ZDF-Drama “Totgeschwiegen”: Blut klebt am Nest

  • Jugendliche aus gutem Hause töten während eines Streits einen Obdachlosen.
  • Doch deshalb die Schuld zugeben und die Zukunft ruinieren?
  • Wie Eltern mit dem Unfassbaren umgehen, zeigt das packende ZDF-Drama “Totgeschwiegen” (Montag, 20.15 Uhr).
Tilmann P. Gangloff
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Wenn Jugendliche im TV-Krimi auf einen Obdachlosen treffen, mündet die Begegnung in der Regel in Gewalt. Oft haben sich die Drehbuchautoren durch echte Ereignisse in­spi­rie­ren lassen – entsprechende Schlagzeilen gibt es mit trauriger Regelmäßigkeit. Auch das schockierende ZDF-Drama “Totgeschwiegen” (21. September, 20.15 Uhr) beginnt tödlich: Drei Berliner Teenager werden in einer U-Bahn-Station von einem Stadtstreicher belästigt, dann folgt ein Schnitt. Die nächste Einstellung zeigt die drei, wie sie über den Bahnsteig davonlaufen. Diese Bilder sind die einzigen Aufnahmen, die der Polizei für die Fahndung zur Verfügung stehen.

Anders als beispielsweise die vergleichbaren “Tatort”-Episoden “Gegen den Kopf” (2013, Berlin) oder “Ohnmacht” (2014, Köln) haben Gwendolyn Bellmann und Regisseurin Franziska Schlotterer ihr Drehbuch jedoch nicht als Krimi konzipiert. Da der Prolog die Tat ausspart, bleibt zwar offen, was sich genau ereignet hat, aber diese Leerstelle wird nicht als solche empfunden: weil das Kopfkino sie automatisch mit Bildern aus den Krimis füllt.

“Totgeschwiegen” ist jedoch ein Psychogramm, aber nicht etwa der Jugendlichen. Die drei sind im Grunde nur Mittel zum Zweck, denn Bellmann und Schlotterer konzentrieren sich auf die Eltern des Trios, weshalb der Handlungskern stellenweise an das Theaterstück “Der Gott des Gemetzels” erinnert.

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Langsam wird den Eltern klar, was passiert ist

Meist stammen die Jugendlichen in solchen Geschichten aus bürgerlichen Elternhäusern, weil die Filme gern auch von Wohlstandsverwahrlosung handeln. Das ist hier etwas anders. Ärztin Esther (Claudia Michelsen) hat zwar nicht viel Zeit für ihre Tochter Mira (Flora Li Thiemann), aber Lebensgefährte Jean (Mehdi Nebbou) ist ein guter Vaterersatz. Brigitte (Katharina Marie Schubert), die Mutter von Fabian (Lenius Jung), übertreibt es mit ihrer Zuneigung zum Sohn – Ehemann Volker (Godehard Giese) bezeichnet ihr Verhalten als Affenliebe. Fünfte Erwachsene ist Nele (Laura Tonke), die alleinerziehende Mutter von Jakob (David Ali Rashed).

Natürlich hat das Ereignis gewisse Auswirkungen auf das Verhalten der Teenager, aber ihre Eltern sind zunächst ahnungslos. Das Trio ist um die 15, da benehmen sich Jugendliche schon mal seltsam; aber dann erkennt Brigitte auf einem Foto die auffällige Jacke ihres Sohnes. Sie lässt sie verschwinden, doch damit ist die Sache nicht aus der Welt. Als Daniel zur Polizei muss, weil einer seiner Lehrer das Kleidungsstück ebenfalls identifiziert hat, erfährt Volker ein grausiges Detail, von dem in den Nachrichten keine Rede war, und das wirft ein gänzlich anderes Licht auf die Tat. Weil mittlerweile auch Esther herausgefunden hat, was passiert ist, treffen sich die Eltern, um zu beratschlagen, was sie nun tun sollen.

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Dem Zuschauer stellt sich die Frage: Wie würde ich mich verhalten?

Der Titel nimmt zwar vorweg, zu welchem Ergebnis die Runde kommt, aber der Weg dorthin ist durchaus spannend: weil die fünf gänzlich unterschiedliche Moralvorstellungen haben. Der Reiz des Films liegt nicht zuletzt in der Frage, die sich unwillkürlich jeder Zuschauer stellen wird: Wie würde ich mich in so einer Situation verhalten? Für Jean steht außer Frage, dass das Trio die Verantwortung für die Tat übernehmen soll, aber Volker bringt das moralische Dilemma auf den Punkt: Die Kinder hätten aus Gründen der Abschreckung mit einer harschen Strafe zu rechnen; sie würden sich mit einem Geständnis ihre komplette Zukunft verbauen. Brigitte würde ohnehin alles tun, um ihren Liebling zu beschützen. Nele ist dagegen lange unentschlossen.

Ähnlich unterschiedlich wie die Reaktionen ist auch das anschließende Verhalten der Eltern: Esther will, dass Mira freiwillige Sozialstunden leistet, Volker entsorgt Fabian in einem Internat, und Nele will mehr über das Opfer herausfinden. Als Mira eine Überdosis Schlaftabletten nimmt, stellt sich auch endlich heraus, was an jenem unheilvollen Abend tatsächlich passiert ist.

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Im Anschluss zeigt das ZDF die Dokumentation “Wenn Kinder zu Tätern werden” (21.45 Uhr).

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