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Ahrtal noch immer im Krisenmodus: Hotel wird zum Notrathaus

Rheinland-Pfalz, Altenahr: Ein Hotel wird zum Behelfsrathaus der Verbandsgemeinde Altenahr. EIn halbes Jahr nach der Flut bestimmten die Nachwirkungen immer noch den Alltag.

Altenahr/Bad Neuenahr-Ahrweiler.Einmal haben sie sich das in ihrem Stress gegönnt: Zusammen sind sie die sieben Kurven einer Sommerrodelbahn hinuntergedüst, die Mitarbeiter der flutgeschädigten Verbandsgemeinde (VG) Altenahr. Gleich nebenan arbeiten sie in ihrem „Behelfsrathaus“, dem Hotel „Am Roßberg“ hoch über dem Ahrtal. Unten nahe dem Flüsschen ist ihr denkmalgeschütztes großes Rathaus im Erdgeschoss immer noch zerstört und teils mit Spanplatten verrammelt. „Da ist das Wasser zwei Meter hoch reingelaufen“, erinnert sich Verbandsbürgermeisterin Cornelia Weigand (parteilos). Nun sind die Mitarbeiter in ihrem „Behelfsrathaus“ enger zusammengerückt.

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Die Wassermassen vom 14. und 15. Juli

134 Menschen hat die Sturzflut vor einem halben Jahr im Ahrtal nach extremem Starkregen getötet und mehr als 750 verletzt. Rund 8800 Gebäude haben die Wassermassen am 14. und 15. Juli beschädigt oder zerstört - auch Rathäuser. Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden sind weggeschwemmt, Schreibtische und Computer zerstört worden. Doch die kommunalen Verwaltungen müssen weiter funktionieren und den jahrelangen Wiederaufbau des Flusstals stemmen. Wie geht das?

Der Büroleitende Beamte der VG Altenahr, Wolfgang Stodden, sagt: „Man muss sich ständig auf was Neues einstellen, es muss ständig alles sofort geschehen.“ Viele Überstunden und durchgearbeitete Wochenenden. „Wir haben zeitweise im Schankraum des Hotels "Kalenborner Höhe" mit acht Kolleginnen und Kollegen auf 30 Quadratmetern gesessen“, berichtet Stodden. Mit privaten Laptops und Handys. Mehrere Wochen später der Umzug ins Hotel „Am Roßberg“ - nach dessen Anschluss ans Glasfasernetz und der internen Verkabelung.

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Der Weg zum Rathaus? Entland des Hotelspeisesaals, bitte!

Verbandsbürgermeisterin Weigand berichtet: „Behörden und Unternehmen haben uns Schreibtische gespendet.“ Besucher schreiten in dem Notrathaus erst einmal durch den Hotelspeisesaal, vorbei an einem Klavier. Die Mitarbeiter in Einzelbüros genießen einen Hauch von Luxus: je ein eigenes Bad mit Dusche. Stadtplanerin Claudia Kolle hat über den Hotelspiegel in ihrem Raum eine Karte mit dem Verlauf der Ahr gehängt. Um sich nicht dauernd selbst zu sehen. „Wir haben auch die Reinigungskräfte vom Hotel übernommen. Wenn bei mir Maria kommt, sagt sie manchmal: „Der Zimmerservice ist da!““, erzählt Kolle.

Auch in der Kur- und Kreisstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler heißt es: „Teile des Rathauses sind noch immer eine Baustelle und der Betriebshof ist täglich mit flutbedingten Arbeiten zugange.Es wird noch eine unbestimmte Zeit dauern, bis in der Stadtverwaltung wieder von Normalität gesprochen werden kann.“ Von den rund 340 Mitarbeitern sei etwa ein Drittel selbst von der Flut betroffen.

4000 vorläufige Personalausweise für Flutopfer

Die Flut hat im Keller des Rathauses von Bad Neuenahr-Ahrweiler Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden zerstört oder weggeschwemmt. Insgesamt mehrere hundert Dokumente, sagt Stadtsprecher Michael Rennenberg. Wie gut, dass diese in der etwas höher gelegenen Kreisverwaltung Ahrweiler in einer zweiten, gleichwertigen Version vorhanden seien. Für Flutopfer hat die Stadtverwaltung laut Rennenberg rasch rund 4000 vorläufige Personalausweise bei der Bundesdruckerei beschafft.

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Der Erste Kreisbeigeordnete Horst Gies (CDU) hat kürzlich von „oft auch unbürokratischen Lösungen“ gesprochen. „Vieles konnte nur gelingen, weil eben nicht nur Dienst nach Vorschrift geleistet wurde.“ Die Mitarbeiter der Kreisverwaltung „arbeiten am Limit und oftmals darüber hinaus“, hat Gies betont, der an diesem Sonntag (23.1.) ebenso wie Verbandsbürgermeisterin Weigand und zwei weitere Bewerber bei der Landratswahl im Kreis Ahrweiler kandidiert.

Eine Herkulesaufgabe

Auf den Schultern der Politiker in dem flutgeschädigten Rotweingebiet lastet eine Herkulesaufgabe. Zerstörte Straßen, Schulen, Sportplätze: Der Kreis Ahrweiler schätzt alleine die Beseitigung der Schäden an kommunalen Einrichtungen auf gut 3,7 Milliarden Euro. Auch sonst gebe es viel zu tun. 2021 seien nach der Juli-Flut mehr als 23 000 Fahrzeuge abgemeldet, zugelassen oder umgeschrieben worden. Und rund 1160 flutgeschädigte Gebäude begutachtet worden. Und etwa 350 000 Tonnen Abfälle abtransportiert worden. So viel Sperrmüll wie sonst in einem halben Jahrhundert.

Arbeit ohne Ende und schreckliche Erinnerungen. In der VG Altenahr erklärt Bürgermeisterin Weigand, deren Wohnhaus ebenfalls mehrere Meter mit Wasser vollgelaufen ist: „Unsere Kernverwaltung hat 37 Vollzeitstellen, 18 Kolleginnen und Kollegen waren selbst zum Teil schwerst von der Flut betroffen, viele waren dienstunfähig.“

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Die VG Altenahr hat noch ein zweites „Behelfsrathaus“ im Gemeindehaus in Kesseling eingerichtet. Und sie muss weitere Mitarbeiter einstellen. Auf einem Tennisplatz neben dem Hotel-Rathaus „Am Roßberg“ entsteht eine Leichtbauhalle für rund 20 Kollegen. Dahinter findet sich ein Schild neben der Sommerrodelbahn: „Zum Ponyreiten“.

RND/dpa

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