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Die Wiederkehr der 1960er-Ästhetik

Genuss auf zwei Rädern – die Retro­welle bei Motorrädern rollt weiter

Klassische Schönheit: die Royal Enfield Interceptor.

„Der Retro­gedanke ist zwar in vielen Lebensbereichen, vom Auto, über Mode bis zu Lebensmitteln, erfolgreich, nirgendwo aber ist dieser Erfolg so groß wie beim Motorrad, sagt der Marktforscher Werner Hagstotz, der für viele große Auto- und Motorradhersteller arbeitet. Motorradfahren sei nun einmal ein eher emotional besetztes Thema, während das Autofahren in der Regel von Nutzenüberlegungen getrieben werde.

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Auch Michael Lenzen, wie Hagstotz passionierter Biker, sieht den Faktor Emotion als ausschlaggebend an. „Man muss nicht gleich den Begriff Midlife-Crisis bemühen, aber dass die Sehnsucht nach der guten alten Zeit den Retrotrend bei den Motorrädern befeuert, ist offensichtlich.“ Ein Trend auch zurück zu technischer Simplizität. Es gehe beim Retrobike um Genuss, um das Ursprüngliche, darum, die Natur zu spüren, während viele moderne, technisch hochgerüstete Motorräder, ähnlich wie beim Auto, heute fahrende Computer seien, so der erste Vorsitzende des Bundesverbands der Motorradfahrer (BVDM). „Um alle Funktionen und jedes elektronische Helferlein an Bord zu verstehen, muss man sich zunächst durch ein Handbuch vom Umfang eines Telefonbuchs einer Großstadt quälen.“

„Gegentrend zu Digitalisierung“

Weil sich mit dieser Sehnsucht gerade auch nach Entschleunigung – Hagstotz spricht von einem „Gegentrend zu Digitalisierung“ –, bereits seit Jahren gutes Geld verdienen lässt, bedienen die meisten Hersteller heute längst die klassischen Motorradsegmente wie Café Racer (sportliches Bike mit kleiner Frontschale nach dem Vorbild englischer Motorräder aus den 60er und 70er Jahren), Scrambler (dezent ab Werk auf leichte Geländegängigkeit umgebaute Straßenmaschine), Bobber (Bike zum Cruisen und Sehen und Gesehen werden, statt mit Sitzbank mit Ein-Mann-Sattel) und Roadstern (Straßenmaschine, die im Unterschied zum Café Racer eine aufrechte Sitzposition verlangt).

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So bietet der traditionsreiche englische Hersteller Triumph nicht nur moderne Maschinen an, sondern deckt mit Klassik-Modellen wie Bonneville, Scrambler, Bobber und Thruxton gleich die gesamte Bandbreite ab. Ähnlich BMW, wo man neben modernen Bikes mit Reihenmotoren (zwei, vier und sechs Zylinder) den legendären luftgekühlten Zweizylinder-Boxermotor weiter im Programm führt und mit dem Modell R nine T nach dem „Aus eins mach viele“-Prinzip ebenfalls alle Segmente abdeckt.

Ein Unikat im Kawasaki-Programm: Die W800 orientiert sich an den legendären englischen Zweizylinder-Maschinen der 1960er Jahre.

Ein Unikat im Kawasaki-Programm: Die W800 orientiert sich an den legendären englischen Zweizylinder-Maschinen der 1960er Jahre.

Nun muss man aber wissen, dass Retro längst nicht gleich Retro ist. So entscheidet die Konsequenz bei der Umsetzung über den Grad der Authentizität. „Man kann Retro nur im Design oder auch komplett fahren“, sagt Hagstotz. Als schönes Anschauungsobjekt taugen ihm hier drei Maschinen von Kawasaki. „Die W800 ist von der Optik bis hin zur Technik – man setzt zum Beispiel auf einen speziellen Ventiltrieb über Königswelle –, den legendären, englischen Zwei-Zylinder-Maschinen der 60er Jahre nachempfunden, bleibt aber im Kawasaki-Programm ein Unikat.“ Die Z900 RS sowie die Z650 RS beziehen sich zwar auf ihre ikonischen Vorbilder (Z 900; Z 650), seien aber mit Technik, wie Fahrmoduswahl, absolut auf der Höhe der Zeit. Wer das gänzlich Unverfälschte suche, der werde aber auch bei Royal Enfield fündig, weiß der Experte. Dort habe man nie etwas anderes gebaut als Bikes, die heute noch fast genauso aussehen wie vor 60 Jahren. Royal Enfield, die am längsten ohne Unterbrechung produzierende Motorradmarke der Welt, war ursprünglich ein englisches Unternehmen, ist heute aber in indischer Hand. Beinahe einziges sichtbares Zugeständnis an die moderne Zeit: die Bremsanlage mit Scheibenbremse und ABS.

Mash – Französischer Hersteller mit chinesischer Technik

Dieselbe Philosophie findet sich auch beim französischen Hersteller Mash. Entscheidender Unterschied aber zu Royal Enfield: Mash hat keine Tradition, die Marke gibt es erst seit 2014, und die Franzosen setzen auf chinesische Technik, die sich wiederum auf ältere japanische Motorradmodelle stützt. Und weil man sich die Vorbilder sehr genau ausgesucht hat – die Six Hundred könnte mit einem bisschen guten Willen auch von Triumph stammen, die X-Ride 650 ist der Yamaha XT 500, der Ur-Enduro, mit der ab Mitte der 70er Jahre eine ganze Motorradgeneration die Welt bereiste, wie aus dem Blech geschnitten. „Und selbst dort, wo die Euro-Norm zeitgemäße Technik erfordert, hat man Lösungen gefunden, die das Gesamtbild nicht stören“, weiß Lenzen. So verstecke man zum Beispiel die notwendige Einspritzanlage einfach hinter einer Vergaserattrappe.

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Aber es gibt auch noch eine andere als die Hundert-Prozent-Herangehensweise. Benelli, durchaus eine der besonders traditionsreichen italienischen Marken, war zwischenzeitlich nahezu völlig vom Markt verschwunden. Mit Hilfe chinesischer Investoren und Technik, die zwar in Italien konstruiert, aber in China verbaut wird, kehrte man 2005 zurück. Heute umfasst die Modellpalette optisch und technisch zeitgemäße Bikes, dazu mit der Imperiale 400 einen Klassiker, aber auch solche Maschinen, die alte und neue Stilmerkmale kreuzen. Besonders gut gelungen ist das bei der als Soft-Scrambler daherkommenden, mit 48 PS ausreichend motorisierten Leoncino 500, der im Herbst mit der Leoncino 800 ein noch einmal deutlich potenteres Modell folgen wird.

Chinesische Unternehmen setzen auf europäische Qualität

Und dann sind da auch noch die chinesischen Unternehmen, die nicht nur als Techniklieferant, sondern auch unter eigener Flagge Europa erobern wollen. CF Moto, Voge und Zontes führen neben modernen Motorrädern auch solche im Programm, die, wie die Leoncino 500, als Zwitter aus Klassik und Moderne daherkommen. „Weil diese Marken nicht auf eine ruhmreiche Vergangenheit zurückblicken können, muss man den Kunden mit anderen Argumenten überzeugen, zum Beispiel einem guten Preisleistungsverhältnis“, so Marketingexperte Hagstotz. Wer nun aber glaubt, bei China-Marken wie Voge oder Zontes würde man den günstigen Preis mit minderwertiger Qualität am Ende doch noch teuer bezahlen, „der sollte sich einmal die Voge 300 AC oder die Zontes GK 350 anschauen“, empfiehlt Funktionär Lenzen. „Mit den extrem billigen, aber eben auch wirklich schlechten Rollern aus dem Baumarkt haben diese Maschinen nichts mehr gemein. Im Gegenteil: bei den verbauten Komponenten setzt man ganz auf Qualität, die von Bosch über die Brembo-Tochter Bybre bis hin zu Reifen europäischer Hersteller reicht.“

Ein Ende der Retrowelle ist also nicht abzusehen, zumal sie auch noch einen positiven Nebeneffekt hat: die gesellschaftliche Akzeptanz. Die wird Bikerinnen und Bikern mit modernen Maschinen sonst eher nicht zuteil, vielmehr haftet ihnen oft der Ruf des Rasers, ihren Maschinen der von unzumutbarer Lautstärke an. Ganz anders sei das bei einem Retrobike. „Passanten freuen sich, wenn sie eine solche Maschine sehen, der Daumen geht nach oben und manche glauben sogar, dass sie wirklich eine uralte Maschine vor sich haben“, so der sichtlich schmunzelnde Lenzen.

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