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Wegen Corona: Die Verkehrswende lahmt

  • Durch die Corona-Pandemie hat sich das Mobilitätsverhalten stark verändert.
  • Die Menschen haben sich – aus Sorgen vor Hygienemangel – vom öffentlichen Nahverkehr abgewendet.
  • Doch gerade der sollte ja zum zentralen Baustein neuer Mobiliätskonzepte werden.
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Wollen wir andere Städte, bessere Luft zum Atmen und mehr Lebensqualität? Die Verkehrswende ist als Thema ein Dauerbrenner: In vielen Studien und Befragungen sagen die Bürger dieses Landes, dass sie Veränderungen in unserer Mobilität für notwendig halten und – sie deshalb unterstützen. Klimawandel, mehr Raum für die Menschen in den Großstädten und die Abkehr von Autos mit Verbrennungsmotor sind Argumente, die viele unterschreiben würden.

Doch offensichtlich macht die Begeisterung für den Wandel vor der eigenen Haustür Halt. Die Verkehrsforschenden des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt (DLR), die das Mobilitätsverhalten der Menschen seit Jahren untersuchen und dokumentieren, kommen jetzt zu einem ernüchternden Ergebnis: „Die Alltagsmobilität scheint auf Veränderungen zuzusteuern, die dem Ziel einer nachhaltigen, klimafreundlichen Mobilität entgegenwirken“, schreiben sie im Fazit ihrer inzwischen vierten Befragung, inwieweit das Coronavirus unsere Bewegungsprofile verändert hat.

Das eigene Auto bleibt nicht stehen

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Dass die Corona-Pandemie zu einschneidenden Veränderungen im Verhalten vieler Menschen in der Öffentlichkeit geführt hat, ist längst klar. Der große Verlierer in den vergangenen Monaten ist mit dem öffentlichen Personennahverkehr ausgerechnet der Baustein im Gefüge neuer Mobilitätskonzepte, der eine zentrale Rolle spielt: Ein gut ausgebautes und möglichst individualisierbares Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln sollten die Menschen zumindest in den Ballungsräumen von der Fahrt im eigenen Auto abhalten. Doch die denken gar nicht daran, die Öffis zu nutzen und das eigene Auto zu Hause stehen zu lassen. Im Gegenteil: Nach Auswertungen ihrer Befragungen stellen die DLR-Verkehrsforscher fest, dass sich „nach über einem Jahr pandemiebedingter Regelungen neue Routinen entwickelt“ hätten.

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Das Auto spielt dabei eine zentrale Rolle: Im Zeitraum von 2010 bis 2020 ist der Pkw-Bestand in der Bundesrepublik um sechs Millionen von 42 auf 48 Millionen Fahrzeuge gestiegen, die zunehmende Verfügbarkeit der Pkw sei ein Treiber des Verkehrswachstums, resümiert das DLR. Die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel ist dagegen gesunken – viele Menschen, die vor Corona Öffis regelmäßig genutzt haben, trauen ihnen nicht mehr. Vor allem aus Sorge um ihre Gesundheit. Unter anderem stellen die Verkehrsforscher fest:

  • Freiheit, Spontanität, soziale Kontakte waren das, was die Menschen während der Pandemie am meisten vermisst haben.
  • Die persönliche Mobilität wird weiterhin als eingeschränkt wahrgenommen – dies gilt nicht nur hinsichtlich der Anzahl der Wege, die unternommen werden, sondern auch mit Blick auf die zurückgelegten Strecken.
  • Der öffentliche Verkehr ist weiterhin der Verlierer der Pandemie. Die Zahl derer, die ihn seltener als vor der Pandemie nutzen, ist unvermindert hoch.
  • Routinen der Autonutzung verfestigen sich auf einem Niveau, das deutlich höher liegt als vor der Pandemie. Ein großer Anteil der vormals Multimodalen ist nunmehr ausschließlich mit dem Pkw unterwegs.
  • Die Menschen fühlen sich in allen Verkehrsmitteln, die sie mit anderen teilen, weiterhin unwohl.
  • Die Furcht vor Ansteckung in öffentlichen Verkehrsmitteln ist weiterhin hoch. Ein besonders kritischer Punkt ist die Nichteinhaltung beziehungsweise nicht korrekte Einhaltung der Maskenpflicht durch andere Fahrgäste. Viele wünschen sich stärkere Kontrollen. Die Menschen gehen längerfristig von einer geringeren Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel aus. Diese Erwartung hat seitens der heutigen Nutzerinnen und Nutzer von öffentlichen Verkehrsmitteln massiv zugenommen.
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Zu den Routinen, von den die Forscher sprechen, zählen auch Arbeits- und Einkaufsverhalten. Zwei Punkte, von denen anzunehmen ist, dass sie sich nach Ende der meisten coronabedingten Einschränkungen vermutlich nicht ändern, sprich „zurückentwickeln“ werden. Denn mehr als die Hälfte der Befragten, die in den vergangenen Monaten im Homeoffice gearbeitet haben, wollen dies zumindest an einzelnen Tagen in der Arbeitswoche weiterhin so halten. „Damit scheint auch der Wunsch nach einer gewissen Nähe von Wohn- und Arbeitsort abzunehmen“, heißt es in dem Fazit.

Auch Einkaufsverhalten spielt eine Rolle

Ebenfalls Einfluss auf das Mobilitätsverhalten hat die Art und Weise wie viele Menschen weiterhin einkaufen wollen – denn für ein Drittel der Befragten ist das Onlineshopping im Internet ein Einkaufskanal geworden, auf den sie nicht mehr verzichten wollen. Welche Auswirkungen das auf den Einzelhandel vor Ort haben wird, ist noch völlig offen. Dass sich hier Baustellen auftun, mit denen vor Corona noch niemand gerechnet hätte, ist ein weiteres Ergebnis der DLR-Arbeit: Die Jahre, in denen der öffentliche Personennahverkehr gewachsen ist, scheinen vorbei zu sein. Im sogenannten mobilisierten Individualverkehr ist die Grenze nach oben dagegen offen.

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