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Frauen und Mobilität in den Städten: „Es fehlt die weibliche Perspektive“

  • Mit Kinderwagen und Einkaufstaschen bepackt in U-Bahn und Bus – die Mobilitätsoptionen vieler Frauen sind wenig komfortabel.
  • Die meisten Männer hingegen setzen sich laut zwei Expertinnen morgens ins Auto.
  • Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) setzen sie sich für eine weibliche Mobilitätslogistik ein.
Sebastian Hoff
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Die Mobilität von Frauen unterscheidet sich deutlich von der der Männer. Da sie häufiger als Männer mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß unterwegs sind, gibt es andere Herausforderungen für sie als in der Familienkutsche. Ines Kawgan-Kagan und Frieda Bellmann vom Netzwerk Women in Mobility fordern im RND-Interview frauengerechte Verkehrsstrukturen.

Worin besteht der Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Mobilität?

Dr. Ing. des. Ines Kawgan-Kagan: Männer fahren statistisch betrachtet meist morgens mit dem Auto zur Arbeit und abends wieder zurück. Frauen hingegen legen mehr und kürzere Wege zurück. Ihr Alltag ist durch unterschiedliche Anforderungen bestimmt: Die Kinder werden zur Kita, zur Schule und zu Freizeitaktivitäten gebracht, Frauen kaufen ein, arbeiten überwiegend in Teilzeit und engagieren sich ehrenamtlich. Dabei entstehen komplexe Wegesketten, die teilweise mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln, meist unter Zeitdruck und oft mit Kinderwagen und Gepäck zurückgelegt werden. Frauen nutzen überdurchschnittlich häufig öffentliche Verkehrsmittel oder gehen zu Fuß.

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Auf welche Probleme stoßen Frauen dabei?

Frieda Bellmann: Verkehrswege sind zumeist technisch und autogerecht geplant: So führen viele Straßen sternförmig in die Innenstädte, um reibungslose Pendlerströme zu ermöglichen. Die Infrastruktur für Geh- und Radwege ist hingegen oft schlecht ausgebaut, Haltestellen für den öffentlichen Nahverkehr sind mitunter schwer zu erreichen. Zwischen Verkehrs­mitteln und -anbietern zu wechseln ist vielerorts sehr aufwendig, etwa wenn unterschiedliche Tickets erworben oder verschiedene Buchungssysteme etwa für Carsharing genutzt werden müssen. Hinzu kommt: Frauen meiden aus Angst vor Gewalt vor allem im Dunkeln bestimmte Wege und nehmen lieber längere Strecken in Kauf.

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Frieda Bellmann arbeitet als Director of Human-Centered Innovation bei Vorn Strategy Consulting, das Unternehmen in den Bereichen Inno­va­tion, Transformation und Markenführung berät. © Quelle: Paul Thiele

Was müsste geschehen, damit Frauen sich sicherer fühlen?

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Bellmann: Gute Beleuchtung ist wichtig. Wege sollten zudem gut einsehbar sein. Sicherheitspersonal an Bahnstationen ist ebenfalls hilfreich. In anderen Ländern gibt es sogar Bahnwaggons ausschließlich für Frauen. Andererseits können alle Maßnahmen das Grundproblem sexualisierter Gewalt nicht lösen, Übergriffe werden womöglich räumlich nur verlagert. Sollten öffentliche Verkehrsmittel künftig autonom fahren, können sich Frauen nicht mehr in die Nähe des Fahrpersonals setzen. Dann sollten die Verkehrsunternehmen Begleitpersonal einsetzen.

Wie ist das Verhältnis der Geschlechter untereinander, wenn es um das Thema Mobilität geht?

Kawgan-Kagan: Unbewusst spielt oft Körperlichkeit eine Rolle: Eine Studie hat zum Beispiel gezeigt, dass Männer, die Fahrrad fahren, Frauen auf dem Fahrrad mit deutlich geringerem Abstand überholen als Verkehrsteilnehmer gleichen Geschlechts. Viele männliche Verkehrsteilnehmer verhalten sich außerdem chauvinistisch und sprechen Frauen Kompetenz im Straßenverkehr ab. Frauen lassen sich dadurch manchmal beeinflussen und trauen sich weniger zu. Männer übernehmen im Auto meist das Steuer. Und das, obwohl sie deutlich häufiger Unfälle verursachen als Frauen.

Inwiefern ist das Thema Mobilität in Deutschland männlich besetzt?

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Bellmann: In Politik, Verwaltungen und Unternehmen entscheiden im Mobilitätsbereich fast ausschließlich Männer. Nur drei Prozent der CEOs sind weiblich. Im gesamten Verkehrssektor arbeiten nur 22 Prozent Frauen. Es fehlt also die weibliche Perspektive. Das führt zum Beispiel dazu, dass Airbags Frauen schlechter schützen, weil sie zum Beispiel an Crash­test­puppen getestet werden, die an den europäischen Durchschnittsmann angepasst sind. Unter anderem deshalb ist das Risiko von Frauen, bei einem Autounfall schwer verletzt zu werden, gegenüber Männern um 47 Prozent erhöht.

Kawgan-Kagan: Viele Durchschnittswerte, etwa Zeitangaben für bestimmte Wegstrecken, beziehen sich auf Männer. Bei Infrastrukturplanungen genießt das Auto meist höchste Priorität. In Städten, in denen Frauen an der Spitze stehen, zeigt sich hingegen, dass Mobilitätskonzepte nachhaltiger und für mehr Menschen entwickelt und umgesetzt werden – etwa in Paris mit der Bürgermeisterin Anne Hidalgo oder in Madrid mit der ehemaligen Bürgermeisterin Manuela Carmena.

Ines Kawgan-Kagan ist Geschäftsführerin der Accessible Equitable Mobility (AEM) GmbH, die insbesondere Kommunen, Mobilitätsanbieter und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) hinsichtlich gendergerechter und umweltfreundlicher Mobilität berät. © Quelle: EM Accessible Equitable Mobility GmbH

Inwiefern ist gleichberechtigte Mobilität nicht nur ein planerisches, sondern auch ein gesellschaftliches Thema?

Kawgan-Kagan: Studien zeigen, dass Mütter tendenziell eher Arbeitsplätze im häuslichen Umfeld suchen. Sie sind in der Regel außerdem diejenigen, die die Sorgearbeit für Kinder und Familienangehörige übernehmen. All das schränkt ihre Karrieremöglichkeiten stark ein. Hinzu kommt, dass Frauen verglichen mit Männern wenig verdienen und ihnen deshalb auch weniger Geld für Mobilität zur Verfügung steht. Solange diese Rollenaufteilung und diese Diskrepanzen in der Gesellschaft bestehen, helfen auch verkehrsplanerische Lösungen nur bedingt.

Was müsste sich also ändern, um bessere Bedingungen für die Mobilität von Frauen zu erzielen?

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Bellmann: Das fängt schon bei der Sozialisation der Kinder an: Jungs dürfen sich zum Beispiel Räume anders aneignen als Mädchen. Sie sind früh selbstständig im Verkehr unterwegs, Mädchen werden länger mit dem Auto gefahren. Wichtig wäre es, dass in der Politik und Wirtschaft Perspektivwechsel vorgenommen sowie Vorurteile und Stereotypen aufgebrochen werden. Dafür ist viel Aufklärungsarbeit nötig.

Kawgan-Kagan: Wichtig ist zunächst die Einsicht, dass Frauen und ihre Mobilität bei Planungsprozessen kaum berücksichtigt werden. Mobilität sollte außerdem weniger technisch gesehen werden. Die Verkehrswende sollte so viele Menschen wie möglich einschließen. Wir brauchen eine Stadt der kurzen Wege und mehr verkehrsberuhigte Bereiche. Davon profitieren nicht nur Frauen, sondern auch andere gesellschaftliche Gruppen wie Mobilitätseingeschränkte oder Seniorinnen und Senioren – und natürlich auch Männer!

Women in Mobility ist eine Plattform für den Austausch von Frauen aus der Mobilitätsbranche. Regelmäßig werden Veranstaltungen organisiert. Außerdem stehen die Mitglieder über soziale Medien in Verbindung. Ihr Anliegen ist es, Frauen mehr Sichtbarkeit in der Branche zu verschaffen und ihre Belange besser zu vertreten.

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