„Unterhaltung muss gemacht werden“: So war Jan Böhmermanns erste Sendung im ZDF

  • Strenger, journalistischer, schneller: Jan Böhmermanns neue Sendung „ZDF Magazin Royale“ feierte Premiere im Zweiten Deutschen Fernsehen.
  • In 30 Minuten teilte der Entertainer gegen Verschwörungs­mythen, durchgeballerte Promis und gewissenlose Superreiche aus.
  • Das war mit Verve vorgetragen, aber noch ein bisschen zu angestrengt, findet Imre Grimm.
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Keine deutsche Premiere ohne ein paar pflichtschuldig hingeknirschte Grußworte von Weggefährten – das gilt auch für Jan Böhmermann. Recep Erdogan hatte wohl keine Zeit, dafür meldet sich Schwiegertochter-Kuppelmutter Vera Int-Veen mit Ermutigendem zum Start, außerdem die tapferen Mitarbeiter der „ZDF-Hauptabteilung Rechtemanagement und Zentraleinkauf“ sowie der in Vergessenheit geratene „Focus“-Kolumnist Jan Fleischhauer. Nur der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland knurrt böse: „Hör’n Se mit dem Böhmermann auf …“

So kann man schon mal starten. Ein gutes Dreivierteljahr hat der „unseriöse Comedyclown" (Böhmermann über Böhmermann) Fernsehpause gemacht nach dem Ende von „Neo Magazin Royale“ im Dezember 2019 – ziemlich genau eine Schwangerschaft lang also. Optisch ist er ganz derselbe, nur der Bart ist etwas voller, das Studio noch einen Hauch schillernder, das Rundfunk-(Dis-)Tanz-Orchester Ehrenfeld im Homeoffice noch einen Schuss perfekter. „Herzlich willkommen zum ‚ZDF Magazin Royale‘ – live aus der Friedrich-Merz-Arena in Philadelphia County in Pennsylvania“, feixt er. „Sie kennen mich als Meme aus Ihrer geheimen Whatsapp-Gruppe, liebe Polizisten.“

„Die schadhaften Stellen unserer Demokratie“

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Das klingt wie Late Night, das sieht aus wie Late Night – aber was Böhmermann dann in 30 Minuten abliefert, ist sehr viel journalistischer, präziser und strenger, als es das „Neo Magazin Royale“ jemals war. Einmal pro Woche darf er nun immer freitags zwischen Oliver Welkes „heute-show“ und der Kultursendung „Aspekte“ wie anno dazumal Gerhard Löwenthal in seinem „ZDF Magazin“ nach den „schadhaften Stellen unserer Demokratie fahnden“.

„Unterhaltung muss gemacht werden“: Böhmermann seziert in seiner neuen Sendung „ZDF Magazin Royale“ (Screenshot) die Mechanismen der Verschwörungsmythen. © Quelle: Böhmermann ZDF

Um sofort jede Erwartung zu unterlaufen, hier gebe es künftig Besinnlich-Heiteres zum Wochenausklang wie in den Kabarett-Selbstvergewisserungssendungen der dritten Programme, gießt er sich ordentlich „Vino rosso“ in den Rachen und setzt dann zu dräuenden Theremin-Klängen zu einem zwanzigminütigen, bitteren Rant über die „wahre Verschwörung in diesem Land“ an. Denn: „Auch ich will im Verschwörungsgame mitspielen, auch ich habe das Licht gesehen!“

Eher politisches Proseminar als Pop-Event

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Hunderttausend Follower hat er zuletzt im sozialen Gruselnetzwerk Telegram eingesammelt („das digitale Mordor“), als er in einer Social-Media-Guerillaaktion für eine Woche seine Twitter- und Facebook-Konten einfror und zu Werbezwecken tat, als sei auch er als nächster Promi mit intellektuellem Kolbenfresser einem „Dinslakener Pimmelfürsten“ (Böhmermann) folgend in die Untiefen des digitalen Irrsinns abgedriftet.

„Verschwörung“ also als monothematischer Auftaktstoff. Und warum auch nicht? Möge ja niemand das „ZDF Magazin Royale“ mit infantilem Große-Jungs-Fernsehen verwechseln. Das ist eher politisches Proseminar als Pop-Event. Der lustigste Moment dauerte nur 1,5 Sekunden: als statt Amazon-Chef Jeff Bezos Bernhard Hoëcker zu sehen war.

Es ist dem Manne ernst

Böhmermann schlägt weite Bögen, schilt die Reichen des Landes, die Quandts und Klattens, wie ein sozialdemokratischer Generalsekretär am politischen Aschermittwoch. Diese „geheime Elite“, über die allerhand Querdenker in den Dreckecken des Netzes Klage führen, seit die Welt so ärgerlich unübersichtlicher geworden ist – das sei keine anonyme Illuminatentruppe, die im Dunkeln die Fäden ziehe. Stattdessen tue diese Elite ihr Werk in aller Öffentlichkeit, „ganz offen und für jeden ersichtlich“. „Die größte Verschwörung“, zürnt er, sei nicht irgendeine ominöse „Elite-Popite“, sondern die Wirklichkeit, in der wenige unfassbar viel Geld verdienten. Das sei die eigentliche Verschwörung.

„Die ungleiche Verteilung von Geld und Gütern ist neben dem Klimawandel das größte Problem der Gegenwart“: Jan Böhmermann meint es ernst in seiner neuen Sendung „ZDF Magazin Royale“ (Screenshot). © Quelle: B
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Das alles ist mit Verve vorgetragen, telegen eingekleidet und journalistisch astrein untermauert. Es ist dem Manne ernst, das ist zu spüren. „Die ungleiche Verteilung von Geld und Gütern ist neben dem Klimawandel das größte Problem der Gegenwart.“ Da hat er zweifellos recht. Doch man darf die Frage stellen, ob die moralische Integrität des Lufthansa-Großaktionärs Heinz Hermann Thiele oder die Steuerspartricks von Mathias Döpfner und „seiner Besitzerin“ Friede Springer tauglicher Stoff sind, um einem auf dem Sofa stagnierenden Publikum kurz vor Mitternacht mehr als nur das Heben der rechten Augenbraue zu entlocken. Schön wär’s ja, aber man wird sehen.

„Von Norden bis Süden, von Drosten bis Westen …“

Als Comic-Relief gibt’s eine etwas zu ausführliche Schalte zu „Spencer“, dem unvergessenen Schieber­mützen­helden aus dem knuffigen deutschen „Sesamstraßen“-Nachbau „Hallo Spencer“. Spencer gibt eine Wendler-Parodie als durchgeknallter Aluhutpromi („Hallo, liebe Leute, von A bis Z, von 1 bis 100, von Norden bis Süden, von Drosten bis Westen …“). Das wird bei manchem Mittvierziger einen nostalgischen „Hach“-Reflex auslösen. Ob freilich auch das nachgewachsene Publikum irgendeine Regung zeigt angesichts einer sprechenden gelben Flauschpuppe?

So richtig lustig ist das alles nicht gemeint, dafür aufklärerisch. Böhmermann wolle, hat er zuvor angekündigt, nicht wie die „heute-show“ die Aufreger der Woche verwursten, sondern selbst Themen setzen. Das Premierenthema „Verschwörung“ litt etwas darunter, dass es bereits seit Monaten der Länge und Breite nach allerorten beleuchtet wurde, nur eben noch nicht von jedem.

Gegen die Doofheit an sich

Das sieht nicht nur nach Arbeit aus. Das ist Arbeit. „Nützt ja nichts, Unterhaltung muss gemacht werden“, sagt er zwischendurch, denn „pain equals comedy“. Schmerz also sei der Rohstoff des Humors, oder anders: Der Witz wohnt als Parasit auf dem Leid. Verbindlichkeit war seine Sache nie, aber die besten und klügsten Zornesreden früherer Sendungen waren wie eine Happy Hour fürs Gehirn.

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Dafür war das erste „ZDF Magazin Royal“ noch einen Hauch zu angestrengt. Zwischendurch war nicht ganz klar, gegen wen sich sein Zorn nun eigentlich wendet. Aber die Antwort muss wohl lauten: gegen die Doofheit an sich.

„ZDF Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann, immer freitags um 23.10 Uhr und ab 20 Uhr in der ZDF-Mediathek.

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