Rechenfehler beim Strommix für E-Autos? Debatte um Klimabilanz entbrannt

  • Der Ausbau erneuerbarer Energie geht nicht schnell genug voran, damit E-Autos den von der Politik erhofften CO₂-Vorteil erfüllen.
  • Davor warnen 170 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt.
  • Sie haben einen offenen Brief an die EU-Kommission verfasst und weisen auf diesen Rechenfehler beim Strommix hin.
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Der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix ist in den letzten Jahren immer weiter angestiegen. Mehr Windräder, mehr Photovoltaik und mehr Wasserkraft sorgen für mehr Ökostrom. Die EU-Kommission rechnet damit, dass auch in Zukunft die erneuerbaren Energien weiter ausgebaut werden und der Strommix dadurch noch grüner wird. Jetzt widersprechen allerdings 170 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt und warnen in einem offenen Brief (PDF): Unter anderem wegen der vielen E-Autos steige auch der Strombedarf an, sodass die Rechnung der EU-Kommission nicht mehr aufgeht.

Wie grün ist der Strommix 2030 wirklich?

Die Bundesregierung will bis 2030 nicht nur 10 Millionen Elektroautos auf der Straße haben, sondern auch Industrie und Heizung rasch umstellen. Der Strombedarf in Deutschland werde bis 2030 von 56 auf 57 Gigawatt zulegen, prognostiziert Thomas Koch vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Er gehört zu den Unterzeichnern des offenen Briefs an die EU-Kommission. Seinen Berechnungen nach steigt die Strommenge erneuerbarer Energien aber nicht so schnell an. Er rechnet mit einem Zuwachs an Strom aus Windenergie bis 2030 um 69 Prozent im Vergleich zu 2017, die Strommenge aus Photovoltaikanlagen dürfte um 72 Prozent steigen. Erst bis 2035 ist ein größerer Ausbau zu erwarten. Hier rechnet Koch mit 96 Prozent mehr Strom aus Windenergie und 160 Prozent über Photovoltaik im Vergleich zu 2017. Grundlage der Berechnung sind die Ausbaupläne der Bundesnetzagentur, die jedoch „von Experten als zu ambitioniert angesehen werden“, sagt Koch dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Trotz der Pläne: In 6.000 der 8.760 Stunden im Jahr werde es neben Ökostrom auch mehr Strom aus fossilen Kraftwerken brauchen, so Koch.

Der Wissenschaftler fordert mit seinen Kolleginnen und Kollegen, dass die Gesetzgebung eine optimale CO₂-Reduzierung unter Abwägung der verschiedenen Technologien (vor allem Elektroautos und Hybridfahrzeuge) erlaube. Anders ausgedrückt: Reine Elektroautos sind nicht immer die beste Wahl – etwa dann nicht, wenn sie mangels Ökostrom mit Strom aus Kohle oder Öl fahren. Beide fossilen Energieträger sind für besonders viele CO₂-Emissionen verantwortlich. Die Vorteile eines Elektroautos schmelzen in diesem Fall dahin. Davor warnt auch Koch: „Die momentane einseitige Ausrichtung ist gefährlich und führt nicht zu der gewünschten CO₂-Reduzierung“, erklärt er gegenüber dem RND.

Kritik am offenen Brief: Vorwurf des Rechenfehlers berechtigt?

Professor Martin Wietschel vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung schreibt in einem Beitrag für das Science Media Center, Koch stelle die Frage, ob für den von E-Autos verbrauchten Strom der CO₂-Ausstoß des Strommix insgesamt anzusetzen sei oder aber der CO₂-Ausstoß des zusätzlich benötigten Stroms. Für beide Positionen gebe es Argumente, aber wissenschaftlicher Standard sei die Verwendung der Durchschnittsemissionen. Zudem könnten E-Autos künftig als flexible Speicher für überschüssige Wind- und Sonnenenergie dienen. Darauf verweist auch Patrick Jochem vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Er schreibt: „Der Artikel greift einen validen Punkt auf“, greife aber wegen der Stromspeichermöglichkeit von E-Autos zu kurz. Kritik am Brief übte auch Professor Christian Rehtanz von der TU Dortmund am Dienstag: „Der Brief ist hochgradig peinlich. Es ist ein wissenschaftlich verbrämtes Lobbyistenschreiben, welches krampfhaft versucht, die Kolbenmaschinen (Lehrstuhldenomination von Prof. Koch des KIT) zu retten“, sagte er der Deutschen Presseagentur.

Einig sind sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aber in zwei Punkten: Ohne Elektroautos geht es in Zukunft nicht und mehr erneuerbare Energien sind für geringere CO₂-Emissionen nötig. Koch verweist außerdem darauf, dass durch CO₂-neutral hergestellten synthetischen Kraftstoff bereits ein Viertel der Emissionen eingespart werden könnten.

mit Material der DPA

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