Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

AHA+A+L und 2,5G – ein harter Lockdown für die deutsche Corona-Sprache

Aus 3G wird 3G plus – und täglich kommt ein neues Sprachungetüm hinzu.

Hannover.Kurze Frage vorab: Blicken Sie eigentlich noch bei den G-Regeln durch? 2G bedeutet „Geimpft und genesen“, klar. 3G bedeutet „Geimpft, genesen und getestet“, auch klar. Bei 2G plus und 3G plus wird es dann aber schon wieder kompliziert.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

In den beiden Fällen bedeutet das „plus“ nämlich nicht dasselbe: 2G plus heißt, dass Geimpfte und Genesene sich zusätzlich testen lassen müssen. Bei 3G plus bedeutet es das nicht – sondern, dass Ungeimpfte einen PCR-Test statt eines Schnelltests machen müssen.

Und als wäre all das nicht schon kompliziert genug, gilt in Österreich künftig bei der Einreise die 2,5G-Regel. Diese umfasst Personen, die entweder PCR-getestet, geimpft oder genesen sind - und schließt damit Ungeimpfte ein, den Antigen-Schnelltest (im Gegensatz zu 3G) aber aus. Wer soll sich das alles merken?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wortungetüme überall

Es ist nicht das erste Mal, dass uns sperrige Sprach-und-Zahlen-Ungetüme durch die Pandemie zu geleiten versuchen – und dabei alles nur noch komplizierter machen.

Anfangs war das beispielsweise die AHA-Regel. Galt diese zunächst noch für die Begriffe „Abstand, Hygieneregeln und Alltagsmaske“, wurde diese später um die Buchstaben L (Lüften) und C (Corona-Warnapp) erweitert, und dann doch wieder in A (App) und L (Lüften) umgeändert – wahrscheinlich weil es, ähm, „besser“ klingt. Die Bedeutung der ersten drei Buchstanden wurde derweil nahezu unbemerkt neu definiert: Dort steht das A seitdem nämlich nicht mehr für „Alltagsmaske“, sondern jetzt für „Alltag mit Maske“.

Zu den komplizierten Buchstaben-und-Zahlen-Komplexen gesellen sich diverse weitere Sprachbilder. Die Korbpflicht etwa: Wer einen Supermarkt betritt, musste zeitweise einen Einkaufswagen vor sich herführen, um den Abstand zu wahren. Oder der Wellenbrecherlockdown: Ein Instrument, das die Politik im November 2020 kommunizierte, um die Corona-Zahlen kurzfristig einzudämmen.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Alles klingt nach Behörde

Insgesamt 1000 Wortneuschöpfungen hat das Leibniz-Institut im vergangenen Jahr gesammelt, viele von ihnen mit Corona-Bezug. Andere Begriffe bekamen einfach eine neue Bedeutung: Kontaktverbot, Klopapierhamstern, Impfdrängler und die Corona-Faust.

All diese Begriffe haben etwas gemeinsam: Sie klingen alle ganz schön deutsch und damit auch nicht sonderlich elegant. Und: Viele von ihnen haben einen stark behördlichen Charakter, was fast schon ein gut erfülltes Klischee des Deutschen an sich ist.

Beispiel: Die Maskenpflicht. Dieses Wort steht an deutschen Supermarkttüren gleichermaßen wie in deutschen Museen oder an öffentlichen Plätzen. Im englischsprachigen Raum liest man derweil eher Schilder mit einem Aufruf: „Wear face mask“, manchmal auch freundlicher: „Please wear a face mask“, seltener auch „Face mask required“ (Gesichtsmaske erforderlich). Hier wird kein sperriges neues Wort geschaffen, keine neue Regel oder Pflicht – sondern Menschen direkt angesprochen und aufgefordert.

Und wissen Sie, wie wunderschön das Äquivalent zu „2G am Arbeitsplatz“ im englischsprachigen Raum klingt? „No jab, no job“ („Keine Impfung, kein Job“). Zugegeben: Das wird so nicht von Behörden verwendet (2G am Arbeitsplatz gibt es bislang gar nicht), aber durchaus umgangssprachlich.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Deutschsprachige Länder sind Schusslicht beim Impfen

Man könnte die deutschen Sprachungetüme als eine witzige Begleiterscheinung von zwei Jahren Corona-Pandemie sehen, gäbe es nicht einen aktuellen Anlass, sich mal etwas genauer mit ihnen zu befassen.

Die „Financial Times“ veröffentlichte vor einigen Tagen nämlich eine Grafik, die sich umgehend rasant im Netz verbreitete. Sie zeigt: Ausgerechnet in deutschsprachigen Ländern gibt es einen besonders hohen Anteil Ungeimpfter, zumindest verglichen mit anderen westeuropäischen Ländern.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Ganz vorne ist laut der Statistik Österreich mit 24,8 Prozent über zwölf Jahre, gefolgt von der Schweiz mit 24,4 Prozent und schließlich Deutschland mit 22,1 Prozent. Es folgen deutlich abgeschlagen Schweden mit 16,1 Prozent Ungeimpfter, Italien mit 13,9 und Großbritannien mit nur noch 13,6 Prozent.

Der „DACH-Schaden“

Erklärungsansätze gibt es dafür inzwischen reichlich: Deutschsprachige Länder seien grundsätzlich schwach, wenn es um die sogenannte öffentliche Gesundheit gehe, resümiert beispielsweise der Kantonsarzt von Basel-Stadt, Thomas Steffen, gegenüber dem Schweizer Magazin „Watson“.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die „Zeit“ spricht derweil von einem „DACH-Schaden“ und zieht eine Brücke zur Anthroposophie, die in deutschsprachigen Länder etwa durch Waldorfschulen eine große Rolle spielt – bis zur Impfskepsis sei es da nicht mehr weit.

Eine weitere Theorie: In den deutschsprachigen Ländern fehlte bislang der große Corona-Schock. Klar, dass sich Menschen in Italien eher impfen lassen als hierzulande, wo die Pandemie bislang vergleichsweise glimpflich verlief.

Welche Rolle spielt die Sprache?

Aber: Könnte es nicht sein, dass auch die Sprache etwas zur (Achtung, weitere Wortneuschöpfung) Impfmüdigkeit beiträgt?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Corona-Pandemie ist geprägt von behördlichen Kettenwörtern, die so viel Emotionen auslösen wie ein Schreiben vom Finanzamt. 2G-Regel, AHA-Regel, Infektionsampel: All das suggeriert, man könne alles mit irgendwelchen Verkehrsschildern leiten, die Pandemie mit immer neuen Regelwerken bekämpfen. Und all das fällt spätestens dann in sich zusammen, wenn die Pandemie dem deutschen Ordnungswahn einen Strich durch die Rechnung macht – und man das AHA um 27 Buchstaben erweitern muss.

Der Wellenbrecherlockdown war am Ende auch kein Wellenbrecherlockdown, sondern ein ziemlich zäher, harter Dauerlockdown. Und so schön die Idee der 3G-Regel auch war - es war von vornherein klar, dass irgendwann ein 2,5G plus mit allen möglichen Erweiterungen daraus wird.

Kein Zusammenhalt im Corona-Vokabular

Stoßen die Begriffe zunächst auf kollektives Desinteresse, nerven sie mit der Zeit dann nur noch. Auch deshalb, weil sie alle etwas Gängelndes haben, stets von oben herab. Wer sich Begriffe wie die „AHA-Regel“ ausdenkt, will der Bevölkerung Eselsbrücken bauen, weil er sie offenbar für zu doof hält, sich irgendwas zu merken – und erreicht damit das Gegenteil.

Im deutschen Corona-Vokabular fehlt auch gänzlich etwas, das einen dringend nötigen Zusammenhalt oder ein Bewusstsein für die Gesellschaft beschreibt. Das zeigen nicht zuletzt Wortneuschöpfungen wie „Impfneid“ – aber auch die im Sommer eingeführte Werbekampagne zur Corona-Schutzimpfung.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Deren Hashtag lautet ziemlich unsexy #Ärmelhoch, im dazugehörigen Werbespot geht es vor allem um die eigenen Rechte, die man durch die Impfung zurückerlangt: bisschen Fußball, bisschen Biergarten. Zitat: „Holen wir das volle Leben zurück“. Immerhin: Auf der offiziellen Website der Corona-Schutzimpfung ist von einem „Gemeinschaftsschutz“ die Rede. Klar, ein eigentlich sehr emotionales Wort, das eigentlich für Zusammenhalt steht, wird einmal mehr erfolgreich zu einem sperrigen, behördlichen Wortungetüm umgebaut.

Eine neue Sprache können wir zwar nicht erfinden, aber wir können den Umgang mit unserer eigenen, manchmal etwas sperrigen lernen, sie bewusster anwenden. Ansonsten setzt bei allen irgendwann eine weitere deutsche Wortneuschöpfung ein. Eine, die wir jetzt, in dieser Situation, am wenigsten gebrauchen können: die Corona-Müdigkeit.

Mehr aus Panorama

Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.