ZDF-Doku mit Hendrik Streeck: Warum ein Virologe kein TV-Moderator sein sollte

  • Der Virologe Hendrik Streeck ist Gastgeber einer ZDF-Doku.
  • Viele kritisieren das, vor allem wegen Streecks kontroverser Corona-Prognosen.
  • Matthias Schwarzer findet den Auftritt noch aus einem anderen Grund problematisch – und wünscht sich mehr Distanz zwischen Medien und Experten.
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Mainz. Das ZDF hat am Dienstagabend eine Dokumentation unter dem Titel „Corona – Pandemie ohne Ende?“ ausgestrahlt. In dem 45-minütigen Film wurden die Ereignisse aus einem Jahr Covid-19 nacherzählt und näher beleuchtet. Der Untertitel der Sendung lautete: „Fakten mit Hendrik Streeck“.

Das kommt nicht von ungefähr. Denn tatsächlich ist die ZDF-Sendung keine richtige Dokumentation, sondern vielmehr wie eine Wissenschaftssendung aufgebaut: Ein Moderator steht in einer stilvollen Kulisse (in diesem Fall ist es das Hygienemuseum in Dresden), moderiert Beiträge an, ordnet sie ein. Und dieser Moderator ist, Sie ahnen es bereits: Hendrik Streeck.

Schon im Vorfeld gab es Kritik an diesem Umstand, viele zweifeln die Kompetenz Streecks an. Der Virologe der Uni Bonn hatte in den vergangenen Monaten in Talkshowauftritten und Interviews immer wieder Prognosen zur Corona-Pandemie gemacht, die dann oft nicht eintraten. Auch verstrickte sich der 43-Jährige in widersprüchliche Aussagen. Mal forderte er „mehr Mut“ zu Lockerungen, mal kritisierte er genau diese im Nachhinein. Eine Liste seiner kontroversen Aussagen hat das medienkritische Portal Übermedien zusammengetragen.

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In der Nacht zu Dienstag waren Streecks Statements ebenfalls großes Thema in den sozialen Medien – und zwar als Satiriker Jan Böhmermann einen möglichen Interessenkonflikt Streecks auf die große Bühne hob. Streeck hatte in einem N-TV-Interview den Impfstoff von Johnson & Johnson gelobt. Böhmermann wies bei Twitter darauf hin, dass der Virologe Verbindungen zum Pharmaunternehmen habe – Streeck selbst bestritt das später. Er habe lediglich für HIV-Medikamente im Scientific Advisory Board beraten, jedoch „keine Aktien“ und „keinen Einfluss“ bei Johnson & Johnson.

Nicht nur Streecks Arbeit ist ein Problem

Streecks Kontroversen sind eine gute Gelegenheit, die Frage aufzuwerfen, ob so ein Mann eigentlich beim ZDF ein seriöses journalistisches Format moderieren sollte. Tatsächlich aber braucht es diese Kontroversen dafür gar nicht. Denn die fehlende Distanz der Medien zu ihren Experten ist schon seit Längerem problematisch.

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Die ungewöhnliche Beziehung begann im Winter 2020, nämlich als Virologe Christian Drosten erstmals mit seinem NDR-Podcast auf Sendung ging. Das Wort „seinem“ ist hier bewusst gewählt. Selbstverständlich gehört der Podcast nicht Drosten, sondern dem NDR, der auch die redaktionelle Hoheit hat. Tatsächlich ist Drosten aber der Stargast dieser Sendung – und ohne ihn und seine fachlichen Analysen wäre er wohl nie zum zeitweise erfolgreichsten Podcasts des Landes geworden.

Es besteht also eine gewisse Abhängigkeit. Überspitzt könnte man sagen, Drosten ist für den NDR so etwas wie Dieter Bohlen für „Deutschland sucht den Superstar“. Eigentlich nur ein Experte mit einer gewissen Distanz zur Redaktion. Aber auch irgendwie längst mehr als das. Man kann ja gar nicht ohne ihn. Und über Monate hinweg galt in diesem Format auch nur ein einziger Standpunkt, und zwar der von Christian Drosten.

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Eine zweite Meinung erst nach der Sommerpause

In der Sendung ließ man dem Virologen stets freien Lauf. Hier konnte er nicht nur seine fachlichen Erkenntnisse ohne Widerspruch anderer Experten mitteilen, sondern auch mal minutenlang über ganz andere Dinge herziehen. Hauptstadtjournalisten beispielsweise, die nicht so arbeiten, wie man sich das als Virologe so vorstellt.

Drostens Meinungen, auch zu Themen abseits der Virologie, blieben meist unwidersprochen, zu Meinungsverschiedenheiten oder Konflikten zwischen den fragenden Journalistinnen und dem Experten kam es im NDR-Podcast praktisch nie. Natürlich nicht. Wer will es sich schon mit dem Stargast des erfolgreichsten Podcasts des Landes verscherzen?

Gelegentlich wurde Drostens Überpräsenz in der Sendung thematisiert. Seit der Sommerpause ist inzwischen auch die Virologin Sandra Ciesek regelmäßig im NDR-Podcast zu hören – endlich eine zweite Meinung, die eigentlich schon ganz zu Beginn notwendig gewesen wäre.

Im Streeck-Podcast duzt man sich

Das Genre des Ein-Mann-Virologen-Podcasts hatte sich zu diesem Zeitpunkt jedoch längst etabliert. Auch der MDR hat so einen Podcast. Hier ist Alexander Kekulé Dauergast. Seine Prognosen sind mal richtig, mal falsch – aber da er der einzige Experte in diesem Format ist, kann ihm auch niemand widersprechen. Der Moderator der Sendung stellt zwar fachliche Fragen – ist jedoch am Ende auch nicht mehr als ein Stichwortgeber.

Und der Dritte im Bunde, Hendrik Streeck, hat nun ebenfalls einen eigenen Podcast, und zwar beim RTL-Ableger Audio Now. In diesem Format ist praktisch gar keine journalistische Distanz mehr vorhanden: Man duzt sich einfach. Moderatorin Katja Burkard beginnt die erste Ausgabe etwa mit den Worten „Lieber Hendrik“, nur um den Protagonisten dann über den grünen Klee zu loben: „Du bist seit einem Jahr einer der meistgefragten Virologen Deutschlands“, jauchzt die Moderatorin. Dann reden Burkard und Streeck erst einmal minutenlang über die durch die Krise ausgelöste Prominenz des Virolgen („Wirst du auch auf der Straße erkannt?“), ehe man zu den tatsächlichen Pandemiethemen kommt.

Die fehlende Distanz zum Experten in diesen Virologenpodcasts sollte man zumindest mal hinterfragen – sie ist aber bei Weitem nicht so fragwürdig wie das, was am Dienstagabend im ZDF passiert ist. Hier war Hendrik Streeck nämlich nicht einfach nur Gast, hier wurde er gleich zum Moderator einer ganzen Sendung befördert.

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Streeck moderiert Studie an, die er selbst gemacht hat

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In der Kulisse des Hygienemuseums moderiert Streeck als vermeintlich neutraler Gastgeber einen Beitrag über Heinsberg an, wo sich vor einem Jahr das erste deutsche Superspreading-Event ereignet hatte. Nach dem Beitrag ordnet er die Ereignisse ein und erklärt, wie sich Aerosole in einem Raum verbreiten. Das ist fachlich alles bestimmt nicht falsch und wurde – wie vieles in der Doku – schon hundertmal erzählt. Es hat aber trotzdem Geschmäckle.

Streecks Rolle wird in der Sendung nämlich kaum thematisiert. Der Virologe hatte mit Forscherinnen und Forschern der Uni Bonn die oft diskutierte Heinsberg-Studie im Auftrag der NRW-Landesregierung selbst durchgeführt. In einem Beitrag der ZDF-Sendung wird ausgerechnet diese Studie als großer Erkenntnisgewinn in der Pandemie hervorgehoben – andere Studien werden in diesem Zusammenhang nur in einem Nebensatz erwähnt.

Zur Vermarktung der Studie hatte es bereits im vergangenen Jahr viel Kritik gegeben. Völlig ungewöhnlich für eine wissenschaftliche Studie hatte nämlich die PR-Agentur Storymachine die Öffentlichkeitsarbeit für die Forscherinnen und Forscher übernommen, um nach eigener Aussage „größtmögliche Öffentlichkeit und Sichtbarkeit zu ermöglichen“. Der Deutsche Rat für Public Relations sprach Storymachine später eine Rüge wegen Rufschädigung des Berufsstands durch unprofessionelles Verhalten aus. Der ursprüngliche Vorwurf der Intransparenz bei der Absenderkennzeichnung und Sponsorennennung hatte sich allerdings nicht bestätigt.

Man wird das Gefühl nicht los, dass auch diese Sendung wieder der eigenen Selbstinszenierung dient. Und man fragt sich, warum das ZDF da mitspielt.

Kontroversen bleiben unerwähnt

Auch wurde dem Virologen häufig vorgeworfen, seine Studie gemeinsam mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) instrumentalisiert zu haben, um im Frühjahr 2020 Stimmung für eine schnelle Lockerung der Corona-Regeln zu machen. In der Sendung kein Thema.

Dass sich Streeck im Herbst mit dem Virologen Jonas Schmidt-Chanasit in einem Positionspapier gegen einen zweiten pauschalen Lockdown ausgesprochen hatte, wird ebenfalls nicht erwähnt. Zahlreiche Wissenschaftler hatten seinerzeit dem Papier entschieden widersprochen, darunter die Gesellschaft für Virologie und viele Virologen, etwa Christian Drosten.

Kontroversen wie diese werden in der ZDF-Doku nicht einmal gestreift, die zahlreichen falschen Prognose des Virologen bleiben unerwähnt. Stattdessen kratzt die Doku auffällig häufig nur an der Oberfläche.

Mehr Distanz wagen

Deutschlands Medien haben in den vergangenen 365 Tagen eine ähnlich herausfordernde und häufig herausragende aufklärerische Arbeit geleistet wie Deutschlands Wissenschaftler. Am Ende bleiben Journalismus und Wissenschaft aber zwei verschiedene Branchen mit verschiedenen Interessen. Sie vollends zu vermischen könnte die Glaubwürdigkeit beider Seiten beschädigen.

Ein forschender Virologe gehört vielleicht als Gesprächspartner in ein TV-Format, aber nicht als Moderator. Er gehört als Gesprächspartner in einen Podcast, aber nicht als allmächtiger Dauergast. Gibt es Kontroversen um seine Arbeit, dann ist es Aufgabe des Journalismus, sie zu benennen und nicht totzuschweigen.

Und ja, im Zweifel stellt das auch die Beziehung zu einem befreundeten Medium auf die Kippe. Aber vielleicht sollte es auch gar keine Beziehung geben – sondern viel besser eine gesunde Distanz.

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Update, 14.30 Uhr: Das ZDF hat inzwischen seine Entscheidung erklärt, warum man Streeck für die Doku verpflichtet hatte. Man habe „den Blick über das Coronavirus hinaus auf die Welt der Viren“ richten wollen, so ein Sendersprecher auf RND-Anfrage. Daher habe man „einen Experten für diese Doku gewinnen wollen, der zum aktuellen Coronavirus ebenso forscht (...) wie auch zu anderen Virengruppen.“ Streeck führe die Zuschauer „kenntnisreich durch die Welt der Viren und bringt seine Expertise als Wissenschaftler ein. Seine anderen beruflichen Aktivitäten sind davon unberührt.“ Eine weitere Doku mit dem Virologen plane man derzeit nicht.

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