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Ansturm auf Skigebiete: Wir müssen über den Corona-Koller sprechen

  • Tausende Tagestouristen stürmen die Skipisten im Harz und im Sauerland – und werden dafür von allen Seiten kritisiert.
  • Doch ist es gerechtfertigt, die Ausflügler so hart zu verurteilen?
  • Oder sollten wir uns nicht dringend mit der Ursache dieses Verhaltens beschäftigen?
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Winterberg. Die Bilder aus Sauerland und Harz lösen Kopfschütteln aus: Hunderte Autos stauen sich auf den Straßen in die Skigebiete, die Parkplätze sind restlos überfüllt, Wagen bleiben im Schnee stecken, die Pisten sind überlaufen als gäbe es gar keine Pandemie. Und aus allen Richtungen schallt nur diese eine Frage: „Geht‘s noch, Leute?“

Der Bürgermeister von Winterberg, Michael Beckmann (CDU), beispielsweise zeigte sich am Sonntag vor einer „Bild“-Kamera „tief enttäuscht“ von den Ausflüglern. „Unser Ministerpräsident Armin Laschet hat dazu aufgerufen, zu Hause zu bleiben, aber das hat alles nicht gefruchtet, also ist die Zeit der Appelle jetzt vorbei.“ Die Stadt sperrte schließlich Pisten, Parkplätze und Zufahrtsstraßen endgültig – Ausflügler wurden von der Polizei abgewiesen und nach Hause geschickt.

Verärgert sind auch zahlreiche Kommentatoren im Netz: Als „Honks dieser Gesellschaft“ bezeichnet beispielsweise eine Kommentatorin auf Facebook die Ausflügler, als „egoistisch und unsolidarisch“ eine andere. Und regionale Medien finden es „traurig“, dass Polizei und Ordnungsamt jetzt einschreiten müssen und fordern: „Einfach mal zu Hause bleiben“.

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Video
RND-Videoschalte: Bürgermeister Michael Beckmann: "Sowas haben wir in Winterberg noch nicht erlebt"
5:12 min
Winterberg wurde von Tagestouristen überrannt und mittlerweile abgeriegelt. Der Bürgermeister der Stadt, Michael Beckmann, über die aktuelle Situation.  © RND

Die Sache ist kompliziert

Egoistische Rodler als Deppen der Nation. Das ist jetzt der weit verbreitete Erklärungsansatz für das Verhalten, das wir seit einigen Tagen in Winterberg, Torfhaus und anderen Schneegebieten des Landes beobachten. Es ist ein schlüssiger Erklärungsansatz – aber eben auch ein ziemlich einfacher. Der komplizierte geht so:

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Wer sich die Bilder unzähliger Kamerateams aus dem Sauerland und Harz anschaut, wird schnell erkennen, wer sich da eigentlich auf den Pisten herumtreibt. Es sind größtenteils Familien, darunter unzählige Kinder. Ein sichtlich gestresster Vater bringt das Problem vor einer ZDF-Kamera auf den Punkt: „Die Kinder sitzen nun schon seit ...“, dann seufzt er. „Kein Sport, nichts mehr, also tut mir leid. Kein Verständnis mehr.“ Und egoistisch klingt das in diesem Augenblick nicht – es klingt eher wie pure Verzweiflung. Der Corona-Koller hat zugeschlagen.

Schon zu Beginn des ersten Lockdowns vor fast einem Jahr prallten bei der Frage des „Zuhausebleibens“ zwei Welten aufeinander. Die Welt derjenigen, die sich wunderbar mit der neuen Situation arrangieren konnten, den Lockdown gar als Chance oder wunderbare Auszeit auffassten. Und die Welt derjenigen, die bestenfalls ein bisschen durchdrehten – und schlimmstenfalls an der neuen Situation zerbrachen.

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Wenn die Kinder auf der Nase rumtanzen

Zu nennen wären da mitunter Familien: Was tun, wenn die Schule wochenlang geschlossen ist, wenn die Kinder allmählich auf der Nase herumtanzen, wenn der matschige Gelsenkirchener Stadtgarten schon Hunderte Mal besucht wurde, wenn es möglicherweise auch schon mit dem Ehepartner kriselt und die einzige Aussicht auf ein bisschen Spaß das verschneite Sauerland ist? „Wer freiwillig ins Sauerland fährt, muss schon arg verzweifelt sein“, schrieb kürzlich jemand süffisant auf Twitter. Und vielleicht hat er damit mehr recht als er glaubt.

Wer vorschnell verurteilt, dass Menschen nicht mal eben zwei bis vier Monate zu Hause bleiben können, der ist möglicherweise kinderlos, oder hat ein großes Eigenheim mit Garten – oder aber mindestens eine sehr gesunde Psyche, die derartige Ausnahmesituationen möglich macht. Für die fünfköpfige Familie im Gelsenkirchener Mehrfamilienhaus ohne Balkon sieht die Situation aber anders aus. Und ebenso für Menschen, die der Dauerlockdown psychisch enorm belastet. Während für die einen die eigene Tapete und Netflix immer noch das schönste sind, was sie sich in dieser Situation vorstellen können, schreit es in anderen einfach nur „raus, raus, raus hier“.

Was wir dann sehen, ist grenzenloser Egoismus – aber eben nicht die Geschichte dahinter. Rücksichtslose Leute auf Skipisten, während im Krankenhaus um die Ecke Patienten an Corona sterben. Wie unsolidarisch kann man sein? Dass die Pandemie aber eben nicht nur ein Virusproblem ist, sondern Menschen auch anderweitig schwer belastet, wird inzwischen nahezu gar nicht mehr thematisiert. Politiker mahnen in Dauerschleife, auf Ausflüge zu verzichten – andere sprechen schon von einem „unbefristeten Lockdown“. Der Januar war schon vor der Corona-Krise der Depressionsmonat schlechthin. Und für viele Menschen dürften die immer radikaler formulierten Mahnungen die Situation noch weiter verschlimmern.

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Nichts geht mehr im Harz - Verkehrschaos bei Torfhaus
1:04 min
Einen Massenandrang gab es auch auf den beliebten etwa neun Kilometer langen Goetheweg von Torfhaus zum Brocken.  © dpa
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Ein Teufelskreis

Die Winterausflügler sind keine ignoranten Corona-Leugner, die etwa in Nürnberg zu „Ein bisschen SARS muss sein“ Polonäse tanzen. Wir sprechen hier von Menschen, die einen Ausflug an die frische Luft machen. Etwas, das bislang weder verboten und bis vor einigen Tagen nicht mal moralisch verwerflich war. Die Tatsache, dass nun auch das bald verboten sein könnte, scheint in vielen etwas auszulösen wie beim Klopapierhamstern Anfang März: Schnell noch nach Winterberg, bevor es gar nicht mehr geht. Ein Teufelskreis.

An dieser Stelle lohnt es sich vielleicht, auch mal die Frage zu stellen, ob unser Umgang mit dem Tourismus eigentlich der Richtige ist. Denn dafür, dass sich Tausende Menschen ausgerechnet an einem Ort versammeln, gibt es auch ganz rationale Gründe: Die Politik hat den Menschen nahezu alle anderen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung genommen.

Bei jedem Lockdown wird der Tourismus als ebenso gefährlicher Pandemietreiber behandelt wie etwa ein Club- oder Restaurantbesuch – und das dürfte auch stimmen, sofern sich zu viele Menschen an einem Ort versammeln.

Was nun passiert, wirkt jedoch wie ein riesiger Backclash: Weil in Deutschland keinerlei touristische Übernachtungen mehr erlaubt sind (nein, nicht mal Ferienhäuser, die Abstand garantieren würden), drängen sich die Urlaubswütigen nun ohne Abstand an Flughäfen, um ins Ausland zu fliegen. Die anderen überlaufen die wenigen verbliebenen Ausflugsziele in ihrer Nähe, wie eben den Harz oder das Sauerland. Wäre es nicht viel sinnvoller, die Menschen auf große Flächen zu verteilen und Tourismuskonzepte mit Abstand zu ermöglichen?

Wer ist hier eigentlich unsolidarisch?

Nichts deutet darauf hin, dass über derartiges überhaupt nur nachgedacht wird. Die Pandemie wird seit Beginn ausschließlich rational gedacht. Reisen und Erholung gelten genau wie Kunst und Kultur als Luxusgut. Man kann es nicht anfassen, also ist es auch nicht zwingend notwendig. Auf Verständnis ist nicht zu hoffen, stattdessen dürften die Regeln eher härter werden.

Die Pisten in Winterberg sind jetzt gesperrt, andere fordern bereits Ausgangssperren am Tage, um die „Egoisten“ endgültig zum Zuhausebleiben zu zwingen. All das heizt die Situation nur noch mehr an – und es wird Zeit, dass wir damit aufhören.

Wir müssen über den Corona-Koller sprechen, wir müssen über Corona als psychische Belastung sprechen. Wir müssen einsehen, dass uns die Pandemie nicht nur aus virologischer Sicht gefährdet, sondern auch auf anderen Ebenen.

Was nichts hilft, sind ständige Belehrungen von Politikern mit Eigenheim und großem Garten oder hochnäsigen Internetkommentatoren ohne Kinder. Es löst das Problem nicht, ständig die eigenen Privilegien zum Maß aller Dinge zu machen. Im Gegenteil: Das ist mindestens genauso unsolidarisch wie eine Skiparty inmitten einer Pandemie.

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