„Zervakis & Opdenhövel.Live“: harmonisch, fahrig, desolat

  • Die Premiere von „Zervakis & Opdenhövel.Live“ sollte gestern die Seriositätsoffensive von Pro Sieben vorantreiben.
  • Da ist noch ordentlich Luft nach oben.
  • Denn das Format füllt durchaus Leerstellen.
Jan Freitag
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Ein TV-Journal ist heutiges Zeitgeschehen, verdichtet auf einige Minuten jener 24 Stunden, von denen es berichtet. Das französische Lehnwort, dem frühhochdeutschen zornal nicht unähnlich, bezeichnet die Gesamtheit des journalistisch verwertbaren Tages, will damit wie das artverwandte Magazin also alles in einem sein: „Aktuell, relevant, bewegend, informativ, unterhaltsam“ – so umschreibt der Entertainmentsender Pro Sieben ein Kernelement seiner Seriositätsoffensive mit dem kurios interpunktierten Titel „Zervakis & Opdenhövel.Live.“

Bei der gestrigen Premiere jedoch zeigt sich, dass #ZOL abgesehen von der zweistündigen Spielzeit zwischen „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ 15 Montage so gegenwärtig sein dürfte wie ein gebrauchter „stern“ – wenngleich mit prominentem Personal. In weißen Pumps begrüßt die Nachrichtensprecherin ihr kleines Studiopublikum mit „Der Montagabend hat ein neues Klingelschild“, was der Sportmoderator in blauen Turnies durch die Selbstetikettierung „Nerd mit der Brille“ ergänzt und sodann Leichenbittermiene auflegt.

Es geht, klar, um Afghanistan am Beispiel einer Sängerin, die von dort fliehen musste. Dann geht es, klarer, um die Bundestagswahl am Beispiel zweier Politiker, die Pro Sieben zum mobilen Townhall-Meeting bittet. Später geht es, am klarsten, um den Klimawandel am Beispiel der Betroffenen jener Flutkatastrophe, die acht Wochen zurückliegt. Es geht also, eher trübe, um Aktualitätssimulationen, ein Sommermagazin, kein Tagesjournal, aber gut: Hören wir mal rein.

Ein Medienprofi stammelt

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„Ich wusste, wenn sie mich erwischen, überlebe ich das nicht“, sagt Aryana im ersten Einspielfilm. „Ich hoffte, sie würden mich nicht erkennen“, fügt sie hinzu und dachte irgendwann, „es ist aus“. Angedickt um Hochglanzbilder ihrer Karriere ist der 23-minütige Beitrag also eher Insta-Story mit Promifaktor und Thrill-Elementen als echter Magazinjournalismus. Fatwa, fragt Zervakis den angereisten Popstar, „was heißt das, also, wenn sie ja da gelebt hätten, was heißt das konkret, damit hier wir uns das vorstellen können, was das bedeutet“.

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Ja, was bedeutet es, wenn Fragen eines Medienprofis so gestammelt werden, wenn ein anderer Fachmann „Ist die Anspannung abgefallen, war die Erleichterung da, was ist da vorgefallen?“ nachhakt, wenn das Gesagte also weniger elegant ist als anthrazitfarbene Sofas, auf denen ihre Gäste sitzen? Es bedeutet, dass Anspruch und Wirklichkeit weiter auseinanderliegen als „Galileo“ von „Panorama“. Denn #ZOL, das merkt man früh, will alles sein und wird dabei nichts.

FDP-Vize Wolfgang Kubicki mit Wählern von Pharmareferent bis Contentmanagerin ins Berliner Taxi zu setzen, ist zwar originell, aber noch ertragloser als beim Zwiegespräch von SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil mit Abiturientin, DJ, Student. Zusammenhangsloser erscheint da nur noch ein Fun Fact über sinkenden Bierverkauf britischer Pubs im Anschluss, leitet aber das nächste Thema ein. Irgendwie.

„Unbelievable“

Der Popsänger James Blunt wird als trinkfest angekündigt und in einer Oktoberfestkulisse drapiert, wo er mit Matthias Opdenhövel Maßkrüge stemmt und sein neues Album promotet, was Linda Zervakis „unbelievable“ findet. Zuvor gibt‘s aber journalistischen Druck in Sachen Hochwasser – nur leider nicht auf politisch Verantwortliche, sondern die Tränendrüse. Die Hildebrandts aus dem Ahrtal sind zu Gast, haben den verkrusteten Kindersitz dabei und werden nach der Flutgebietsreportage gefragt, ob sie „immer noch mit den Tränen“ kämpfen. Tun sie, keine Sorge.

Weshalb ihnen Pro Sieben zum Schluss ein neues Kinderzimmer schenkt und Linda Zervakis bekennt, sie hätte vor den zwei Stunden „ein bisschen geschlottert“. Na ja, immerhin musste sie die nicht sehen, sondern gestalten. In einem Duett, das gar nicht so schlecht harmoniert. In einem Format, das durchaus Leerstellen füllt. Schließlich gibt es genügend Polit- und Wirtschaftsmagazine, Kultur- oder Wissenschaftsmagazine, aber ein genreübergreifendes jenseits vom Boulevard? Davon wurde seit dem Aus illustrierter Journale wie „Quick“ und „Allegra“ selbst die Zeitschriftenlandschaft flurbereinigt. Nur: Weder Zervakis noch Opdenhövel sind Subjekte illustrierter Journale wie dem, das ihre Namen trägt.

Vorm Teleprompter mögen beide glänzen, vor Menschen sind sie oft fahrig, fast desolat – was das Chaos zu vieler Flatscreens und Bühnenelemente weiter aufwühlt, von den sinnlosen Userinnen- und User-Tweets und -Fragen ganz zu schweigen. Journalismus kommt von Journal; bis Zervakis und Opdenhövel die Gleichung umdrehen, bedarf es noch einiger Mühe.

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