ZDF-Drama „Auf dünnem Eis“: Ein Bett aus Beton

  • „Auf dünnem Eis“ (ZDF, 20. September) ist ein leises Meisterwerk.
  • Darin fährt Ira (Julia Koschitz) auf ihrem Parkplatz den Obdachlosen Konrad (Carlo Ljubek) an und hilft ihm danach durch den Winter.
  • Gefühlvoll geht Sabine Bernardi in dem Drama der Frage nach, was ärmer macht – Besitz oder Verzicht.
Jan Freitag
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Schauspieler lernen normalerweise ergiebig, sich klar und deutlich auszudrücken. Schließlich sollen sie nicht nur vor der Kamera, sondern auch auf den Brettern, die die Welt bedeuten, bis zum Oberrang gut verständlich sein. Sofern sie denn gut verständlich sein wollen. Denn auf gefrorenem Beton, der im Winter durchaus den Tod bedeuten könnte, will Carlo Ljubek diesmal unverständlich sein. „Lassdiefingerweg“, presst seine Filmfigur hervor, nuschelt „kommgibdasher“ dazu, gefolgt von „ichmachdasselber“. Klingt nach schlechter Aussprache, ist jedoch ausdrucksstark wie das gesamte ZDF-Drama „Auf dünnem Eis“.

Der erfahrene Theater- und Filmschauspieler – geboren im Ruhrpott, ausgebildet von der Münchner Falckenberg-Schule, engagiert am Hamburger Schauspielhaus – spielt darin nämlich einen Obdachlosen, den man ausnahmsweise so nennen darf, wie es der sprachsensible Volksmund längst nicht mehr tut: Penner. Denn Konrad, so heißt er, schläft am Boden der Tiefgarage von Ira (Julia Koschitz), als sie erschöpft von ihrer Schicht im Sternerestaurant heimkehrt. Und weil sie ihn beim Einparken verletzt, muss die alleinerziehende Köchin den Feierabend verschieben, um Konrad ins Krankenhaus zu bringen.

Emotionale Filmstudie gleich mehrerer Milieus

„Neeichgehdanichrein“, wehrt er sich zwar kurz gegen die ungewohnte Anteilnahme, kommt dann aber doch mit, „wenndudatsachst“. Ira nimmt Konrad mit und setzt damit den ersten Mosaikstein einer emotionalen Filmstudie gleich mehrerer Milieus. Denn was nach kurzem Gastspiel eines Wohlstandsverlierers auf dem Oberrang unserer Leistungsgesellschaft aussieht, entpuppt sich als Auftakt einer Beziehung, die – das erfahren wir zum Auftakt dieser Achterbahnfahrt ins finstere Herz der westlichen Zivilisation – offenbar mit dem Tod einer der zwei Beteiligten endet.

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Bis dahin aber hauchen sie sich gegenseitig Leben ein. Ira, von Arbeit, Trennung und Stress völlig ausgelaugt, beginnt sich um Konrad, von Armut, Verletzung und Kälte schwer gebeutelt, zu kümmern. Anfangs noch widerwillig, überbrücken beide die soziale Kluft und kommen sich näher – allerdings nicht körperlich. Zum Glück. Eine Lovestory wäre definitiv zu viel des Guten einer Geschichte, die nicht nur wegen ihrer Herkunft authentisch ist.

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Regisseurin gießt eigene Erfahrung in ein zurückhaltendes Fernsehspiel

Einerseits beruht der Film auf Erlebnissen von Produzentin Beatrice Kramm, die einst selbst versucht hatte, den obdachlosen Bewohner ihres Parkplatzes durch Berlins Winter zu helfen. Andererseits gießt Regisseurin Sabine Bernardi diese Erfahrung in ein ebenso intensives wie zurückhaltendes Fernsehspiel, das trotz aller Dramatik frei von jedem Pathos ist. Ihr Geheimnis ist die große Wirkung kleiner Gesten, angenehm dezent zum Ausdruck gebracht von Ljubek und Koschitz.

Das Autofenster, das Ira trotz Minusgraden einen Spalt gegen Konrads Geruch öffnet; der Wein, den dieser trockene Alkoholiker zwei Sekunden in ihrer Küche taxiert; zwei Hummer, die sie aus dem Hotel mitbringt, weil sie sonst im „Schweineeimer“ landen, was Konrad lapidar mit „Stullehättsauchgetan“ kommentiert – nach Drehbüchern von Silke Zertz werden gewichtige Themen von Stolz und Vorurteil, Gerechtigkeit und Spaltung, Egoismus und Mitgefühl in einer Beiläufigkeit verhandelt, die „Auf dünnem Eis“ zum leisen Meisterwerk machen.

Tiefgründige Deutungsmöglichkeiten

So oberflächlich der Kontrast von Iras Haute Cuisine zu Konrads Flaschensammlerdasein ist, so tiefgründig sind die Deutungsmöglichkeiten. Das Publikum darf darin gern die humorlose Version der Achtzigerkomödie „Zoff in Beverly Hills“ sehen. Wie dort aber werden auch grundsätzliche Fragen nach dem richtigen Leben im Falschen gestellt und was eigentlich ärmer macht: Konsum oder Verzicht. Antworten bietet das weibliche Herstellungsteam darauf nicht. Dafür ein Drama, das mit distanzierter Sensibilität zu Herzen geht, ohne auf die Tränendrüse zu drücken.

„Auf dünnem Eis“ läuft am Montag, 20. September, ab 20.15 Uhr im ZDF.

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