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„Zukunftsrat“ für junge Menschen? CDU beklagt Wahlkampf-Fake

  • Eine Gruppierung aus jungen Frauen und Männern hat einen vermeintlichen „CDU-Zukunftsrat“ gegründet.
  • Die Partei selbst spricht von einem Wahlkampf-Fake – während die Mitglieder der Gruppe an ihrer Geschichte festhalten.
  • Zahlreiche Medien haben ihre Berichterstattung inzwischen zurückgezogen.
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Berlin. Ein angeblicher „CDU-Zukunftsrat“ sorgt für Diskussionen innerhalb der Politik- und Medienlandschaft. Medien fallen „auf CDU-Fake-Gruppierung herein“, titeln Nachrichten­agenturen und Branchendienste am Dienstag – die CDU selbst spricht von einem „Deep Fake“ im Wahlkampf. Was ist passiert?

Eine Gruppe von jungen Frauen und Männern hatte Journalistinnen und Journalisten für den Dienstag­vormittag zu einer Pressekonferenz eingeladen – und im Vorfeld auch mit verschiedenen Medienvertretern über ihre Pläne gesprochen. Im Programm des SWR beispielsweise kam Rosa Schneider zu Wort, die sich als Sprecherin der Gruppe bezeichnet. In einem Online­artikel auf der Website hieß es am Dienstag in der Überschrift: „Mehr als JU? ‚Zukunftsrat‘ auf Suche nach jungen Themen für die CDU“.

CDU: „Hat mit uns nichts zu tun“

Gleiches Spiel am Dienstag­morgen beim „Spiegel“. Im Newsletter „Die Lage am Morgen“ hieß es: „Heute stellt sich in Berlin im Konrad-Adenauer-Haus der CDU-Zukunftsrat vor, der einen klaren programmatischen Kontrapunkt gegen die JU setzt.“ Die Motivation der Gruppierung sei es, die Interessen der zukünftigen Generationen gegenüber dem CDU-Bundesvorstand zu vertreten. Zitiert wird die Pressesprecherin der Gruppe.

An Selbstbewusstsein mangele es ihren Vertreterinnen und Vertretern nicht, urteilt der Autor. So heiße es beim „CDU-Zukunftsrat“ auf Twitter beispielsweise: „Unser Fazit ist, dass das Regierungs­programm der CDU nicht zukunftsfähig ist.“

Im Newsletter „Der Tag“ des Redaktions­Netzwerks Deutschland (RND) tauchte die Pressekonferenz des vermeintlichen „Zukunftsrats“ als Terminhinweis ebenfalls auf. Doch alle betroffenen Medien haben ihre Beiträge inzwischen korrigiert oder gänzlich entfernt – auch das RND. Der Grund: Die CDU selbst erklärt eindeutig: Mit der Partei habe der angebliche „CDU-Zukunftsrat“ überhaupt nichts zu tun.

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„Erster Deep Fake der Bundestagswahl“

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CDU-Bundes­geschäftsführer Stefan Hennewig bezeichnete die Gruppierung schon am Montagabend auf Twitter als den „ersten Deep Fake der Bundestagswahl 2021″. Auch gegenüber dem RND erklärte das Konrad-Adenauer-Haus, beim „Zukunftsrat“ handele es sich vielmehr um eine Aktion von Klima­aktivistinnen und ‑aktivisten.

Hennewig verbreitete zugleich auch eine Vermutung auf Twitter. Fünf Mitglieder der Klimabewegung Extinction Rebellion seien für die Fake-Aktion verantwortlich, schrieb er. „Hannes, Rosa und Karl hatten viel Spaß … und empfanden diebische Schadenfreude über ihren Fake“, heißt es weiter in dem Tweet.

Tatsächlich ist zumindest diese Theorie wohl nicht richtig. Die Klima­aktivistinnen und ‑aktivisten von Extinction Rebellion erklärten auf Anfrage des RND, man wisse nicht, woher das Gerücht komme – der „Zukunftsrat der CDU“ habe aber nichts mit der Gruppierung Extinction Rebellion zu tun. „Anscheinend war eine Person vom Zukunftsrat schon bei Extinction-Rebellion-Aktionen, aber mehr wissen wir dazu leider auch nicht.“

Mitglieder halten an Geschichte fest

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Doch wer steckt dann hinter dem angeblichen „Zukunftsrat“? Spricht man die Mitglieder der Gruppierung auf die Vorwürfe an, so halten diese an ihrer Erzählung fest. Man wolle einen Gegenpol zum Wirtschaftsrat der CDU darstellen, der einen ständigen Sitz im Bundesvorstand habe, erklärt Rosa Schneider auf RND-Anfrage. Ein solches Privileg wünsche man sich auch für den Zukunftsrat, „um die Belange der zukünftigen Generationen in die Willensbildung der Partei einfließen zu lassen“.

Schneider selbst sei kein Mitglied CDU – das sei aber auch nicht notwendig. Auch beim Wirtschaftsrat der CDU handele es sich schließlich um einen partei­unabhängigen Berufsverband.

Eine Kooperation mit den Klima­aktivistinnen und ‑aktivisten von Extinction Rebellion weist auch Schneider von sich. Stattdessen beklagt sie: „Es ist bedauerlich und erschreckend, dass die Parteispitze in solcher Weise auf die Anliegen der jungen Generation reagiert.“

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Die Suche nach dem Online­phantom

Doch so schlüssig die Erklärung auch sein mag – es bleiben viele Fragezeichen. Die meisten Mitglieder des vermeintlichen „Zukunftsrats“ scheinen nämlich nie öffentlich in Erscheinung getreten zu sein, schon gar nicht politisch. CDU-Geschäftsführer Hennewig spricht von „Tarn­identitäten“ und „falschen Namen“.

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Tatsächlich finden sich weder von Rosa Schneider noch von Mitbegründer Karl Steinlein Hinweise im Netz: kein Instagram-Profil, keine Facebook-Seite, kein Linkedin-Profil, keine Zeitungsartikel über ihre politische Arbeit. Rosa Schneider begründet das im Telefonat mit dem RND so: Man sei noch sehr jung und mit der Arbeit noch ganz am Anfang – öffentliche Social-Media-Profile gebe es daher noch nicht. Mögliche private Accounts in den Netzwerken will Schneider nicht nennen.

Auch Mitgründer Karl Steinlein ist ein Online­phantom. Angeblich, so der vorgeblich 28-Jährige selbst, sei er seit zwölf Jahren Mitglied in der Jungen Union. Ob das stimmt, ist schwer nachzuprüfen: Auf eine RND-Anfrage hat die Jugend­organisation der Partei noch nicht reagiert.

Pressekonferenz vor CDU-Zentrale

Einzig Hannes Rabenhorst, „Energiewende­experte“ des „CDU-Zukunftsrats“, hat ein Linkedin-Profil. Im Juni teilt er hier mit: „Ich bin froh, ab heute Teil des Zukunftsrates der CDU zu sein. Weil eine ausgeglichene Interessen­vertretung in der Politik überfällig geworden ist.“ Bei Manon Gerhardt, dem vierten Mitglied im Bunde, handelt es sich offenbar tatsächlich um eine Kulturschaffende aus Berlin.

Wirklich erfolgreich waren die Mitglieder der Gruppierung mit ihrer Arbeit bislang nicht. Ein Youtube-Kanal des „Zukunftsrats“ hat seit dem ersten Video im Juni nur sechs Abonnenten gesammelt, die Videos und eine anderthalb Stunden lange Online­konferenz erreichten bis dato wenige Hundert Klicks. Dem Twitter-Profil folgen inzwischen etwas mehr als 100 Menschen.

Die angekündigte Pressekonferenz am Dienstagvormittag allerdings fand offenbar tatsächlich statt. In einem rund 400-mal aufgerufenen Youtube-Livestream ist zu sehen, wie sich die Mitglieder der Gruppe offenbar vor dem Konrad-Adenauer-Haus den Fragen von Journalistinnen und Journalisten stellen. Kurz danach soll es laut Rosa Schneider ein Gespräch mit dem Bundes­geschäftsführer der CDU gegeben haben. Was dabei herausgekommen ist, will Schneider am Telefon allerdings nicht verraten: Da müsse Sie erst mit ihren Team­mitgliedern Rücksprache halten.

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