münster: 200 Priester in Missbrauch verwickelt

  • Mindestens 200 Priester des Bistums Münster haben seit 1945 rund 300 Menschen missbraucht.
  • Das fanden Forscher der Uni Münster heraus.
  • Das Bistum habe dabei bereits seit den 50er Jahren von den Verbrechen gewusst.
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Münster. Mindestens 200 Priester des Bistums Münster haben sich nach Einschätzung von Forschern seit 1945 des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht. Rund 300 Menschen sollen Opfer geworden sein, wie der Historiker Thomas Großbölting am Mittwoch bei der Vorstellung von Zwischenergebnissen der vom Bistum in Auftrag gegebenen geschichtlichen Aufarbeitung sagte.

Bei konsequentem Vorgehen gegen die Beschuldigten hätten die früheren Bischöfe etliche Taten verhindern können. Der Interventionsbeauftragte des Bistums, Peter Frings, erklärte, das Versagen der damals Verantwortlichen mache fassungslos.

Missbrauchsfälle in der Kirche: Forscher gehen von hoher Dunkelziffer aus

Großbölting sagte, bei den Missbrauchsfällen sei von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Laut einer Zufallsstichprobe von Fällen mit 49 Beschuldigten und 82 Betroffenen seien rund 90 Prozent der Opfer männlich, hieß es weiter. Bei dem ersten Missbrauch seien sie durchschnittlich elf Jahre alt gewesen. Besonders häufig hätten die Taten nach Angaben der Opfer in den 1960er- und 1970er-Jahren begonnen (31 beziehungsweise 15 Betroffene) und im Einzelfall bis zu zehn Jahren angedauert. Die Bandbreite der Übergriffe reichte demnach von als anzüglich empfundenen Äußerungen bis zu schwerem fortgesetzten sexuellen Missbrauch.

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Ein bedeutender Teil der Vergehen gehe auf einige namentlich bekannte Intensiv- und Langzeittäter zurück, erläuterten die Forscher. Gegenüber diesen Mehrfachtätern habe es ein massives Leitungs- und Kontrollversagen der Führung des Bistums gegeben. Genannt wurden in diesem Zusammenhang die zwischen 1962 und 2008 amtierenden Bischöfe Joseph Höffner, Heinrich Tenhumberg und Reinhard Lettmann. Sie hätten die Täter zum Teil trotz Bewährungsstrafen in der Pfarrseelsorge belassen.

Verhältnis zwischen Bischöfen und Priestern in der Kritik

Eine Ursache für das Versagen sei das Spannungsverhältnis zwischen den Rollen der Bischöfe als Seelsorger der Priester und zugleich als deren Vorgesetzte und Richter. Sie hätten in den Tätern vorzugsweise den „Mitbruder“ gesehen, dem Sünden zu vergeben seien.

Der Interventionsbeauftragte Frings betonte, die Forscher hätten deutlich gemacht, dass die Bistumsleitungen der Vergangenheit von zahlreichen Missbrauchsfällen gewusst, die Täter aber weder angezeigt noch aus der Seelsorge entfernt hätten. Für die Verantwortlichen sei die „Fortführung der priesterlichen Existenz“ der Beschuldigten und das Bild der Kirche nach außen offenbar „die oberste Leitschnur ihres Handelns“ gewesen. „Das bleibt für uns heute unverständlich und lässt uns fassungslos zurück“, erklärte Frings. Die Missbrauchsopfer seien ganz „aus dem Blick gelassen“ worden.

Bistum wusste seit den 1950er Jahren vom Missbrauch

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Seit den 1950er Jahren hätten die jeweiligen Bistumsleitungen von sexuellem Missbrauch durch Priester gewusst, hieß es weiter. Bis zum Jahr 2000 seien 32 Fälle von Betroffenen oder Dritten gemeldet worden. Zum Teil auch in Verletzung des kircheneigenen Regelwerks hätten die Verantwortlichen aber auf ein kirchenrechtliches Verfahren oder die Suspendierung des Täters verzichtet. Stattdessen seien die beschuldigten Geistlichen aus der Gemeinde genommen, übergangsweise in eine Therapie gekommen und nach einer Karenzzeit wieder in der Seelsorge eingesetzt worden.

Vor 2002 habe es im Bistum Münster keine kirchenrechtlichen Verfahren gegen mutmaßliche Missbrauchstäter gegeben, erklärten die Wissenschaftler. Der Geschichtsprofessor Großbölting sagte, dies habe sich erst geändert, nachdem der Vatikan auf korrekte Verfahren gedrängt hatte und die Diözesen aufgefordert habe, die Fälle nach Rom zu melden.

Forschungsteam der Uni Münster arbeitet die Missbrauchsfälle auf

Großbölting lobte die „volle und vorbehaltlose Unterstützung“ der Diözese. Bistumsleitung, Interventionsbeauftragter, Archiv und Verwaltung täten ihr Möglichstes, die historische Aufarbeitung voranzubringen. Er habe nicht den Eindruck, dass Akten „frisiert“ worden seien, sagte der Hamburger Hochschullehrer. Die Dokumentation der Fälle in den Unterlagen bezeichnete er als „sehr zurückhaltend“.

Ein fünfköpfiges Forschungsteam der Universität Münster arbeitet seit September 2019 den Missbrauchsskandal im Bistum Münster historisch auf. Bisher haben die Wissenschaftler nach eigenen Angaben rund 100 Akten ausgewertet und 70 Interviews mit Betroffenen geführt. Endgültige Ergebnisse sollen demnach im Frühjahr 2022 vorgelegt werden. Das Bistum Münster stellt den Angaben zufolge für die Studie rund 1,3 Millionen Euro zur Verfügung.

RND/epd

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