Wutrede von Wollunternehmer: Das steckt hinter dem witzigen Clip

  • Im Netz verbreitet sich der Clip eines wütenden Unternehmers, der mit den Behörden auf Kriegsfuß steht.
  • Auf Twitter wird er dafür gefeiert – doch auch kritische Stimmen mehren sich.
  • Was hinter dem witzigen Video steckt.
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Wismar. Das Internet hat einen neuen Liebling: Der Clip eines wütenden Unternehmers wird derzeit rasant in den sozialen Netzwerken geteilt. Er fällt ungefähr in dieselbe Kategorie wie die früheren Videoausschnitte des Heimwerkers Detlef Steves („Ich geb dem Ding gleich ’ne Kopfnuss, weisse dat?“) oder Kranführer Ronny, der mit der Vorarbeit seiner Kollegen auf dem Bau einst alles andere als zufrieden war („Das is ’ne Baustelle für Vollidioten.“).

Diesmal allerdings sind weder unverdichtete Kranplätze noch Steine an der heimischen Fassade der Auslöser für die Wut und den Erfolg. Diesmal sind es die Behörden. Das zumindest betont Marco Scheel in einem rund 400.000 Mal geklickten Internetclip mehr als deutlich.

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Scheel ist Wollunternehmer in Mecklenburg-Vorpommern. Auf Rügen halten Schäfer bedrohte deutsche Landschafrassen, in der Nähe von Wismar produziert Scheel aus deren Wolle nachhaltige Funktionskleidung und Bettwaren. Der „Nordreportage“ des NDR gewährte Scheel Einblick in seine Arbeit, die mehr als ungewöhnlich ist.

Eco-Fashion statt Kleidung aus Fernost

Scheel ist offenbar ein echter Macher. Er pfeift auf einen Businessplan und folgt seinen eigenen Marktbeobachtungen. Mit der grauen Wolle des Pommerschen Landschafs setzt er auf „Eco-Fashion“, statt Textilien zu produzieren, die in Fernost und aus Mineralöl hergestellt werden. Vielmehr arbeitet Scheel mit deutschen Produzenten zusammen, die für ihn die Wolle spinnen und walken.

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Das Geschäft des Unternehmers läuft offenbar so gut, dass er sogar deutlich mehr produzieren könnte – wäre da nicht die lästige deutsche Bürokratie. Und hier nimmt die Geschichte eine Wendung, die nun im Netz für mächtig Erheiterung sorgt.

Scheel würde gerne den alten Kuhstall auf seinem Gelände zur Produktionshalle umfunktionieren. „Das Ding ist: Wir sind hier im Außenbereich, da muss ich eine Umnutzung machen“, erklärt er dem Kamerateam des NDR. „Das wurde ja hier landwirtschaftlich genutzt, sieht man ja. Da brauche ich also ’ne Umnutzung. Und die Umnutzung findet auf dem Formular vom Bauantrag statt. Das heißt also, das ist ein Bauantrag, und ein Bauantrag im Außenbereich, der wird erst mal abgelehnt“, erklärt er weiter.

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Ärger mit dem Bebauungsplan

„Jetzt soll das Amt Neukloster den Flächennutzungsplan ändern, dann soll die Gemeinde einen Bebauungsplan machen, und dann kann ich einen Bauantrag stellen. Aber die ganzen Planer, die sich natürlich über die Regelung freuen, die bezahl ich.“ Und dann wird Scheel richtig wütend: „Kann ich aber nicht. Ich habe ja auch keinen Dukatenesel, der Geld scheißt. Wie stellen die sich denn so was vor?“

Scheel ist sich sicher: „Politischer Wille ist nicht da, dass ich hier produzieren kann.“ Man wolle die „Zersiedelung des ländlichen Raumes aufhalten“, zitiert der Unternehmer die Behörden und redet sich dann endgültig in Rage. „Guck doch mal da raus. Wenn du hier raus guckst, da kannste bis zum Horizont gucken, so weit geht ein Feld. Und wenn du an dem Horizont stehst, da kannste noch mal bis zum Horizont gehen, ist immer noch das gleiche Feld. Wo ist denn da ’ne Zersiedelung bitte?“

Die Behörde wolle das Problem laut Scheel nun mit einem „Verwaltungslotsen“ lösen. „Ein Verwaltungslotse, der mich durch die Stromschnellen der unteren Verwaltungsbehörden ... ey, Leute. Hört sich mal jemand selber zu? Wenn ich mit Abitur nicht mal mehr in der Lage bin, mich durch die Stromschnellen meiner Verwaltung, die ich bezahle, die für mich da ist, durchzulavieren, dann können wir aufhören. Dann können wir‘s lassen.“

Ausraster löst Kritik aus

Die wütende aber mindestens ebenso unterhaltsame Rede des Unternehmers geht dann noch einige Minuten so weiter. „Die Leute, die so was entscheiden, das sind ja keine Bauingenieure – das sind Leute, die haben Verwaltung gelernt“, so Scheel. „Wir können nicht alle mit ’nem Macbook und ’nem Chai-Latte in Berlin in ’nem Co-Working-Space sitzen und die zehnte Dating-App erfinden. Es gibt auch ein paar Leute, die irgendwas anfassen müssen und sich die Hände schmutzig machen.“ Und überhaupt: „Auf die scheiß Glasfaser, da scheiß ich drauf. Ich brauche Platz!“

Seit der Journalist Tibor Martini einen Ausschnitt aus der Reportage auf Twitter geteilt hat, wurde der Clip hunderttausende Male abgespielt. Und die Community schwankt zwischen Begeisterung und Entsetzen: „Absoluter Ehrenmann“, schreibt beispielsweise einer, „oh, er spricht mir aus der Seele“, ein anderer. „Auf den ersten Blick lustig“, kommentiert ein User. „Auf den zweiten Blick wird da eine Existenz und Geschäftsidee nicht zugelassen, wegen ein paar Korinthenkackern auf dem Bauamt. Eigentlich ist es nur eins: traurig.“ Und auch der Musiker und Heimwerkerkönig Fynn Kliemann kommentiert kurz: „Fühl ich.“

Andere wiederum können den Hype nicht nachvollziehen. „Seine Argumentation ‚die ich bezahle’ und seine Arroganz gegenüber den Leuten, die in der Verwaltung arbeiten, ist schon etwas abgehoben“, findet einer. Ein anderer sieht es noch kritischer: „Auch die einseitigste Darstellung hat auf Social Media ’ne Chance, viral zu gehen. Er schwimmt auf einer Sympathiewelle von Leuten, die die andere Seite nicht mal ansatzweise kümmert. Bubble at its best. Medienkompetenz sechs.“

Mehr Aufträge dank Internetvideo

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Doch auch der NDR wird für seine Reportage kritisiert: „Der Typ ist saulustig – leider wird im Beitrag die Seite der Ämter ausgespart“, schriebt einer. Kurz nach der Wutrede des Unternehmers wird in der Reportage direkt zur nächsten Szene übergeblendet. Das angesprochene Amt Neukloster kommt in dem Beitrag nicht zu Wort. Auf RND-Anfrage war am Freitagnachmittag keine Stellungnahme der Behörde zum Fall zu bekommen. Update, 8. Februar: Inzwischen hat sich die Behörde geäußert.

Für Scheels Unternehmen „Nordwolle Rügen“ hat sich der Ausraster jedoch gelohnt: „Danke für den Support“, twitterte die Firma am Donnerstag. „Unser Chef geht grad überall durch die Decke und wir freuen uns.“

Scheel selbst lässt der Hype derweil offenbar kalt. „Natürlich habe ich auch positive Kommentare darauf mitbekommen, aber die direkte Resonanz ist mir wichtiger, also von Mitarbeitern, meiner Familie oder Leuten aus der Gemeinde“, sagte der Unternehmer dem „Nordkurier“.

Positive Aspekte habe der Netzhype aber schon. Durch die Reportage gebe es jetzt mehr Aufträge für „Nordwolle“. „Denen versuchen wir jetzt unter den widrigen Bedingungen nachzugehen“, so Scheel.

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