Die amerikanische Ursünde: Rassismus in der Corona-Krise so lebendig wie eh und je

  • Der Afroamerikaner fleht um Hilfe, doch das Knie eines weißen Polizeibeamten bleibt ihm unerbittlich im Genick – George Floyd stirbt.
  • Der Fall nährt in den USA erneut Rassismusvorwürfe gegen die Polizei.
  • Und er zeigt, dass es das viel beschriebene Zusammenrücken in der Corona-Krise nicht gibt.
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Wenn man sich die neuesten Werbespots amerikanischer Firmen anschaut, dann können einem schon mal Tränen der Rührung in die Augen schießen. Gleich ob es der Automobilhersteller Ford ist, der Supermarktriese Walmart, der Bierhersteller Budweiser oder Facebook, die Botschaft ist überall die gleiche: “We are one team”, wie es Budweiser ausdrückt.

In der Werbewelt ist Amerika in den vergangenen Wochen zusammengerückt – eine große Solidargemeinschaft von 330 Millionen Menschen. Jeder bringt Opfer und jeder hilft jedem, allen voran die Wirtschaft.

Doch wenn es die Nachrichten der vergangenen Wochen vom Versagen der Regierung, der Unfähigkeit Donald Trumps und der schockierend hohen Anzahl von Toten nicht geschafft haben, dieses hübsche Bild zu zerstören, dann haben die Schlagzeilen des Dienstags endgültig solche Illusionen pulverisiert. Dass die Corona-Krise in Amerika die tiefen Risse in seinem sozialen Gefüge hat kitten können, erscheint seit Dienstag wie eine Schimäre.

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Video zeigt Tod: “I can’t breathe”

Aus Minneapolis tauchte ein Smartphone-Video auf, in dem zu sehen ist, wie ein schwarzer Mann langsam und qualvoll von einem Polizisten ermordet wird. Sechs Minuten lang kniet der Beamte Derek Chavin auf dem Hals von George Floyd, während dieser darum fleht, aus dem Würgegriff entlassen zu werden. Dann hört Floyd auf sich zu bewegen.

Es sind Bilder, die Amerikaner in den vergangenen Jahren, seit es überall auf den Straßen Kameras gibt und jedermann soziale Medien benutzt, nur allzu gut kennengelernt hat. Erst sechs Jahre ist es her, dass in New York Eric Garner mit den gleichen Worten im Schwitzkasten von vier Beamten starb wie nun George Floyd: “I can’t breathe.”

Die Liste der Opfer rassistischer Polizeigewalt, die in den vergangenen Jahren publik gemacht wurde, ist lang: Trayvon Martin, Michael Brown, Tamir Race, Philando Castile, Freddy Grey – das waren nur die prominentesten Fälle. Man geht davon aus, dass bis zu 1000 Angehörige von Minderheiten pro Jahr in den USA durch Polizeigewalt sterben. Wie viele davon Opfer exzessiver, rassistisch motivierter Gewaltanwendung sind, lässt sich in den vielen Fällen, in denen keine Kamera mitlief, nicht rekonstruieren. In den allerwenigsten Fällen werden Polizeibeamte juristisch belangt.

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Video
US-Behörden entlassen vier Polizisten nach Fall von Polizeigewalt
1:05 min
Einer der Polizisten hatten bei einer Festnahme minutenlang auf dem Hals eines afroamerikanischen Mannes gekniet und ihn damit getötet.  © Reuters

“Die Polizei ist ein Spiegel Amerikas”

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Natürlich existiert das Phänomen der Polizeigewalt gegen Minderheiten in den USA nicht erst, seit es Smartphone-Kameras gibt. Die Rassenunruhen in Detroit, Los Angeles und Newark in den 60er-Jahren wurden durch das gleiche Gefühl von Afroamerikanern, der Staatsgewalt schutzlos ausgeliefert zu sein, ausgelöst. Zu Beginn der 90er-Jahre mündete das brutale Niederknüppeln von Rodney King in Los Angeles in einem einwöchigen Aufstand.

Männliche Afroamerikaner leben in und mit der Erwartung, dass sie jederzeit Opfer solcher Gewalt werden können. So schrieb der schwarze Intellektuelle Ta-Nehisi Coates 2015 in einem offenen Brief an seinen Sohn: “Spätestens jetzt weißt du, dass die Polizeireviere deines Landes mit der Befugnis ausgestattet sind, deinen Körper zu zerstören. Und Zerstörung ist auch nur die Steigerung einer Herrschaft, die Filzen, Festnehmen, Schlagen und Demütigen vorsieht. All das ist normal für Schwarze.”

Coates gilt als Protagonist dessen, was in den USA heute als Afropessimismus bezeichnet wird. Er zeigt in seinen Arbeiten immer wieder auf, wie Rassismus in den USA kein Übel ist, das leicht zu beseitigen wäre, sondern eines, das für das Land konstitutiv ist. “In Wahrheit”, schreibt er, “ist es so, dass die Polizei ein Spiegel Amerikas ist, und was auch immer wir vom Strafrecht dieses Landes halten, man kann nicht behaupten, es sei von einer repressiven Minderheit durchgedrückt worden.”

Für Coates’ Pessimismus gibt es in diesen Tagen mehr Anlass als je zuvor. Wer geglaubt hat, die Krise habe Amerika dazu bewegt, seine dunkle Seite abzuschütteln, der wurde in dieser Woche eines Besseren belehrt.

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Rassismus in der Corona-Krise so lebendig wie eh und je

Dazu passte ein Vorfall im New Yorker Central Park, der den Mord an George Floyd auf beinahe unheimliche Art und Weise spiegelte und ergänzte. Ebenfalls am Dienstag rief eine weiße Spaziergängerin die Polizei, weil sie sich von einem schwarzen Mann bedroht fühlte.

Im Vergleich zu den Ereignissen von Minneapolis mochte die Episode harmlos erscheinen. Doch für Afroamerikaner offenbarte sie dieselbe schmerzliche Wahrheit. In dem Video, das der Mann, ein begeisterter Hobbyornithologe, der alles andere als bedrohlich ist, schoss, ist zu sehen, wie die Frau hysterisch in das Telefon schreit, dass ein Afroamerikaner hinter ihr her sei. Für schwarze Amerikaner lässt ein solches Verhalten alle möglichen Warnlampen anspringen.

Die Frau wusste instinktiv, dass man ihre Ängste bei der Polizei ernster nehmen würde, wenn sie ihren vermeintlichen Angreifer als schwarz identifiziert. Damit gefährdete sie aufgrund ihrer rassistisch motivierten Ängste das Leben des Mannes, der wie jeden Tag im Park unterwegs war, um Vögel zu beobachten.

Vorfälle wie dieser haben nicht erst in den vergangenen Jahren in den USA einen tödlichen Ausgang. Die lange und grausame Geschichte von Lynchmorden ist voll von weißen Frauen, die sich irrational von schwarzen Männern bedroht fühlen. Der traumatischste solcher Vorfälle war 1955 der Tod des 14 Jahre alten Emmett Till, der angeblich eine weiße Frau in Mississippi lüstern angeschaut hatte. Till wurde grausam an ein Auto gebunden und zu Tode geschleift. Der Vorfall war eines der Ereignisse, die zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung der 60er-Jahre führten.

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Wenn es noch eines Nachweises bedurft hatte, dass die amerikanische Ursünde des Rassismus in der Corona-Krise so lebendig ist wie eh und je, dann hat dieser Dienstag ihn endgültig geliefert. Für die meisten Amerikaner kam diese Eskalation jedoch kaum als Überraschung.

Corona-Krise trifft Minderheiten besonders stark

So war schon sehr schnell nach dem Ausbruch des Coronavirus in den USA klar, dass er die Minderheiten des Landes besonders stark trifft. Die Verschränkung von Rasse und sozioökonomischer Benachteiligung richtete bei der afroamerikanischen Bevölkerung katastrophale Schäden an. Laut einer gemeinsamen Studie von vier Forschungsinstituten betreffen 25 Prozent der Todesfälle infolge einer Covid-Erkrankung in den USA Afroamerikaner. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt gerade einmal 13,4 Prozent.

Die Gründe liegen in niedrigen Einkommen, einem mangelhaften Zugang zu medizinischer Versorgung und beengten Wohnquartieren. Viele Afroamerikaner sind dazu gezwungen, zur Arbeit zu gehen. Die Gefängnisbevölkerung, die besonders gefährdet ist, ist überproportional afroamerikanisch – ebenfalls die Folge eines rassistischen Strafrechtssystems.

Der Kolumnist Adam Serwer beschreibt im Magazin “Atlantic” diese vorhersehbaren Statistiken als Teil des “Rassenvertrags” in Amerika, den er als Ergänzung zum Sozialvertrag sieht. In Amerika habe man sich in unsichtbarer Tinte darauf geeinigt, dass die afroamerikanische Minderheit nicht im selben Maß an der Gesellschaft teilhat wie die weiße Mehrheit.

Zusammengerückt ist die USA bislang alleine im Kleinen

Das ist laut Serwer nicht zuletzt daran abzulesen, dass, wie er es ausdrückt, die Trump-Regierung in jenem Moment aufgehört hat, das Virus als Krise zu begreifen, in dem sie gemerkt hat, wer daran stirbt. Zuerst, so Serwer, habe Trump das Virus vollkommen ignoriert. Dann gab es eine Phase, in welcher er sich als Krisenmanager inszenieren wollte. Nun, da klar ist, dass in der Hauptsache die ärmere und schwarze Bevölkerung betroffen ist, kann er gar nicht schnell genug die Wirtschaft wieder anwerfen.

So hat die Corona-Krise bislang, wie Barack Obama bei einer Ansprache vor schwarzen Studenten am vergangenen Wochenende sagte, die Decke über den tiefen ungelösten Problemen des Landes zurückgezogen: allen voran dem unausrottbaren Rassismus. Zusammengerückt wird bislang alleine im Kleinen, in einzelnen Akten der Güte und der Solidarität.

Das Einzige, was Amerika bleibt, ist das, was Ta-Nehisi Coates seinem Sohn mitgegeben hat: “Dies ist dein Land, dies ist deine Welt. Dies ist dein Körper und du musst irgendeine Art und Weise finden, darin zu leben.”

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