44-mal durch den Ärmelkanal: Australierin feiert Rekord

  • Der Ärmelkanal zwischen Großbritannien und Frankreich ist für viele Schwimmer, was der Mount Everest für Bergsteiger ist.
  • Eine 36-jährige Australierin hat nun geschafft, was noch nie jemandem vor ihr gelungen ist.
  • Sie ist die 33 Kilometer weite Strecke 44-mal geschwommen – dabei war sie als Elfjährige noch Nichtschwimmerin.
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Dover. Noch vor Sonnenaufgang stieg Chloe McCardel am Mittwoch in das eisige Wasser des Ärmelkanals, der Großbritannien und Frankreich voneinander trennt. Die Bedingungen waren nicht die einfachsten: Keine 16 Grad hatte das Wasser um 9 Uhr morgens. „Viele große Schiffe sind unterwegs und das Meer ist aufgewühlt!“, schrieben ihre Begleiter auf ihre Facebook-Seite.

Letztendlich brauchte die Australierin rund zehn Stunden, um die 33 Kilometer von Calais nach Dover zu durchschwimmen. Für sie war es bereits das 44. Mal – eine Zahl, die der 36-Jährigen nun den inoffiziellen Titel der „Königin des Ärmelkanals“ und einen Eintrag als eine der „Legenden“ der Channel Swimming Association (CSA) sichert. Denn niemand zuvor hat den Ärmelkanal so oft durchquert wie sie. Erstmals schwamm ein Brite 1875 durch den Kanal. Seitdem ist die Durchquerung für manch einen zum Hobby geworden. Die CSA hat in den vergangenen 146 Jahren 2662 erfolgreiche Durchquerungen gezählt, 2021 waren es bisher bereits 101.

Chloe McCardel wurde bei ihrem Rekordversuch von einem Boot begleitet. © Quelle: imago images/ZUMA Press
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Hassliebe zum Kanal

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Der bisher schnellste Schwimmer brauchte gerade mal sieben Stunden, der langsamste 27 Stunden. Die australische Ausdauerschwimmerin hatte Anfang Oktober die 43. Durchquerung abgeschlossen und hatte damit zur bisherigen Rekordhalterin, der Engländerin Alison Streeter, aufgeschlossen. Für die 43. Durchquerung brauchte sie zehn Stunden und 54 Minuten.

Vor ihrer letzten Durchquerung sagte sie dem britischen „Guardian“, dass sie das Gefühl habe, als habe sie ihr gesamtes Leben auf diesen einen Punkt zugesteuert. „Ich habe eine Hassliebe zum Kanal“, gestand sie aber auch. „An den schlechten Tagen fühlt es sich so an, als würde mich die französische Küste oder der Wind quälen.“ Gleichzeitig habe die Strecke aber auch diese „unglaubliche, fast magische Anziehungskraft“ – als sei es ihr „spirituelles Zuhause“, das sie jedes Jahr buchstäblich hierhin zurückrufe.

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Kurz zuvor krank geworden

McCardel hält bisher schon den Rekord für das längste Solo­marathon­schwimmen ohne Hilfe. 2014 hatte sie 124 Kilometer im Ozean vor den Bahamas zurückgelegt. 2016 war sie achtmal durch den Ärmelkanal geschwimmen, 2015 einmal dreimal hintereinander. Dies bedeutet, dass sie ohne Unterbrechung etwa 100 Kilometer zurückgelegt hat und über 36 Stunden im Wasser war.

Das aktuelle Rekordschwimmen wäre beinahe noch gescheitert, nachdem McCardel nach ihrer 43. Überquerung krank wurde. Am 11. Oktober schrieb sie noch auf Facebook: „Ich habe heute Nacht zwei Stunden geschlafen.“ Sie kämpfe mit einer Bronchitis und nehme jetzt Antibiotika. Damit ginge es nun leicht bergauf, doch „das Schlafen ist immer noch schwierig, da ich beim Liegen vertikal bin und das Husten auslöst“.

Erst mit elf Jahren schwimmen gelernt

McCardels Leistung ist nicht zuletzt deswegen so erstaunlich, da die 36-Jährige erst spät schwimmen gelernt hat. In einem Artikel für die lokale australische Tageszeitung „Sydney Morning Herald“ schrieb die Sportlerin, dass sie mit elf Jahren erst Schwimmunterricht hatte. „Als ich elf Jahre alt war, wurde mir klar, dass alle meine Freunde schwimmen konnten und ich nicht“, schrieb sie. „Aus Verlegenheit habe ich meine Mutter um Schwimmunterricht gebeten.“

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Sie sei normal immer ein ziemlich durchschnittliches Kind gewesen. „Aber ich wollte immer in einer Sache richtig gut sein.“ Als Teenager habe sie dann hart gearbeitet, um eine erfolgreiche Schwimmerin zu werden, doch sie sei nie gut genug für die Olympischen Spiele gewesen. Trotzdem glaubte sie mit 19, dass sie in einem Sport die Beste der Welt sein könnte und so sei sie entschlossen, einfallsreich und proaktiv vorgegangen.

Andere Frauen inspirieren

Trotzdem gab es auch Rückschläge: Ihre Eltern hätten sie als Jüngste von vier Kindern früh aus dem Haus „geworfen“ und die folgenden drei Jahre habe sie deswegen in Armut gelebt, um Universität, Spitzensport und die Arbeit für ihren Lebensunterhalt unter einen Hut zu bringen, schrieb die Australierin. Doch ein paar Jahre später schon – 2009 – begann sie bereits, durch den Ärmelkanal zu schwimmen. Weitere zwölf Jahre später und nach über 450 Stunden in eisigem Wasser ist sie damit nun tatsächlich zur bisher ungeschlagenen „Königin des Ärmelkanals“ geworden.

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McCardel hofft, dass ihre Leistung nun auch andere Frauen inspirieren wird. So spricht sie in Interviews beispielsweise offen darüber, ein Opfer häuslicher Gewalt gewesen zu sein, und beschreibt, wie ihr das Schwimmen geholfen hat, das Trauma zu überwinden und ihr Selbstvertrauen wieder aufzubauen.

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