#actout: Schauspieler müssen nicht sein, was sie spielen

  • 185 Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ outen, stoßen eine gesellschaftliche Debatte an.
  • Die Unterzeichner von #actout wollen auf die Diskriminierung in ihrer Branche aufmerksam machen.
  • Die Kampagne könnte auch zum Vorbild für andere Bereiche werden, meint RND-Redakteurin Heike Manssen.
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Die Schauspielbranche gibt sich gern als bunte, extrovertierte Mischung kreativer Menschen. Die Akteure sind in Filmen und Serien zu sehen, die alle Facetten der Gesellschaft abbilden, Diversität mit inbegriffen. Zwei knutschende Männner oder eine transsexuelle Tochter beim Liebesakt sind im Fernsehen schon lange kein Aufreger mehr. Und wenn sich jemand aus dem Kreis der TV-Gesichter öffentlich zu seiner sexuellen Ausrichtung äußert, ist das mediale Interesse mittlerweile überschaubar. Ist es da tatsächlich etwas Besonderes, wenn sich nun 185 Schauspielerinnen und Schauspieler im „SZ-Magazin“ der „Süddeutschen Zeitung“ als schwul, lesbisch, bisexuell, queer, nicht binär und trans outen?

Lesbische Frau „nicht geeignet für Mutterrolle“

Den Unterzeichnern von #actout geht es aber um mehr als um persönliche Befindlichkeit. Wer welche sexuelle Ausrichtung hat, das ist tatsächlich erst einmal reine Privatsache. Doch wenn man die wegen seines Berufes nicht öffentlich ausleben kann oder Repressalien, gar den Jobverlust befürchtet, greift es tief in das Leben des Einzelnen ein. Die Kampagne macht deutlich, dass in der ach so fortschrittlichen Filmbranche, die auch für sich in Anspruch nimmt, gesellschaftliche Strömungen abzubilden, es nach wie vor eine offene oder zumindest versteckte Diskriminierung gibt.

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Schauspieler sollen nicht nur gut spielen, sondern auch durch ihren Ruf und Namen Zuschauer vor die Bildschirme locken – und dabei herrscht offenbar die Meinung vor, dass heterosexuelle Schauspieler ein größeres Publikum ansprechen. Doch ein guter Schauspieler muss seine Rolle so überzeugend spielen, dass jeder sie ihm abnimmt. Wenn ein heterosexueller Mann einen Schwulen spielt, ist das kein Problem – warum sollte es also umgekehrt eins sein? Ist es aber, wie die Schauspieler berichten. Ulrike Folkerts erzählt zum Beispiel im „SZ-Magazin“ davon, dass ihr Aufträge abgesagt wurden, weil sie als lesbische Frau nicht als geeignet für eine Mutterrolle befunden wurde. Das ist falsch und extrem übergriffig. Folkerts muss nicht sein, was sie spielt, ansonsten wäre sie eine gute Polizistin.

Unterzeichnerinnen und Unterzeichner von #actout: Der Schauspieler Godehard Giese (obere Reihe, v. l.), Ulrich Matthes, Präsident der Deutschen Filmakademie, und Schauspieler Mark Waschke. Die Schauspielerin Ulrike Folkerts (untere Reihe, v. l.), die Schauspielerin Karin Hanczewski und die Schauspielerin Maren Kroymann. © Quelle: dpa

Natürlich stimmt es, dass viele Schauspieler auf eine Rolle festgelegt sind – der ewige Bösewicht, die latent gut gelaunte Ulknudel – und auch Folkerts verwirrt als dienstälteste „Tatort“-Kommissarin mitunter den Zuschauer, wenn sie in einem anderen Genre auftritt. Aber die Verwirrung darf mitnichten an ihrer sexuellen Ausrichtung liegen. Für den Druck, den Schauspieler, die nicht heterosexuell sind, offenbar bei der Ausübung ihres Berufes spüren, ist die Aktion #actout überfällig. Homophobie hat – wie auch in anderen Bereichen – in der Film- und Fernsehbranche nichts zu suchen.

Man dachte, wir wären schon weiter

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Dafür kämpfen die Unterzeichner von #actout, und es ist gut, dass sie damit an die Öffentlichkeit gehen. Man dachte eigentlich, wir wären da schon weiter. Offenbar nicht. Es ist schon irritierend, wenn TV-Kommissarin Karin Hanczewski im Interview erzählt, dass sie im „Tatort“ nicht zu viele Karohemden tragen soll, weil das dem homophoben Stereotyp einer lesbischen Frau entspreche, wie ihre Kollegin Eva Meckbach erklärt.

Schauspieler, ebenso wie Sportler und Politiker, können und dürfen sich nicht davon lösen, eine Vorbildfunktion zu haben. Ob sie wollen oder nicht. Und solange ein Teil der Gesellschaft immer noch ein Problem damit hat, wenn Menschen offen zu ihrer Homo- oder auch Transsexualität stehen, ist es gut, wenn eben jene Vorbilder mit persönlichen Geschichten für mehr Toleranz und Akzeptanz sorgen. So wie 2001 Klaus Wowereit, Berlins früherer Regierender Bürgermeister. Seitdem er sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt hat, hat sich in der Politikbranche der Umgang damit weiterentwickelt. Und auch in der Wirtschaft muss Diversität nicht unbedingt ein Karriereknick bedeuten. Anders ist das leider bis heute im Sport – insbesondere in der Fußballwelt. Trotz des Outings von Thomas Hitzelsberger (nach seiner aktiven Karriere) ist dort Homophobie allgegenwärtig, nicht nur unter Fußballfans wird „schwul“ gern mal als Schimpfwort benutzt.

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Keine Kampagne, um Geschichte zu schreiben

Und so kann die Aktion der 185 Schauspieler ein Vorbild für viele andere Branchen sein, offen mit Diskriminierung im Job aufgrund der sexuellen Ausrichtung umzugehen. Ob #actout das Zeug hat, Geschichte zu schreiben, wie einige meinen, weil es in der Aufmachung im Magazin optisch an den „Stern“-Titel mit den Fotos Dutzender Frauen und dem berühmten Zitat „Wir haben abgetrieben“ erinnert – wohl eher nicht. Würden 185 Fußballer eine solche Kampagne starten, hätte es möglicherweise das Zeug zu einer massiven gesellschaftlichen Veränderung.

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