Der neue Mercedes EQS – Captain Future aus dem Ländle

  • Mit dem EQS möchte Mercedes die Standards bei den Elektroautos neu definieren.
  • Mit dem standesüblichen Selbstbewusstsein spricht man in Stuttgart von einem „epischen Moment“.
  • Doch lässt der futuristische EQS die aktuelle S-Klasse schon beinahe behäbig aussehen.
Gerd Piper
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Vermutlich gibt es gegenwärtig kein Auto, das so komplett ist wie der Mercedes EQS. Das neue elektrische Flaggschiff aus Stuttgart schlägt den Bogen vom konventionellen Autobau in die digitale Zukunft. Chefdesigner Gordon Wagener spricht in der ihm eigenen Bescheidenheit von einer Revolution, von einem „epischen Moment“. Und ist selbst ein bisschen verwundert, dass soviel Veränderung möglich war. Der EQS ist ein futuristischer Baustein, der die aktuelle Generation der S-Klasse – mit der teilt man sich immerhin das technische Fundament – fast schon behäbig aussehen lässt.

Herausforderung für die klassische Zielgruppe

Auch wenn vieles am EQS fasziniert, so ist ein gewisses Risiko nicht von der Hand zu weisen. Denn für die klassische Mercedes-Kundschaft dürfte der Wagen eine Herausforderung sein. Doch die Kunden ändern sich, werden jünger und erwarten außer Komfort auch die modernsten Technologien. Und genau da liegt die Chance für dieses Fahrzeug.

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Angefangen hat alles 2015, als die Schwaben in den USA ihr autonom fahrendes Forschungsfahrzeug F015 präsentierten – ein radikaler Entwurf und die völlige Abkehr vom bislang bekannten Autodesign. Der EQS ist im Grunde genommen die zu Ende gedachte straßentaugliche Version dieses Conceptcars – eine mehr als fünf Meter lange, elektrisch angetriebene Luxuslimousine.

Ein Auto zum Staunen

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Selbst wenn man die ganzen Superlative abzieht, mit denen solche Autos bei ihren Premieren vom Hersteller gern bedacht werden, bleibt noch genug zum Staunen übrig. „Dieses Auto ist ein Wendepunkt. Es markiert den Beginn einer neuen Ära bei Mercedes-Benz“, sagt Daimler-Chef Ola Källenius. Endlich sind sie auch in Stuttgart in der neuen Welt angekommen, der man so lange hinterherhinkte. Und das mit einem Paukenschlag.

Denn der EQS, so scheint es zumindest, kann alles besser als die Konkurrenz: Ein komplett digitalisiertes Cockpit, Filter für die sauberste Luft in der gesamten Automobilindustrie, eine nominelle Reichweite von bis zu 770 Kilometern und das bei einer geradezu unfassbaren Effizienz – je nach Ausstattung knackt der Wagen die Drei-Tonnen-Marke. Dank der bereits aus der S-Klasse bekannten Hinterachslenkung von zehn Grad soll sich der riesige Schlitten zudem wie ein Kleinwagen handeln lassen.

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Das Kernstück der Innovation ist die sogenannte Powerwall, ein 1,41 Meter langes Glasband mit drei riesigen Monitoren. © Quelle: Daimler AG/dpa

Zentrales Prunkstück des EQS ist ohne Zweifel der Hyperscreen, intern Powerwall getauft: ein 1,41 Meter breites geschwungenes Glasband, hinter dem sich drei riesige Monitore befinden und das sich über die gesamte Fahrzeugbreite zieht. So etwas hat es bislang noch nicht gegeben. Dieser Screen, davon sind die Entwickler überzeugt, wird einen neuen Industriestandard definieren. Allerdings nur für Elektroautos.

Eine Cockpitlandschaft ohne Knöpfe oder Schalter

„Wir werden ihn nach und nach auch auf die anderen Modelle ausrollen“, sagt Susanne Velleuer, zuständige Produktmanagerin, und schränkt ein: „aber nicht auf die Verbrenner“. Der Hyperscreen ist die Schnittstelle zwischen Fahrzeug und Mensch, über die sich viele Funktionen per Sprachsteuerung lenken lassen. Resultat ist eine Cockpitlandschaft, die „clean“ ist, Knöpfe, Schalter, Regler – sie alle sind verschwunden.

Dass die verschiedenen Softwarekomponenten in ihrem Zusammenspiel zum Problem werden könnten – Mercedes rechnet erst 2024 mit einem eigenen, die einzelnen elektronischen Bausteine integrierendem Betriebssystem – sehen sie in Stuttgart nicht: „Wir wissen, wie unsere Systeme funktionieren. Die Architektur ist völlig frei gefahren“, sagt Christoph Starzynski, der zuständige Leiter der EQ-Modellreihe. Von einigen zusätzlichen Features einmal abgesehen, sei sie mit der aktuellen S-Klasse identisch. Hochautomatisiertes Fahren wird es also auch geben.

„Wir haben jetzt eine zweite S-Klasse“

Dass sich die Fahrzeuge am Markt Konkurrenz machen könnten, ist nicht auszuschließen. „Wir haben jetzt eine zweite S-Klasse, die grundsätzlich anders ist“, sagt Chefdesigner Wagener. Eine Bestandsgarantie für die konventionelle S-Klasse will bei Mercedes deshalb niemand abgeben: „Wir schauen mal, wie sich das Ganze entwickelt“, heißt es ausweichend.

Sollte die E-Mobilität schneller als bislang angenommen hochfahren, wollen sie in Stuttgart zügig nachlegen. Das hat Källenius bereits angekündigt. Und mit dem EQS haben sie jetzt den entsprechenden Werbeträger im Programm: ein Auto, das außen und innen wie aus einem Guss zu sein scheint. Das sogenannte One-Bow-Design, der sich von der Front bis zum Heck spannende Bogen, ist erst durch den elektrischen Antriebsstrang möglich geworden. Ebenso wie ein Luftwiderstandswert (Cw) von 0,20 – Weltrekord.

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Hochleistung und CO₂-Neutralität

Leistung gibt’s im Überfluss, je nach Version 245 bis 385 kW mit Heck oder Allradantrieb. Eine Performance-Variante mit 560 kW ist in Vorbereitung. Und natürlich lädt der EQS schnell, navigiert unter Berücksichtigung aller nur denkbaren Situationen intelligent und ist von Anfang bis Ende CO₂-neutral, wie der Hersteller versichert. Captain Future auf der Autobahn.

Dass in diesem rollenden Supercomputer ein sieben Jahre altes Tablet verbaut sein soll, wie ein amerikanischer Blogger herausgefunden haben will, gehört für die Schwaben ins Reich der Fake News. Sie sonnen sich momentan im Gefühl, nach hundert Jahren Autobau etwas ganz Neues auf die Räder gestellt zu haben. Etwas, das „besser ist, als alles, was da draußen herumfährt“, wie es Gordon Wagener ausdrückt. Wobei die Geschichte ganz nach Schwabenart seinen Preis haben wird. Und der wird mutmaßlich um die 100.000 Euro betragen.

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