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  • Absturz von Germanwings Flug 4U9525: Angehörige erheben Vorwürfe gegen Unternehmen

Absichtlicher Absturz von Flug 4U9525: “Für mich war es ein Massenmord”

  • Vor fünf Jahren ließ der Co-Pilot den Germanwings-Flug 4U9525 an einem Berg in den französischen Alpen zerschellen.
  • Er riss 149 Menschen mit in den Tod.
  • Die Angehörigen erheben schwere Vorwürfe gegen das Luftfahrtunternehmen - und fordern höhere Entschädigungen.
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Düsseldorf. Normalerweise wäre klar, was Klaus Radner an diesem Tag täte. Er würde das tun, was er nun immer am 24. März tut. Er würde mit seiner Frau nach Le Vernet fahren, dem kleinen Ort in den französischen Alpen. Dann würden sie, wenn das Wetter es zulässt, den Weg zum Col de Mariaud hinauflaufen. Und dann würden sie, von der Aussichtsplattform aus, auf jene Stelle schauen, an der ihre Tochter Maria starb, ihr Schwiegersohn, Sascha, und ihr Enkel Felix.

Doch die Pandemie macht dieser Tage auch das Trauern schwierig. “Ausgerechnet jetzt”, sagt Radner. “Zum fünften Jahrestag.” Die Reise mussten sie absagen.

Der Co-Pilot riss die Menschen mit in den Tod

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Genau fünf Jahre ist es an diesem Dienstag her, dass der Germanwings-Airbus mit der Flugnummer 4U9525 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf an einem Berg in den Alpen zerschellte. An Bord waren 150 Menschen – 144 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder, von denen niemand diesen Absturz überlebte.

"Die größte Katastrophe meines Lebens": Klaus Radner hat bei dem Absturz seine Tochter, den Enkel und seinen Schwiegersohn verloren.

Was – oder eher – wer diesen Absturz verursachte, ist aus Sicht der französischen Ermittler ganz und gar eindeutig: Der Co-Pilot Andreas Lubitz steuerte das Flugzeug in einem langen Sinkflug absichtlich auf das Bergmassiv zu; der 27-Jährige war seit Langem psychisch krank, wollte sich umbringen – und riss 149 Menschen planvoll mit in den Tod, so das Ergebnis der Untersuchungen. Ein monströses Geschehen, auch sprachlich nicht leicht zu begreifen: War es ein “Unglück”? Eine “Katastrophe”? Ein “erweiterter Suizid”? “Für mich war es ein Massenmord”, sagt Klaus Radner. “Und das möchte ich auch so nennen dürfen.”

Zu den Opfern gehören 16 Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums in Haltern – Elftklässler, die auf der Heimreise von einer Klassenfahrt waren. Maria, die Tochter von Klaus Radner, war 33 Jahre alt, eine erfolgreiche Opernsängerin, die in Barcelona einen Auftritt in Wagners „Siegfried“ hatte. Mit ihrem Mann hatte sie gerade ein Haus gekauft, dem ersten Kind sollten weitere folgen. „Der Tod meiner Kinder“, sagt Klaus Radner, „war die größte Katastrophe meines Lebens.“

“Die Angehörigen spüren keine Verbesserung. Im Gegenteil.”

Die psychischen Folgen des Verlusts lasten auf den Hinterbliebenen heute vielleicht mehr denn je, beobachtet der Berliner Anwalt Elmar Giemulla. „Was das wirklich heißt, wird erst jetzt wirklich deutlich“, erklärt der Luftverkehrsrechtsexperte, der rund 40 Familien von Opfern vertritt. „Die Angehörigen spüren keine Verbesserung. Im Gegenteil.“ Depressionen, Spannungen zwischen Ehepartnern, Isolation von Trauernden, alles das gehöre zu den Nachwirkungen der Katastrophe.

Doch auch juristisch ist der Fall Germanwings 4U9525 keineswegs abgeschlossen. Je 10.000 Euro hatte die Lufthansa jedem Angehörigen als Entschädigung gezahlt, dazu 25.000 Euro pro Opfer – Summen, die viele Angehörige als beschämend niedrig empfinden. Es sei unmöglich, den Schmerz über den Verlust eines Ehepartners oder Kindes in Geld auszudrücken, räumt Giemulla ein. „Aber es gibt bei diesen Beträgen eine Grenze nach unten – und die ist in diesem Fall unterschritten.“

Ein Tod erster Klasse?

Der Anwalt und die Angehörigen werfen der Lufthansa vor, Hinweise auf die schweren psychischen Probleme ignoriert – und Lubitz dennoch „durchgewunken“ zu haben. 30.000 Euro pro Angehörigen und weitere 25.000 Euro pro Opfer fordern sie daher, insgesamt 6,5 Millionen Euro. Bitter aufgestoßen ist den Angehörigen auch die Argumentation der Lufthansa-Anwälte, die von einem „unauffälligen Flugverlauf“ schreiben, sodass die Opfer letztlich keine Todesangst empfunden hätten. „Die stellen das als Tod erster Klasse dar“, sagt Radner – nicht nur für ihn ist das ein Zynismus der besonderen Art.

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Lufthansa und Germanwings dagegen verweisen auf umfassende freiwillige Leistungen, zum Beispiel die Übernahme von Therapien. Das Unternehmen leiste „über das gesetzlich verpflichtende Maß hinaus wichtige Hilfe“, betont ein Sprecher.

Klaus Radner wird am heutigen Jahrestag zum Grab seiner Kinder nach Düsseldorf fahren – und Anfang Mai nach Essen, wo das Landgericht über die Klage der Angehörigen entscheidet. Erstmals wird sich damit ein Gericht mit dem Absturz befassen. Es gehe ihm dabei nicht um Geld, betont Radner. „Mein Wunsch ist, dass Punkt für Punkt die Verantwortung für den Tod meiner Kinder und der übrigen Opfer geklärt wird.“


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