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Mobilitätswende in Europa: Das Autofahren in Paris wird immer ungemütlicher

  • Jede Woche nehmen unsere Korrespondenten die Maßnahmen zur Mobilitätswende in europäischen Hauptstädten unter die Lupe. Diese Woche: Paris.
  • Noch vor einem Jahr drängelten in der Rue de Rivoli im Zentrum von Paris Autos auf zwei Spuren über die Straße.
  • Nun bleibt die Straße dauerhaft für den normalen Autoverkehr gesperrt – und Fahrradfahrer können sich regelrecht austoben.
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Die Rue de Rivoli im Zentrum von Paris im September 2019: Autos drängeln auf zwei Spuren über die Straße, die am Louvre und am Tuilerien-Garten entlang bis zum Concorde-Platz führt, während eine dritte Spur den Bussen, Taxis, Polizei-, Feuerwehr- und Krankenwagen gehört. Ein schmaler Streifen rechts davon ist für Fahrradfahrer vorgesehen, denen höchste Aufmerksamkeit abverlangt wird. Denn regelmäßig springen Fußgänger auf den Weg, bei Kreuzungen kommen Autos von rechts oder wollen von links nach rechts abbiegen.

Die Rue de Rivoli im September 2020: Eine einzige Spur darf noch von Bussen, Taxis und Notfallfahrzeugen befahren werden, was Polizisten alle paar Hundert Meter kontrollieren. Fahrräder und elektrische Tretroller können sich hingegen auf den beiden ehemaligen Autospuren regelrecht austoben. Sie kommen in Wellen, viele sind rasant unterwegs und interpretieren rote Verkehrsampeln eher als freundliche Empfehlung denn als obligatorisch einzuhaltende Regel – so wie französische Fußgänger zumeist ja auch.

Eine zentrale Verkehrsachse bleibt für Autos gesperrt

Was ursprünglich nur als temporärer Versuch während des Lockdowns und der Phase danach gedacht war, hat sich in wenigen Monaten etabliert – die Rue de Rivoli, bis jetzt eine zentrale Verkehrsachse, bleibt dauerhaft für den normalen Autoverkehr gesperrt. Es ist eine weitere Maßnahme, mit der sich die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo bei Autofahrern höchst unbeliebt macht. Bei den Kommunalwahlen im Juni wurde sie für weitere sechs Jahre wiedergewählt und regiert erneut mit einer Koalition aus Grünen und Linken. Schon bisher hat die resolute 61-Jährige das Werk ihres Vorgängers Bertrand Delanoë fortgeführt, der eines der beiden Seine-Ufer weitgehend für den Autoverkehr sperren ließ. Sie schloss auch das zweite, ließ Geschwindigkeitsbegrenzungen einführen, zusätzliche Verkehrsampeln aufstellen, Parkplätze abschaffen. Das Autofahren wird immer ungemütlicher in Paris. Ihr Wahlerfolg gab ihr recht – er erklärt sich auch dadurch, dass nur jeder dritte Stadtbewohner ein Auto besitzt. Nur Einfahrtsgebühren wurden nie ernsthaft diskutiert, die wohl auf zu wenig Akzeptanz stoßen würden.

Hidalgos Kritiker werfen ihr eine ideologisch motivierte „Anti-Auto-Politik“ vor. Sie selbst argumentiert mit der Notwendigkeit, das Klima zu schützen, die Luftqualität zu verbessern und die endlosen Staus zu verringern. „Ich kämpfe dagegen an, dass Paris vollständig von Autos belagert wird, die Synonym für Verschmutzung sind“, sagt Hidalgo. „Das ist eine echte Gefahr für die Gesundheit und kostet jedes Jahr Menschenleben.“

Das Rathaus gibt 400 Euro für ein E-Bike dazu

Stattdessen setzt sie auf den Ausbau von Alternativen, fördert das Aufkommen elektrischer Roller und vor allem die Radfahrer. Seit einigen Jahren unterstützt das Rathaus seine Bürger beim Kauf eines Elektrofahrrads mit bis zu 400 Euro. Das Metro-System ist gut ausgebaut und vergleichsweise günstig mit 1,90 Euro für einen Einzelfahrschein und rund 70 Euro – je nach Zonen – für ein monatliches Abonnement. Seit September können es alle Bewohner unter 18 gratis nutzen.

Doch die öffentlichen Verkehrsmittel sind oft überfüllt, und um diese als potenzielle Ansteckungsherde während der Coronavirus-Pandemie zu entlasten, förderte die Politik das Radfahren noch mehr. Insgesamt 60 Millionen Euro stellte die französische Regierung zur Verfügung, um Radreparaturen mit jeweils bis zu 50 Euro zu unterstützen. Die Folge waren lange Warteschlangen vor Reparaturläden.

Allein Paris richtete insgesamt 50 Kilometer zusätzliche Radwege ein, die dauerhaft bleiben werden. Auch in den umliegenden Vorstädten kamen „Corona-Straßen“ auf, breitere und abgesicherte Wege für Fahrräder, die allerdings oft zeitlich beschränkt sind. Die ersten Gemeinden bauen sie bereits wieder ab, nachdem es Beschwerden von Anwohnern und Geschäftstreibenden über Staus infolge des verringerten Platzes für die Autos gegeben hatte. Dieser „Sprung zurück“ sei bedauerlich, sagte Louis Belenfant, Leiter eines Zusammenschlusses der Radvereine der Hauptstadtregion, der von einer „sehr positiven Bilanz“ sprach: Die extra angelegten Straßen seien immer besser angenommen worden. Ein echter Mentalitätswandel finde statt.

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Laut Rathaus hat sich die Radnutzung in Paris seit Januar im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Dementsprechend verzeichnete das öffentliche Leihradsystem Vélib, auch ein Erbe aus der Zeit des früheren Bürgermeisters Delanoë, Anfang September gegenüber 2019 eine Verdoppelung der täglichen Fahrten. Inzwischen zählt es 400.000 Abonnenten. „Bestimmte Boulevards werden zu den Stoßzeiten inzwischen mehr von Fahrrädern als von Autos genutzt“, bilanziert das Rathaus. Dies passt in die Logik von Hidalgos Radplan, der bis 2024 eine „100-prozentige Fahrradstadt“ mit gesonderten Spuren auf allen Straßen und den Ausbau von Radwegen entlang bestimmter Metro-Linien vorsieht. Räder dürfen jetzt schon in vielen Einbahnstraßen in beide Richtungen fahren. In Zusammenarbeit mit Hotels will die Stadt den Radtourismus in Paris ausbauen und Kinder in der Schule sollen Fahrradkurse erhalten. In 15 Metro- und Zugbahnhöfen der Stadt entstehen abgesicherte Parkstationen. So plant das Rathaus für die nächsten sechs Jahre Investitionen in Höhe von 350 Millionen Euro für diesen Radplan ein.

Von 2024 an bleibt Paris für Dieselautos geschlossen

Parallel dazu haben die Bürgermeisterin und der Chef der Grünen im Stadtrat, David Belliard, ein Programm mit Maßnahmen vorgelegt, das Medien „radikal“ nennen und Pierre Chasseray, Chef des Automobilvereins „40 Millionen Autofahrer“, sogar als „grotesk“ bezeichnet. Abgesehen von einigen großen Verkehrsachsen wie den Champs-Élysées soll in der ganzen Stadt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 Stundenkilometern gelten. Die Zahl der Parkplätze wird in den nächsten Jahren halbiert. In allen Stadtteilen sollen verkehrsberuhigte Straßen entstehen und das historische Zentrum – vor allem das Marais-Viertel – für den Autoverkehr abgesehen von Taxis, Rettungsfahrzeugen, Pkw von Anwohnern und Bussen gesperrt werden.

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Dass ab 2024 keine Dieselfahrzeuge in der Stadt mehr zugelassen sind, hat Hidalgo schon vorher beschlossen. Auch auf der viel befahrenen und permanent staugeplagten Ringautobahn Périferique, die um die Stadt herumführt, soll bald eine Höchstgeschwindigkeit von 50 statt 70 Stundenkilometern gelten. Hidalgo und Belliard schlagen die Begrünung der Ringautobahn, die Einrichtung von Verkehrsampeln und Fußgängerüberwegen vor. Die Zahl der Spuren soll reduziert und eine gesonderte Spur für Busse, Taxis und umweltfreundliche Autos reserviert werden. Paris war schon öfter Schauplatz von Revolutionen – die der ambitionierten Bürgermeisterin soll eine grüne sein.

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