Wie sicher ist die Fahrt im Wohnmobil?

  • Von unabhängigen Organisationen durchgeführte Crashtests vermittelten oft erschreckende Ergebnisse.
  • Tatsächlich ist das Risiko gering, Unfälle mit Wohnmobilen sind selten.
  • Wer ein Wohnmobil besitzt oder nutzt, kann aber auch selbst zu einem höheren Sicherheitsniveau beitragen.
Michael Lennartz
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Alles einpacken, losfahren, auf Abenteuertour gehen oder einsam in malerischer Umgebung die Natur genießen. So einfach und schön ist der Wohnmobilurlaub – zumindest kommt diese Botschaft in den Werbespots der Branche rüber, die publikumswirksam vor der „Tagesschau“ oder beim Gewinnspiel zum Tor des Monats geschaltet werden. Im besten Falle mag das ja zutreffen. Aber wie sieht es aus, wenn man tatsächlich in einen Unfall gerät?

Zur Beruhigung eins vorweg: Reisemobile stellen in der Unfallstatistik keinen Schwerpunkt dar. Mehr noch: Sie rangieren bei den Unfällen mit Personenschäden auf einem extrem niedrigen Niveau. So hat die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), die alljährlich die Unfallzahlen auswertet, für 2020 festgestellt, dass bei 359.916 Kfz-Unfällen mit Personenschäden lediglich 801-mal – das sind gerade einmal 0,22 Prozent – Wohnmobile beteiligt waren.

Unfälle mit Wohnmobilen: wenige Verletzte

Noch extremer ist das Bild bei den Leicht- und Schwerverletzten. Da lag der Anteil der verletzten Reisemobilinsassen 2020 (264.963 gesamt, 475 im Wohnmobil) nur bei 0,18 Prozent (Mittelwert der letzten zehn Jahre 0,15 Prozent) und von insgesamt 1905 tödlich verunglückten Fahrerinne und Fahrern sowie Mitfahrerinnen und Mitfahrern in Kraftfahrzeugen saßen lediglich sieben in einem Reisemobil. Im Jahr zuvor waren es bei 2167 Unfalltoten sogar nur zwei.

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Die fahrenden Ferienwohnungen dürfen damit durchaus als sicher bezeichnet werden, zumal der Zulassungsboom der vergangenen Jahre und das starke Bestandswachstum der Reisemobile nicht zu einer signifikanten Erhöhung der Schadenszahlen geführt haben, wie Jost Krüger, Technikexperte im Caravaning-Verband CIVD sowie Generalsekretär des europäischen Verbandes ECF, bestätigt. Trotz der anhaltenden Zuwächse darf nicht vergessen werden, dass angesichts von über 48 Millionen zugelassener Pkw in Deutschland der auf aktuell rund 675.000 Reisemobile gestiegene Fahrzeugbestand (Anteil 1,4 Prozent) immer noch sehr gering ist.

Fahrverhalten senkt Unfallrisiko

Doch selbst an diesem kleinen Anteil gemessen tauchen Reisemobile deutlich seltener in der Unfallstatistik auf. Einen wichtigen Grund für die niedrigen Zahlen sieht Jost Krüger auch im Fahrverhalten ihrer Nutzer und Nutzerinnen: „Reisemobile werden in der Regel am Tag gefahren, zu privaten Zwecken und mit moderater Geschwindigkeit ohne zeitliche Zwänge. Das hat direkten Einfluss auf die Straßenverkehrssicherheit.“

Dennoch weiß auch er: Jeder und jede Verkehrstote, jeder und jede Schwerverletzte ist einer oder eine zu viel. Und die Statistik nützt wenig, wenn man selbst in einen Unfall verwickelt wird. Besorgniserregend, wenn es dann so schlimm ausgehen würde, wie es sich bei dem ein oder anderen Crashtest darstellte, der in den vergangenen Jahren vom ADAC, der Dekra oder der schwedischen Verkehrsbehörde Trafikverket durchgeführt wurde. Egal, ob Kastenwagen, Alkoven, teil- oder vollintegriertes Wohnmobil, es gab zum Teil verheerende Ergebnisse.

Wohnmobil: Welche Aussagekraft haben Crashtests?

Da kollabierte bei einem Frontalzusammenstoß die Fahrgastzelle eines Kastenwagens auf Fiat-Ducato-Basis, brach im Wohnraum die Holzkonstruktion der Sitztruhe zusammen, auf der während der Fahrt ja auch Mitfahrende sitzen, machte sich der komplette Küchenblock selbstständig oder löste sich in Skandinavien gar der Aufbau des Integrierten vom Chassis. Die Dummies ließen Rückschlüsse auf das hohe Verletzungsrisiko der Insassen im Ernstfall zu. Zum Teil dramatisch.

Natürlich verfolgen der CIVD und die Hersteller die Crashtests mit großer Aufmerksamkeit und nehmen sie ernst, betont Jost Krüger, relativiert aber auch: „Sowohl beim ADAC als auch bei dem Crashtest in Schweden überstiegen die Crashbedingungen die gesetzlichen Anforderungen beträchtlich.“ So habe der ADAC einen speziell für Pkw und Familienvans vorgesehenen Test angewandt, bei dem unbeladene Fahrzeuge bis 2,5 Tonnen Gewicht mit 56 km/h auf eine deformierbare Barriere prallten, und die ganze Sache sogar noch verschärft, da der Kastenwagen bis zur zulässigen Gesamtmasse von 3,3 Tonnen voll beladen war und die Geschwindigkeit beider aufeinanderprallender Fahrzeuge (Wohnmobil und Pkw-Kombi) jeweils 56 km/h betrug. Und bei dem schwedischen Crashtest wurden die voll- und teilintegrierten Modelle gar auf 64 km/h beschleunigt.

Meiste Unfälle in der Stadt

Krüger: „Das ist völlig überdimensioniert. Für Pkw, SUV und Vans konzipierte Crashtests sind nicht auf Reisemobile anwendbar, da diese Pkw-typischen Unfallsituationen nachempfunden sind.“ Die auf Nutzfahrzeugchassis basierenden Wohnmobile seien mehrheitlich in Auffahrunfälle verwickelt. Die meisten Unfälle mit ihnen würden innerstädtisch registriert.

Die Crashtests erbrachten aber durchaus auch positive Resultate. So zeigte sich etwa, dass der Isofix-Kindersitz hält. Der auf dem rechten Sitz im Innenraum angebrachte Isofix-Sitz blieb in der vorgesehenen Verankerung. Auch die Gasflaschen sind sicher. Der bei neueren Reisemobilen verbaute Crashsensor an den Gasflaschen hat beim Crash ausgelöst und die Gaszufuhr wie vorgesehen unterbrochen. Bad, Hängeschränke und das Hubbett hielten der Belastung ebenfalls stand, und das im Heck des Reisemobils verstaute Gepäck blieb am Platz, wenn es durch Spanngurte an den Verzurrösen der Befestigungspunkte gesichert war.

Es gibt Verbesserungspotenzial

Wirkung zeigen die Crashtests auf jeden Fall. Der schwedische Hersteller Kabe fixiert seine Wassertanks und die Batterien nunmehr mit einem Stahlrahmen in den Reisemobilen, damit sich diese Schwergewichte auch bei einem Aufprall nicht aus der Fixierung lösen. Und die Empfehlung der ADAC-Tester, an der Stabilität der Innenraumkomponenten zu arbeiten, insbesondere den Holzunterbau der instabilen Sitzbank mit einer Metallkonstruktion zu verstärken, dürfte hierzulande ebenfalls nicht ohne Konsequenzen verpuffen.

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Wohnmobilausbau fürs #Vanlife: vom Transporter zum DIY-Campervan
4:24 min
Vom Kastenwagen zum Wohnmobil. In unserer Vanlife-Serie verwandeln wir einen alten Transporter zum DIY-Campervan.  © reisereporter

Fazit: Dass Reisemobile in der Unfallstatistik unterrepräsentiert sind, ist eine gute, eine beruhigende Nachricht. Das Risiko ist gering. Aber natürlich gibt es immer Verbesserungspotenzial. Vor allem bei der Stabilität der Inneneinrichtung sind die Hersteller gefordert. Die neue EU-Verordnung 2019/2144, die bis Mitte 2022 umgesetzt werden soll und unter anderem diverse sicherheitsrelevante Fahrerassistenzsysteme wie eine erweiterte Notbremsung verpflichtend vorsieht, wird die Sicherheit der Wohnmobile weiter erhöhen. Vorgeschriebene Crashtests werden aber wohl auf die Basisfahrzeuge beschränkt bleiben. Immerhin sieht die EU-Verordnung für diese Tests bis zu 3,5 Tonnen Gesamtgewicht erhöhte Anforderungen vor.

So tragen Sie selbst zur Sicherheit bei

Wer ein Wohnmobil besitzt oder nutzt, kann aber auch selbst zu einem höheren Sicherheitsniveau beitragen. Etwa durch richtiges Beladen. Schwere Gegenstände möglich weit unten lagern. In der Garage zum Beispiel, und dann möglichst mit Spanngurten festzurren. In die oberen Stauräume gehören nur Kleidung und leichtes Gepäck. Außerdem keine Gegenstände während der Fahrt in offene Ablagen legen, denn sie können bei einer Vollbremsung wie Geschosse durchs Fahrzeug fliegen.

Der Tisch im Wohnbereich sollte vor Fahrtbeginn abgesenkt, eingeklappt oder am besten gleich ganz abgebaut und in der Garage verstaut werden. Alle Insassen sollten unterwegs immer angeschnallt bleiben und auf keinen Fall während der Fahrt Küche oder Bett nutzen. Kleinkinder werden im passenden Kindersitz untergebracht, der, falls vorhanden, via Isofix verankert sein sollte. Ungeübten Fahrern und Fahrerinnen wird zudem ein Fahrsicherheitstraining mit Brems- und Ausweichübungen empfohlen. Dann steht einer entspannten und sicheren Urlaubsfahrt im Reisemobil nichts im Wege. Wie im Werbespot.

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