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Mobilitätswende in Europa: „Es gibt in Wien keinen Grund, ein Auto zu verwenden“

Öffentliche Verkehrsmittel stehen in Wien hoch im Kurs.

Öffentliche Verkehrsmittel stehen in Wien hoch im Kurs.

Wien. 15 Minuten, mehr oder weniger. Wenn Lena Gruber morgens zur Arbeit muss, spaziert sie von ihrer Wohnung im Stadtteil Leopoldstadt beim Praterpark ein paar Schritte zur U-Bahn-Station Vorgartenstraße, schlüpft in die U1, die im Minutentakt hält. Wartezeit: praktisch keine.

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Nach rund einer Viertelstunde Fahrzeit steigt sie bei der Station Taubstummengasse aus, ein paar Momente später ist sie in ihrem Büro im „Vierten“, wie die Wiener sagen – also im vierten Wiener Gemeindebezirk (kaum jemand kennt den Stadtteilnamen „Wieden“, das gilt auch für alle anderen Stadtteile). „Für mich gibt es in Wien keinen Grund, das Auto zu verwenden“, sagt die Angestellte. Denn was den öffentlichen Verkehr mit ihren 109 U-Bahn-Stationen angehe, sei die Stadt super: „Ich liebe das!“

Dichtes Öffi-Netz für einen Euro pro Tag

Tatsächlich kann sich das Netz der Wiener Linien, wie die Nahverkehrsgesellschaft in Österreichs Hauptstadt heißt, durchaus sehen und nutzen lassen: 83 Kilometer U-Bahn, Buslinien in der Gesamtlänge von knapp 850 Kilometern und rund 220 Kilometer Straßenbahn – das ist das sechstgrößte Straßenbahnnetz der Welt – stehen Wienern und Besuchern zur Verfügung. Zu Spitzenzeiten sind rund 1000 Fahrzeuge gleichzeitig unterwegs.

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Das Jahresticket kostet schlappe 365 Euro. In der deutschen Bundeshauptstadt zahlt man für die günstigste Variante rund doppelt sie viel: 728 Euro. Deswegen arbeitet Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller auch an einer ähnlichen Billiglösung: „Ich habe mich von Wien anstecken lassen“. Dort wurde das Günstigticket übrigens schon 2012 eingeführt.

Zu-Fuß-Gehen hat in Wien das Autofahren abgelöst

Kein Wunder also, dass sich immer mehr die attraktive Netzkarte kaufen, so wie eben auch Lena Gruber: Die Zahl der Jahresabos hat 2019 mit 852.000 einen Rekordwert erreicht. Das ist ein Plus von 30.000 zum Jahr davor, heißt es von den Wiener Linien, die noch mit weiteren Zahlen aufhorchen lassen.

Beachtliche 38 Prozent ihrer Wege legten die Wiener 2019 mit Öffis zurück. Zum Vergleich: München liegt bei 24 Prozent, Hamburg bei 22. An zweiter Stelle hat in Wien das Zu-Fuß-Gehen (28 Prozent) das Auto abgelöst (27 Prozent). Das Fahrrad belegt weiterhin Platz vier (7 Prozent).

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Radfahrwege sind oftmals unübersichtlich gestaltet

Unter die Radlerkategorie fällt Lena Grubers Lebensgefährte Philipp Hamedl. Er tritt auf dem Weg zur Arbeit in die Pedale seines Rennbikes. Bei jedem Wetter. Warum? „Es ist ein tolles Lebensgefühl, man ist unabhängig, freier, schneller, es ist umweltfreundlich.“ Und außerdem, so erzählt er augenzwinkernd, könne er auf die ständig grantelnden Wienern in der U-Bahn gerne verzichten.

Lena Gruber nutzt die Wiener U-Bahn, ihr Partner Philipp Hamedl radelt jeden Tag zur Arbeit.

Lena Gruber nutzt die Wiener U-Bahn, ihr Partner Philipp Hamedl radelt jeden Tag zur Arbeit.

Zwölf Minuten braucht er mit seinem Rad zur Arbeit in den ersten Bezirk, also die Innere Stadt. Also dort, wo Touristen in der Kärntner Straße shoppen, den Stephansdom fotografieren und beim Figlmüller auf ein Schnitzel einkehren. Natürlich gebe es in Wien eine Menge Radwege, erzählt Hamedl. Manchmal großzügige, breit und lang wie im Prater, sehr häufig allerdings auch unübersichtlich gestaltete. „Man muss an sehr vielen Kreuzungen stehen bleiben, oft fehlen die Wegweiser, vielerorts weiß man nicht, ob man sich überhaupt auf einem Radweg befindet.“

Wiener Radwegenetz ist rund 1400 Kilometer lang

Das ist gefährlich. Und die Konkurrenz sei groß zwischen den Verkehrsteilnehmern: „Es kommt schon vor, dass man als Radfahrer von Autofahrern beschimpft wird.“ Außerdem kontrolliere die Polizei Radfahrer an gewissen Hotspots ungewöhnlich häufig, mitunter mit dem Radarmessgerät.

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Andererseits: Die Stadt Wien bietet seit vielen Jahren ein Leihradsystem über das ganze Stadtgebiet an, wo es an unterschiedlichen Stationen möglich ist, sich ein Rad auszuleihen und es dann an einer anderen Station wieder zurückzugeben. Und: Etwa 1400 Kilometer hat Wien als Radweg deklariert. „Diese Strecke ist länger als die Entfernung zwischen Wien und Rom“, sagt Simon Pötschko, Pressesprecher der grünen Wiener Verkehrsstadträtin und Vizebürgermeisterin Birgit Hebein.

In der Corona-Krise hat die Wiener Stadtregierung kurzfristig Pop-up-Radwege eingerichtet, der herkömmlichen Straße also Platz für unmotorisierte Zweiräder abgetrotzt. Was den einen eine Freude ist, missfällt der Autofahrerlobby und der Opposition im Wiener Landtag, die die Maßnahmen als „Pop-up-Populismus“ kritisiert.

Autofahrer werden ausgebremst

Jedenfalls scheint man es als Autofahrer aktuell nicht leicht zu haben in der Wiener City – und künftig wird es wohl nicht angenehmer. Und das nicht nur, weil der Parkraum von Bezirk zu Bezirk unterschiedlich geregelt wird, es also kein einheitliches System gibt. Vor fünf Jahren wurde aus der Mariahilfer Straße, einer belebten Einkaufsmeile, der private Verkehr so gut wie verbannt. Ein Zankapfel zwischen Befürwortern und Gegnern, nach wie vor.

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In diesem Jahr wandelte sich nun die Zieglergasse zur verkehrsberuhigten „kühlen Meile“. Im ersten Bezirk etwa wurden die Rotenturmstraße und die Herrengasse zu Begegnungszonen umgestaltet, ebenso wie die Neubaugasse im „Siebten“: Heller Granit aus Niederösterreich reflektiert hier die Sonne, Regenwasser kann im entsiegelten Boden zwischen den Pflastersteinen versickern. 29 Bäume und zahlreiche Kletterpflanzen für Rankgerüste werden gepflanzt, viele der Grünbeete sind bereits mit Stauden begrünt. Fahren darf man mit maximal 20 km/h.

18 „coole Straßen“ in Wien eingerichtet

Für Abkühlung sorgen zwei Wasserspiele, sieben Trinkhydranten und zahlreiche Nebelstelen, die bei heißem Wetter kühlenden Nebel verbreiten. Das passiert zum Teil auch schon bei den „coolen Straßen“: Verkehrsadern, auf denen in den Sommermonaten ein Fahr-, Halte- und Parkverbot gilt. Zonen, die sich zum Abkühlen in der Nachbarschaft eignen sollen.

Pötschko: „Bei den Coolen Straßen haben wir die Erfahrung gemacht, dass sie von der Bevölkerung sehr gut angenommen werden.“ Beim Projektstart im vergangenen Jahr gab es drei davon in ganz Wien. In diesem Jahr waren es bereits 18.

Innere Stadt soll autofrei werden

„Überall, wo solche und ähnliche Maßnahmen ergriffen werden, sehen wir, dass die Zustimmung der lokalen Bevölkerung zu Maßnahmen dieser Art steigt“, so Pressesprecher Pötschko. Er ergänzt: „Aktuell haben wir uns als Stadt Wien mit dem ersten Bezirk darauf geeinigt, dass wir die Innere Stadt autofrei machen und dafür ein generelles Fahrverbot für den ersten Bezirk innerhalb des Rings erlassen wollen. Das wäre Pionierarbeit im deutschsprachigen Raum. Ähnliche Maßnahmen gibt es etwa in vielen italienischen Städten oder in Madrid.“

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Und: Die Grünen unterstützen seit Jahren die Effekte einer City-Maut, um vor allem für Pendlerinnen und Pendler umweltfreundlichere Verkehrsalternativen attraktiver zu machen.

Kreuzung wird in „Oase“ mit Schwimmbad umgewandelt

Kontrovers hat die Bevölkerung die Idee eines Pools auf dem Neubaugürtel beim Westbahnhof aufgenommen. Dort hat Birgit Hebein eine siebenspurige Kreuzung in eine „Oase“ verwandelt, wie sie stolz auf Twitter postete: ein Bereich mit Schwimmbad, Grünfläche und Bühne.

Die so genannte Gürtelfrische WEST kostete rund 150.000 Euro und war alles andere als unumstritten. Von einem Verkehrskollaps war die Rede, von Steuergeldverschwendung, von Aktionismus vor der anstehenden Wien-Wahl im Spätherbst. Kritisiert haben viele auch die Größe und Nutzbarkeit des Pools: Mit neun mal fünf Metern sei es zu mickrig, um darin zu schwimmen, maximal sechs Personen durften gleichzeitig baden.

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Gürtelfrische WEST zählt rund 25.000 Besucher

Zu einer Übersiedelung in den Auer-Welsbach-Park kam es nicht, hierfür fehlte das Geld. Derzeit überprüfe die Stadt, ob man den Pool kaufe und die Aktion eventuell im nächsten Jahr wiederhole, so Pötschko. Immerhin seien 25.000 Besucherinnen und Besucher zur Gürtelfrische gekommen, 15.000 seien baden gegangen, dazu habe es 30 Sport- und Kulturveranstaltungen gegeben. Nicht schlecht für eine Kreuzung.

Ihr eigenes Auto haben Lena Gruber und Philipp Hamedl übrigens auf einem Parkplatz im Außenbereich der Stadt stehen. Kostenlos ruht der etwas ältere silberne Audi dort unter der Arbeitswoche, bis sie ihn dann Freitagabend oder Samstag doch hin und wieder nutzen – um Ausflüge in die steirische Heimat zu unternehmen.

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