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“Wir verbrennen kein Geld”: Der neue NDR-Chef muss 300 Millionen Euro sparen – und diese Sendungen will er streichen

  • ARD und ZDF stehen unter Druck. Allein der NDR soll bis 2024 rund 300 Millionen Euro sparen.
  • Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erläutert der neue Intendant Joachim Knuth, für welche Sendungen Schluss ist.
  • Und verteidigt die zu erwartende Erhöhung des Rundfunkbeitrags auf 18,36 Euro pro Monat.
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Es war kein schöner Termin. Am Donnerstag saß Joachim Knuth, seit Mitte Januar neuer Intendant des Norddeutschen Rundfunks und Nachfolger von Lutz Marmor, vor zwei Kameras im menschenleeren Rolf-Liebermann-Studio nahe der Rothenbaumchaussee in Hamburg. Der 61-jährige bisherige Hörfunkchef hatte die Aufgabe, den NDR-Mitarbeitern die schmerzhaftesten Programmeinschnitte seit Jahrzehnten zu erläutern. Im altehrwürdigen Ambiente des Saales erklärte er per Videoschalte, wie er in den kommenden vier Jahren 300 Millionen Euro einsparen will – und wie viele Stellen beim NDR gestrichen werden.

Die öffentlich-rechtlichen Sender stehen unter erheblichem Druck. Sie müssen sich starker internationaler Konkurrenten wie Netflix, Amazon, DAZN und Disney erwehren, das Publikum altert, die Preise für Sportrechte explodieren, das Programm braucht dringend eine Frischzellenkur. Gleichzeitig werden die Ministerpräsidenten der Länder im Juni voraussichtlich eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags von 17,50 Euro auf 18,36 Euro im Monat beschließen. Und dann wäre da noch die Sache mit der Digitalisierung. Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erläutert Knuth seine Pläne:

Herr Knuth, im Januar saßen Sie gerade ein paar Tage neu auf dem Chefsessel des NDR – da eskalierte die Corona-Pandemie. Das nennt man wohl Kaltstart.

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Es sind zwei große Themen, die mich seit Mitte Januar hauptsächlich beschäftigen: Das eine ist die Frage, wie wir damit umgehen, dass der NDR finanzielle Einschnitte vornehmen muss. Das zweite ist Corona. Das war ja nicht nur für Journalisten regelrecht verstörend – als stünden wir alle auf einem unbekannten Landstrich, auf dem noch niemand seine Spuren hinterlassen hat. In den ersten Wochen waren die Virologen und die Politiker die wichtigsten Protagonisten. Wir haben eine erstaunliche Fixierung auf die Exekutive erlebt ...

Sie meinen das Phänomen, dass sich die Bevölkerung mehrheitlich um die politische Führung scharte.

Ja. Mein Eindruck war: Das schuf in dieser ersten Phase der Pandemie eine Restsicherheit in der Unsicherheit. Ich finde, dass wir als NDR, aber auch als Medien insgesamt, auf dieses gewaltige Einordnungsverlangen der Menschen sehr schnell und sehr gut reagiert haben. Der Journalismus in diesem Land hat mit angemessenem Ton, nicht mit hoher Stimme, vernünftig und rational berichtet – und das unter erschwerten Bedingungen.

"Was wir als Branche geleistet haben, ist wertvoll und relevant": Joachim Knuth, Intendant des Norddeutschen Rundfunks, in seinem Büro in. © Quelle: Christian Charisius/dpa
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Einige Menschen irritiert inzwischen, dass Medien quasi unisono die Regierungsposition transportiert haben.

In der ersten Phase der Krise ging es darum, zu erklären, warum welches kollektive Verhalten sinnvoll ist. Jetzt wird die Debatte vielschichtiger. Und Corona ist ja noch lange nicht auserzählt. Deswegen ist es noch nicht die Zeit der Abschlussbilanzen. Am Ende werden natürlich auch wir – wie viele – die Frage beantworten müssen, ob wir Fehler gemacht haben.

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Die Nachfrage nach seriösem Journalismus ist seit Beginn der Krise enorm hoch. Quoten und Abrufzahlen explodieren, es gibt Lob und Durchhalteappelle für Journalisten von allen Seiten. Was glauben Sie: Wie nachhaltig ist dieser Zuspruch?

Das ist schwer zu prognostizieren. In der ersten Phase sind wir das als Medien gemeinsam gut mitgegangen: Wir haben darüber informiert, was jetzt notwendig ist. In der jetzigen Phase sprechen wir als Gesellschaft verstärkt über die Begleitwirkungen, also über die ökonomischen Folgen, über Chancengleichheit in der Bildung oder über die Frage, was aus einem vorher blühenden Kulturland wird. Und in der dritten Phase schließlich spielt auch das Freiheitsbedürfnis einer demokratischen Gesellschaft eine große Rolle. Politik muss sich am Ende als gesellschafts- und gemeinschaftstauglich erweisen. Das muss jedem Einzelnen persönlich einleuchten. Medien müssen deshalb darauf achten, die Vielfalt der Empfindungen und Wirkungen abzubilden. Inzwischen herrscht eine etwas fiebrigere Grundstimmung. Auch in diesem stärkeren Meinungsstreit über den richtigen Weg müssen wir Medien jetzt Maß und Mitte beweisen.

“Wenn die ‘Tagesschau’ um 20 Uhr als Leuchtturm im Alltag ausfiele, würde sich das Gefühl der Krise heftig verstärken”: “Tagesschau”-Moderatorin Judith Rakers.

Sehen Sie die Krise auch als Chance, sich als öffentlich-rechtliche Medien nach Jahren harter Kritik als unverzichtbar zu erweisen?

Alle klassischen Qualitätsmedien haben in hohem Maße von Glaubwürdigkeit und Vertrauen profitiert - das war schon ein erbauliches Signal. Und wir beim NDR haben auch beim jüngeren Publikum eine vor fünf Monaten noch nicht für möglich gehaltene Entwicklung bei der linearen Nutzung erlebt. Die “Tagesschau” kommt auf zweistellige Millionenzahlen, die sonst nur wenige Länderspiele schaffen. Aber ob wir von diesem Applaus, den wir jetzt im Frühjahr 2020 bekommen haben, im Herbst noch nachhaltig und belastbar werden profitieren können? Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich glaube aber, dass wir nicht nur bei der täglichen Arbeit einen kräftigen Digitalisierungsschub erfahren haben, etwa durch das Arbeiten im Mobile Office, sondern dass wir auch bei unseren digitalen Angeboten auf ganz andere Nutzungswerte kommen als noch vor einigen Wochen. Das heißt für uns: Die nicht lineare Verbreitung ist für uns mindestens ebenso wichtig wie die lineare. Diese Erkenntnis hat Corona definitiv beschleunigt.

Das führt uns direkt zum NDR-Info-Podcast “Das Corona-Update” mit Christian Drosten, der sich schnell zum Referenzformat für virologische Fragen mit insgesamt mehr als 40 Millionen Abrufen für alle bisherigen Folgen entwickelt hat. Wie erklären Sie sich das?

Norbert Grundei von N-JOY, der unsere Innovationseinheit Think Radio leitet, hat früh gespürt, dass hier ein Informationsbedürfnis erwachsen könnte, das die gängigen Formate in Radio und Fernsehen in dieser Konsistenz und Tiefe nicht werden liefern können. Er hatte einfach die richtige Nase. Wir waren damit schon auf dem Markt, bevor das Informationsverlangen in dieser Verstörungssituation dramatisch anstieg. Das Besondere ist: Die Zuhörer erleben quasi den permanenten Abwägungsprozess mit, mit dem Wissenschaftler zu tragfähigen Erkenntnissen kommen, die immer wieder revisionsbedürftig sein können. Das wirkt auf viele beruhigend und transparent. Ich finde es angenehm, wenn auch wir als Branche mal eingestehen, dass wir nicht sofort über alles Bescheid wissen.

Corona hat das etwas in den Hintergrund gerückt, aber Sie haben Ihr Amt in schwierigen Zeiten angetreten: ARD und ZDF stehen politisch unter Druck, sie müssen gegen starke internationale Konkurrenten wie Netflix, Amazon, DAZN und Disney bestehen, das Publikum altert, die Preise für Sportrechte explodieren, das Programm braucht dringend eine Frischzellenkur. Ganz schön viele Baustellen.

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In der Tat.

In der nächsten Beitragsperiode von 2021 bis 2024 wird der Rundfunkbeitrag aller Voraussicht nach steigen. Die zuständige Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) hatte zuletzt eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags von 17,50 auf künftig monatlich 18,36 Euro empfohlen. Im Juni werden die Ministerpräsidenten wohl zustimmen. Das stützt doch Ihren Ruf als nimmersatte Geldverbrenner?

Wir verbrennen kein Geld. Wir haben einen Auftrag, der uns den Rahmen setzt. Wir haben große Stärken, und die müssen wir auch jetzt in dieser neuen Phase akzentuieren, in die nicht nur der NDR hineingeht. Grundsätzlich hat es in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks immer eine vernünftige Diskussion über die Frage gegeben, wie viel wir der Gesellschaft wert sind und welche Rolle wir spielen. Diese Debatte führen die Politik, die Medien, Juristen, Unternehmer und unser Publikum. Der Journalismus hat in den vergangenen Wochen ohne großes Hinterfragen den Status einer “systemrelevanten” Branche erhalten. Das zeigt doch auch, wie wichtig wir für das Land sind. Wenn die “Tagesschau” um 20 Uhr als Leuchtturm im Alltag ausfiele, würde sich das Gefühl der Krise heftig verstärken. Ich finde, dass wir den Kern unseres Auftrags – Beratung, Bildung, Information, Orientierung – sehr gut erfüllt haben. Und das gilt nicht nur für ARD und ZDF. Was wir als Branche geleistet haben, ist wertvoll und relevant.

Trotzdem: Wäre es nicht besser gewesen, zu sagen: Danke, liebe Beitragszahler, 8 Milliarden im Jahr sind mehr als genug, wir verzichten auf noch mehr Geld und werden alles tun, um Sie nicht weiter zu belasten?

Unsere Position ist: Wir haben seit 2009 keine Erhöhung des Rundfunkbeitrags erlebt. Er wurde 2015 sogar gesenkt. Und die Entscheidung liegt ja nicht bei uns. Es gibt eine Empfehlung der KEF, die liegt jetzt bei den 16 Ministerpräsidenten, und die werden im Juni entscheiden. Unsere Angebote kosten eben auch Geld. Und wenn wir systemrelevant sind, dann ist die Frage, ob man nach zwölf Jahren etwas mehr Geld bekommt, in meinen Augen auch zu rechtfertigen.

Viele andere Medien haben aber zu kämpfen: mit sinkenden Auflagen, mit wegbrechenden Anzeigen.

Ich weiß um diese Nöte. Und ich weiß: der Rundfunkbeitrag ist hier ein großes Privileg. Corona bedeutet aber auch für uns absehbar finanzielle Einschnitte.

Aber es gibt auch ein politische Problem. Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, sagt: Die Beitragserhöhung sei Wasser auf die Mühlen derjenigen, die ARD und ZDF abschaffen wollen. Diese Debatte hätte sie dem Land gern erspart.

Die KEF bewertet unsere Anmeldung, zieht daraus ihre Schlüsse und erarbeitet einen Vorschlag für die Ministerpräsidenten. Daran sind wir ja nicht beteiligt. Und man wird bei jeder Summe immer Menschen finden, die sagen: Das ist zu viel. Ich glaube, wir müssen klarer machen, wofür das Geld bezahlt wird. Wir müssen mit unseren Angeboten eine Vielzahl von Menschen zu der Überzeugung bringen: Das finde ich angemessen. Ich halte es für gerechtfertigt, zu sagen: Um nicht noch tiefer einschneiden zu müssen, als wir es jetzt schon tun, benötigt der NDR nach zwölf Jahren ohne Erhöhung den Monatsbeitrag von 18,36 Euro.

Einige Ministerpräsidenten wollten den Rundfunkbeitrag fest an die Inflationsrate koppeln. Er hätte sich damit automatisch regelmäßig moderat erhöht – ohne dieses unwürdige Gezerre alle vier Jahre. Doch für dieses Indexmodell gab es keine Mehrheit. Wie sieht das Beitragssystem Ihrer Träume aus?

Träumen? Bei so etwas Kompliziertem wie dem Rundfunkbeitrag? Das stößt hart an die Ecken und Kanten meines norddeutschen Protestantismus. Wir haben lange über das Indexmodell diskutiert. Ich glaube, dass es bei einer vernünftigen Einbettung der KEF und der Landtage eine gute Alternative zu dem bisherigen, sehr aufwendigen Verfahren gewesen wäre. Aber das ist jetzt vergossene Milch.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steckt wie alle Medien mitten im Umbruch. Der NDR hat ein Finanzvolumen von rund 1,2 Milliarden Euro pro Jahr. Sie müssen die Ausgaben fühlbar kürzen und gleichzeitig in die digitale Zukunft investieren. Wie genau soll das aussehen?

Wir haben uns vorgenommen, in den kommenden vier Jahren insgesamt 300 Millionen Euro einzusparen. Das ist eine gewaltige Anstrengung. Und ohne Beitragserhöhung würden die Folgen für das Programm noch viel erheblicher werden, die Folgen für das Programm noch viel erheblicher werden, die Kürzungssumme noch viel höher. Unser Ziel ist Wandel und Veränderung in der Reduktion.

Sie haben noch als Hörfunkchef gesagt, von den acht großen Radioprogrammen der Vier-Länder-Anstalt NDR sei keines verzichtbar. Auch der Jazz sei Ihnen lieb und teuer, und Ihr Ziel sei, dass die beiden NDR-Orchester, der Chor und die NDR-Bigband auch im nächsten Jahrzehnt erhalten bleiben sollen. Wo werden Sie sparen?

Wir werden in den kommenden Jahren deutlich weniger Geld in das Gemeinschaftsprogramm der ARD einspeisen – zum Beispiel für Sportrechte und für Fernsehfilme der ARD-Tochter Degeto. Wir werden weniger Unterhaltungsshows produzieren. Wir werden die Zahl der NDR-“Tatorte” und -“Polizeirufe” reduzieren – in welchem Umfang und wo genau, steht noch nicht fest. Beim Radio wird NDR Info ein reines Informationsprogramm werden – rund um die Uhr. Wir werden auf die Sommertouren in den Ländern verzichten. Wir reduzieren die Zahl unserer Großveranstaltungen deutlich. Das “NDR Klassik Open Air” in Hannover etwa fällt in diesem Jahr ohnehin aus, aber auch künftig wird es das in der bisherigen Form nicht mehr geben. Das ist alles sehr schmerzhaft, und es betrifft auch Sendungen mit erfolgreichen und populären Moderatoren. So wird zum Beispiel auch Bettina Tietjens Sonntagstalksendung “Tietjen talkt” bei NDR 2 nicht fortgesetzt.

Was steht noch auf der Streichliste?

Es wird keinen “NDR Comedy Contest” mehr geben, auch keine Inselreportagen. Die Sendung “Mein Nachmittag” wird anders gestaltet und der Sendeetat halbiert. Und wir werden die Ausgaben der “NDR Talk Show”, die bisher in Hannover produziert wurden, nach Hamburg verlagern, weil das viel Geld spart. Umgekehrt zieht der digitale Schlagersender NDR Plus von Hamburg nach Hannover um. Bei N-JOY fallen Comedyformate wie die „PISA-Polizei“ weg. weg. Und es wird kein „Mittagsecho“ und kein “Echo des Tages” mehr bei NDR Info geben, auch das „Zeitzeichen“ fällt zum Beispiel weg.

Nach welchen Kriterien sind Sie vorgegangen?

Für uns zählt in Zukunft bei der quantitativen Erfolgsbewertung nicht mehr nur der Marktanteil bei der linearen Ausspielung, sondern die Reichweite insgesamt über alle Kanäle. Das bedeutet zum Beispiel für Sendungen wie das Medienmagazin “Zapp”, die „Weltbilder“ oder auch das “Kulturjournal”, dass wir eine multimediale Neuausrichtung starten, um sie zu einer crossmedialen Marke zu entwickeln. Das bedeutet nicht, dass es die Formate linear nicht mehr gibt, aber es geht eben über alle Ausspielwege hinweg um Reichweite, nicht mehr um Marktanteile im linearen Fernsehen.

Wie stelle ich mir das konkret vor? Gehen Sie durch lange Listen mit Sendungen und kreuzen an, was seine Zeit gehabt hat?

Wir haben uns an Parametern orientiert. Da ging es um Exzellenz, Reputation, öffentlich-rechtliche Werte oder Markenfähigkeit in einer crossmedialen Welt und natürlich auch um die Kosten. Und dann haben wir jedes unserer Angebote geprüft und auf Basis dieser sechs Parameter ein Ampelsystem entwickelt. Rot heißt: streichen. Gelb heißt: wird geprüft. Grün heißt: unverzichtbar.

Entscheidend für die künftige Legitimation von ARD und ZDF wird die Frage sein, ob ihr Angebot die Bedürfnisse der Zuschauer erfüllt oder nicht. Jetzt werden Sie vielen Stammzuschauern des Dritten Programms Gewohntes streichen.

Natürlich weiß ich um den Wert unserer Angebote für diejenigen, die nicht mehr in toto in die digitale Rezeptionswelt eintauchen werden. Das respektiere ich in hohem Maße. Ich will nicht alles unter den Fetisch der Digitalkompatibilität stellen. Aber wenn wir über Zukunft, Wandel, Zielgruppen und Überalterung nachdenken, ist der Weg in die Nonlinearität zwingend. Ich glaube, dass wir die Jüngeren über Investitionen in digitale Inhalte besser erreichen können als über die Verjüngung unserer linearen Angebote.

Das heißt, Sie versuchen gar nicht mehr, die Jüngeren dazu zu bringen, das Dritte zu gucken, weil Sie eingesehen haben: Der Zug ist abgefahren?

In meiner Vorstellung – und jetzt träume ich wieder – sind die ARD-Mediathek und die ARD-Audiothek Instrumente des Alltags für die Menschen, die nicht NDR Info, das NDR Fernsehen oder das NDR Landesprogramm einschalten würden. Da müssen wir hin – und zwar vor allem mit den Inhalten, die wir besonders gut beherrschen: Information, Regionalität, Einordnung und Investigatives. Wir haben zu wenig junge Zuschauer, Hörer, User. Und wenn wir die erreichen wollen, braucht es konsequente Veränderung. Und die muss sich auch in unseren hausinternen Strukturen widerspiegeln.

Es ist ja jetzt schon so, dass Sie bestimmte Ältere mit dem Angebot des NDR Fernsehens nicht erreichen. Viele 75-Jährige wurden mit den Rolling Stones sozialisiert. Und im NDR Fernsehen gibt es heute Nachmittag: “NaturNah: Hilfe! Der Maulwurf ist da!”, dann “In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte”, dann “Jäger der Anden: Der Puma”, dann “Leopard, Seebär & Co.”. Heißt: Garten, Tiere, Kochen, Ärzte.

Die Gesellschaft verändert sich – und mit ihr der Betrachtungswinkel auf die Frage: Wer ist überhaupt alt? Wer fühlt sich alt? Wir merken doch an uns selbst, dass sich das Nutzungsverhalten verändert. Deswegen verändern wir ja auch unsere Angebote. Und deswegen müssen wir ihn nonlineare Angebote nicht nur Gehirnschmalz reinbuttern, sondern auch Kapazität. Wir haben trotz der umfangreichen Kürzungen zehn Millionen Euro für digitale Projekte und Spielräume in den kommenden vier Jahren bereitgestellt.

Der NDR hat seit 1993 genau 731 Planstellen abgebaut - auf aktuell 3378. Was planen Sie personell?

Wir haben jetzt schon eine Verpflichtung, in den acht Jahren von 2017 bis 2024 111 Stellen abzubauen. Zusätzlich zu diesen 111 Stellen fallen bis 2028 noch einmal mindestens 200 Stellen weg. Wir wollen und werden so insgesamt noch einmal etwa 10 Prozent unseres Aufwands für Personal streichen.

Betriebsbedingte Kündigungen sind laut Tarifvereinbarung bis 2024 ausgeschlossen.

Daran sind wir gebunden. Wir müssen also die natürliche Fluktuation intelligent nutzen, die durch sowieso vorgesehene Verrentungen entsteht. Unser Ziel ist, dass die Kollegen weiter einen guten Arbeitsplatz haben, aber in manchen Fällen nicht mehr da, wo sie jetzt sind. Wir verstehen das gesamte Personalwesen nicht mehr als Summe einzelner Bereiche, sondern als gemeinsames NDR-Team über die Grenzen der Abteilungen hinweg. Und wir werden in Umschulung und Weiterbildung investieren. Gerade auch in der Produktion hat das, was wir im Programm anstreben, natürlich erhebliche Auswirkungen – und auch hier werden wir finanzielle Einschnitte vornehmen: weniger Dreh, weniger Schnitt, weniger Investitionen in Technik – das werden die Zuschauer und Hörer auch einmal merken.

Ab Mitte 2021 sollen 260 Mitarbeiter mehrerer Redaktionen vom NDR-Standort am Rothenbaum nach Hamburg-Lokstedt umziehen und dort gemeinsam produzieren, und zwar crossmedial: das Aktuell-Team von NDR.de, das Radioprogramm NDR Info, die Zentralnachrichten-Redaktion des Hörfunks und das NDR-Ressort Investigation. Es wird überhaupt viel umgezogen.

Crossmedialität ist das große Thema dieser Zeit. Und ich möchte, dass wir das beherzt angehen. Was wir jetzt mit diesem neuen “Nachrichtenhaus” anstoßen, werden wir auch auf den Sport und die Kultur ausweiten: Fernsehen, Hörfunk und Digitales arbeiten gemeinsam an einem Standort. Das kann der Rothenbaum sein, das kann auch Lokstedt werden. Der NDR ist eine Vier-Länder-Anstalt. In dreien davon arbeiten alle unter einem Dach: in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. In Hamburg ist das noch nicht der Fall. Crossmedialität bedeutet, dass wir uns entfernen von einer Haltung, die wir in Teilen noch haben: Das ist meins, das ist deins. Ich stehe für noch stärkere Vernetzung.

In Hamburg-Lokstedt entsteht bis Herbst 2023 ein neues Programmhaus mit 550 Arbeitsplätzen. Der Neubau wurde wegen der Asbestverseuchung eines Hochhauses nötig. Aber muss es dann auch gleich ein Entwurf der Stararchitekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg von Gerkan Mark und Partner sein?

Wir hatten einen Bieterwettbewerb, und der Entwurf von GMP war nicht der teuerste. Es handelt sich um einen preislich attraktiven Bau von schlichter Funktionalität, der gut in diese Zeit passt, weil er wirklich ohne jedes Lametta daherkommt.

Es ist ja nicht nur ein logistischer Prozess, sondern auch ein kultureller. Wie groß ist die Unruhe im Haus? Beim NDR ist ja schon Feuer unterm Dach, wenn die Nachtausgabe der “Tagesschau” um 4.40 Uhr wegfällt.

Es muss jedem klar sein, dass am Ende dieses Prozesses ein neuer NDR steht – mit hoher Beweglichkeit, gemeinschaftlichem Denken und gemeinsamem Blick auf seinen Beitrag zum Informations-, Unterhaltungs- und Meinungsbildungsbedürfnis dieser Gesellschaft. Und dieser NDR wird nicht mehr alles machen können, was er bisher machen konnte.

Was ist das Ziel?

.Wir müssen unsere Mediatheken so gestalten, dass sie in Bedienung, Funktionalität, Attraktivität und Inhaltsbreite mit den internationalen Angeboten mithalten können und auch mal ausschließlich Jüngere ansprechen. Denn das ist ja das Geheimnis der großen Streamingdienste: Ich gehe an einem Regal entlang und suche mir selbst aus, was mir gefällt. Auf dem Weg dahin werden wir noch vieles ändern müssen. Ein jüngerer Mensch, der anders sozialisiert wurde als Sie und ich, muss Mitte der Zwanzigerjahre eine sichere Antwort auf die selbst gestellte Frage haben: Warum zahle ich Rundfunkbeitrag? Das ist das Ziel. Denn das entscheidet über unsere Zukunft.

Welche Streamingdienste haben Sie privat abonniert?

Netflix. Ein Weihnachtsgeschenk meiner Kinder. Amazon Prime Video habe ich vier Wochen lang getestet. Das war dann aber auch genug. Und jüngere Mitglieder der Familie haben Sportdienste wie DAZN abonniert. Ich gucke inzwischen selbst mehr nonlinear Fernsehen als linear, vor allem über unsere Mediathek. Das ist keine Altersfrage mehr. Und darauf müssen wir eine Antwort haben.

DAS IST JOACHIM KNUTH

Joachim Knuth, geboren 1959, stammt aus Kiel. Er studierte politische Wissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Geschichte in München und Texas und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Beim NDR ist Joachim Knuth seit 1985 tätig. Seit 2008 war er Programmdirektor Hörfunk, bis er im Januar 2020 als Nachfolger von Lutz Marmor neuer Intendant des NDR wurde. Knuth ist mit der Hamburger Pröpstin und Hauptpastorin Ulrike Murmann verheiratet und hat drei Kinder.


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