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600 Kilometer in 80 Tagen: Wie eine Münchnerin mit Esel die Alpen überquerte

  • Lotta Lubkoll hat eines Tages ihren Job gekündigt und sich einen Esel gekauft.
  • Zusammen mit Jonny ist sie 2018 von München bis zum Mittelmeer gelaufen – 600 Kilometer in 80 Tagen.
  • Ein Gespräch über Esel, Träume und Pippi Langstrumpf.
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München. Es ist ein bisschen, als würde Pippi Langstrumpf auf der anderen Seite der Videokonferenz sitzen. Lotta Lubkoll hat es sich auf ihrem Bett in ihrer Einzimmer­­wohnung auf einem Hof beim Starnberger See gemütlich gemacht, ihre rotblonden Haare fallen locker herunter. Hinter ihr leuchtet eine Lichterkette. Sie ist gerade von einem Wildnis­kurs mit Kindern hereingekommen und nachher will sie diesen sonnigen Frühlingstag nutzen, um mit ihrem Esel Jonny über die Wiesen und Felder rund um den See zu spazieren. Fast scheint das Leben der 27‑Jährigen einer Astrid-Lindgren-Geschichte entsprungen zu sein. Denn der Esel Jonny und Lotta Lubkoll sind ein fest eingespieltes Team. Die beiden haben schon so viel zusammen erlebt: Sie haben 2018 zusammen zu Fuß die Alpen überquert. 600 Kilometer in 80 Tagen, von München bis ans Mittelmeer.

Wenn die ausgebildete Schauspielerin und Erlebnis­pädagogin über ihre Reise spricht, dann merkt man ihr die Leichtigkeit an, mit der sie dem Leben begegnet. Doch diese Leichtigkeit entstand nach einer großen Traurigkeit. „2015 ist mein Papa schwer krank geworden. Von jetzt auf gleich“, sagt Lubkoll im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Und ihr Gesicht wird ernst. „Er hatte Magenkrebs. Unheilbar. Er hatte nur noch wenig Zeit.“ Lubkoll hat damals ihre Schauspiel­­ausbildung unterbrochen, um sich um ihren Vater zu kümmern – und viel Zeit mit ihm zu verbringen, bis er ein halbes Jahr später mit 59 Jahren verstarb. Doch ihr Vater hatte einen Traum: „Er hat immer erzählt, dass er mit einem Zirkuswagen ans Mittelmeer fahren will – wenn er mal Rentner ist.“

Video
600 Kilometer in 80 Tagen: Lotta Lubkoll wanderte mit ihrem Esel Jonny bis ans Mittelmeer
2:53 min
Die 27-jährige ist 2018 mit ihrem Esel Jonny von München aus losgelaufen, um allein über die Alpen bis zum Mittelmeer zu gelangen.  © RND
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Ein Esel war ihr Kindheitstraum

Auch die gebürtige Coburgerin hatte einen Traum. „So im Hinterkopf. Einen kleinen Kindheitstraum“, sagt sie. Sie hätte schon immer gern einen Esel gehabt. „Ich war fand den Esel in den Shrek-Filmen so toll.“ Und dass Träume nicht immer aufgeschoben werden können, das hat sie in der Zeit mit ihrem Vater zu spüren bekommen. Erst einmal hat sie ihre Ausbildung fertig gemacht. Dann aber, obwohl sie damals noch in München in einer kleinen Wohnung gewohnt hat, in einem Bürojob in einer Agentur gearbeitet hat, obwohl gar keine Rahmen­bedingung für ein Leben mit Esel da waren, hat sie sich nach Eseln umgeschaut. Sie hat Eselbücher gewälzt, einen Stellplatz auf dem Hof, auf dem sie inzwischen selbst wohnt, gefunden. Über Ebay-Kleinanzeigen ist sie schließlich auf Jonny gekommen: „Als ich das das erste Mal mit Jonny spazieren gegangen bin, war er schon total aufmerksam. Sobald ich stehen geblieben bin, ist auch er stehen geblieben und hat mich angeguckt.“

Und acht Monate später hat sie ihren Job gekündigt und die Taschen gepackt: für Jonny und für sich. Jeder hat ein Fünftel seines Körper­gewichts getragen. Sie ihr Zelt und Jonny seinen mobilen Zaun und den Heusack. „Mir war es wichtig, dass er nicht mein Packesel ist, sondern wir beide gleichberechtigte Wanderer auf der Reise sind.“ Vom Hof aus sind sie einfach Richtung Süden gelaufen, ohne zu wissen, wo sie übernachten könnten.

Am zweiten Tag wollte Lotta Lubkoll aufgeben

„Der zweite Tag war der schwierigste. Wir waren am Anfang noch mit Freunden und ihren Eseln unterwegs. Und als die links abgebogen sind und wir rechts, wollte Jonny immer wieder zurück zu denen und ist deswegen ständig stehen geblieben und wir sind einfach nicht voran­gekommen“, erzählt Lotta Lubkoll lachend. „Aber ich wusste nicht, dass es daran liegt und dachte einfach nur, dass wir so in drei Monaten noch nicht einmal um den Starnberger See kommen.“ Also habe sie einfach dort, auf dieser Wiese für die Nacht Rast gemacht, wo sie standen. Wildcampen, das in Deutschland sowieso untersagt ist, war dabei aber gar nicht so ein großes Thema auf der Reise, wie man annehmen mag. „In den allermeisten Fällen konnte ich einen Bauern fragen, der vielleicht gerade am Traktor stand, ob wir auf seiner Wiese übernachten dürfen.“

Als sie dann am nächsten Tag mit Jonny einfach weitergelaufen ist, sei er aber wie ausgewechselt gewesen und brav neben ihr hergelaufen – in seinem gemächlichen Tempo. Zu Fuß hat sie langsam gelernt loszulassen und die Trauer um ihren Vater zu verarbeiten. Denn nach dem Tod litt die 27‑Jährige unter panischer Angst im Dunkeln. „Ich konnte zu Hause noch nicht einmal allein auf Toilette.“ Trotzdem hat sie allein in der Natur im Zelt übernachtet. Die Angst ließ langsam nach.

Zuversicht wird belohnt

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Besonders ist die Geschichte von Lotta Lubkoll und ihrem Esel Jonny nicht, weil sie die Alpen überquert haben und dabei atem­beraubende Landschaften durchstreiften. Sie ist auch nicht besonders, weil die beiden so lange durchgehalten haben. Ihre Geschichte ist besonders, weil sie zeigt, wie Zuversicht gepaart mit ein bisschen Mut, belohnt werden kann – eben fast wie in einem Astrid-Lindgren-Buch.

Denn immer wieder beschreibt Lubkoll, wie sie durch die Begegnung mit Menschen unterstützt wurde: von einer Ration Heu bis zur Über­nachtung im Garten. „Am Ende habe ich mich vielleicht am meisten auch selbst überrascht. Ich nehme aus der Reise die Erfahrung mit, dass man einfach nur loslaufen muss und in etwa die Richtung kennen muss, dann klappt schon alles“, sagt sie im Gespräch. Während des Gesprächs guckt sie fest in die Kamera, mit einem offenen Blick.

Frau mit Esel: Eine Medien­sensation

Klar, man kann jetzt einwerfen, dass die Menschen vielleicht auch freundlicher auf eine junge Frau zugehen als auf einen alten verschwitzten Mann in zerrissenen Klamotten. Doch Lotta Lubkoll widerspricht, auch wenn sie sagt, dass sie ja nun mal eine junge Frau ist und keine anderen Erfahrungen als solche hat: „Ich glaube, dass es letztendlich gar nicht so wichtig ist, ob man eine Frau oder ein Mann ist. Ich habe bei jeder Begegnung ganz deutlich gezeigt, dass ich mich freue. Dadurch wird das zu einem gegenseitigen Geben und Nehmen.“

Und gegeben wurde viel: Durch eine Begegnung zu Beginn der Reise kam sie zu ihrer heutigen Arbeit als Erlebnis­pädagogin in einem Wald­kindergarten. Durch einen Plausch in einem Tipidorf in den Hochalpen durfte sie bei einem Survivaltraining mitmachen und konnte sich nach ihrer Reise durch eine Weiter­bildung als Survival­­coach kämpfen. In Italien wurde plötzlich die Presse auf sie aufmerksam. „Ich stand da an einem Kiosk und da waren Radfahrer. Einer der Radfahrer kannte jemanden bei der Zeitung von Trentino. Gleichzeitig kam ein Anruf von einem TV‑Sender. Dann ging alles ganz schnell.“ Der Sender habe sie dann am Radweg abgepasst – denn mit Jonny konnte sie nicht in die Stadt zur Redaktion fahren. Irgendwann habe die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet und dann kamen auch schon die Anfragen von Verlagen. Im März ist nun ihr Buch „Wandern, Glück und lange Ohren“ beim Malik Verlag erschienen. Obwohl die ausgebildete Schauspielerin nicht geplant hat, ihre Reise­geschichte öffentlichkeits­­wirksam zu nutzen, hat sie sich dem nicht versperrt: Von Beginn an hat sie ihre Wanderung mit Esel Jonny mit einem Instagram-Account begleitet.

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Neue Chancen nach der Reise

Das Leben von Lotta Lubkoll hat durch diese Reise und den Alltag mit Jonny eine neue Wendung genommen. Heute arbeitet sie ein paar Monate lang als Erlebnis­pädagogin. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, auch als Schauspielerin. Dann reist sie wieder. Inzwischen hat sie sich einen Van so ausgebaut, dass sogar Jonny mitfahren kann. „Manchmal fängt er dann an dösig zu werden und ich sehe dann, wie die Ohren langsam runtergehen“, beschreibt Lubkoll lachend und macht die Bewegung mit ihren Händen nach. „Dann ruf ich ihm was zu und er guckt mich wieder ganz aufmerksam an.“ Die Wintermonate haben die beiden in Spanien und Portugal verbracht – unter der Einhaltung von Corona-Regeln. Auch wegen der Pandemie plant Lotta Lubkoll den Sommer zu Hause am Starnberger See zu verbringen, mit Wanderungen und Esel Jonny an ihrer Seite. So, wie sie es sich als Kind erträumt hat.

„Von Pippi Langstrumpf mag ich dieses fast naive ‚Wieso eigentlich nicht?‘ –, dass man sich auch Träume erlauben darf, die nicht so ganz realistisch sind“, sagt Lubkoll. Und vielleicht sieht sie dann fast aus wie Pippi Langstrumpf – nur mit dem Esel Jonny an ihrer Seite statt dem Apfelschimmel Kleiner Onkel.

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