Gesundheit oder Profit?

„Wie viel Geld bringt ein Frühchen?“: TV-Doku deckt unglaubliche Zustände an Krankenhäusern auf

Viele zu früh geborene Kinder tragen bleibende Schäden davon.

Viele zu früh geborene Kinder tragen bleibende Schäden davon.

Babys, die ohne medizinische Notwendigkeit deutlich vor dem errechneten Termin auf die Welt geholt werden? Schwerstkranke, die länger beatmet werden, als unbedingt nötig? Was schwer vorstellbar scheint, soll an manchen deutschen Kliniken offenbar längst Alltag sein - aus finanziellen Motiven. Denn mit der Behandlung von zu früh geborenen Kindern oder Intensivpatienten können Kliniken eine Menge Geld verdienen.

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In ihrer am späten Montagabend ausgestrahlten Dokumentation „Wie viel Geld bringt ein Frühchen? - Warum Kliniken in Deutschland Gewinne machen (müssen)“ beleuchtete die Biologin und Journalistin Claudia Ruby das Thema Krankenhausfinanzierung. Der Beitrag aus der Reihe „Die Story im Ersten“, der nun auch noch in der ARD-Mediathek zu sehen ist, dürfte bei vielen Zuschauerinnen und Zuschauern ein mulmiges Gefühl ausgelöst haben. Schließlich geht es hier um das Vertrauen in die Institution Krankenhaus.

Das Geburtsgewicht eines Babys ist mitentscheidend für die Abrechnung der Behandlungskosten: So überweisen die Krankenkassen für ein Kind, das mit weniger als 1000 Gramm auf die Welt gekommen ist, deutlich mehr Geld als für einen Säugling, der das Doppelte auf die Waage brachte, oft 100.000 Euro und mehr, wie der Film aufzeigte. Ähnliches gilt für schwerkranke Patienten auf manchen Intensivstationen: Je länger beatmet wird, desto größer ist die Zahlung an die Klinik. Der Beitrag richtete den Blick auf die Hintergründe, zeigte aber auch auf, dass sich viele Verantwortliche auch gegen eine derartige Entwicklung stemmen.

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Mediziner unter Druck: unnötige Therapien oder weniger Umsatz?

„Kein Arzt wird eine intakte Schwangerschaft unterbrechen, um ein Frühchen zu produzieren“, konstatierte Claudia Ruby. Es gehe vielmehr darum, dass komplizierte medizinische Entscheidungen durch finanzielle Anreize beeinflusst würden - wenn etwa in einer problematischen Schwangerschaft eine verfrühte Entbindung gerechtfertigt werden könne, aber nicht zwingend durchgeführt werden müsse. Über diesen Zwiespalt sprachen im Film Neonatologen und Geburtshelferinnen. Darüber hinaus kamen Assistenz- und Chefärztinnen und -ärzte, Verbandsvertreter und Pflegekräfte zu Wort, aus Angst vor beruflichen Konsequenzen teils anonymisiert. Sie berichteten Erschütterndes aus ihrem Umfeld.

„Ich fand es eindrucksvoll zu sehen, dass immer mehr Ärztinnen und Ärzte sich gegen dieses System wehren. Der Druck, der in einigen, nicht in allen, Krankenhäusern auf sie ausgeübt wird, ist enorm“, sagte Claudia Ruby. „Die Arbeitsverträge verbieten den Medizinerinnen und Medizinern, über Interna zu sprechen, und so wird ziemlich effektiv verhindert, dass das ganze Ausmaß der Ökonomisierung im Krankenhaus an die Öffentlichkeit kommt.“

Eines wurde jedoch klar: Rund ein Viertel aller deutscher Krankenhäuser soll rote Zahlen schreiben. Eine anonyme Codierfachkraft hat ausgepackt: „Es gibt ein Programm, das die komplette Patientenakte scannt, auch Laborwerte.“ Es würde Diagnosen vorschlagen und berechnen. Anschließend soll es Hinweise darauf geben, was die Klinik an welcher Diagnose und Falldokumentation mehr oder weniger verdient.

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Ruby: „Forderung nach mehr Geld wird Problem nicht lösen“

Doch wie kann der Missstand, dass offenbar Geld häufig vor Gesundheit rangiert, gelöst werden? Claudia Ruby plädiert in ihrem Beitrag für eine umfassende Reform der Krankenhausfinanzierung, wie von Minister Karl Lauterbach (SPD) angekündigt. „Ein wichtiger Punkt wären Vorhaltekosten“, erklärte die Biologin. Das bedeutet, dass nicht fast die komplette Finanzierung der Krankenhäuser davon abhängt, dass sie Fälle behandeln - auch die Vorhaltung, das heißt die Bereitstellung von Fachpersonal wie bei Polizei oder Feuerwehr, muss finanziert werden. „Die Forderung nach mehr Geld wird das Problem nicht lösen, denn wir haben bereits ein sehr teures Gesundheitssystem. Es geht darum, es so zu verteilen, dass für die Patienten eine bessere Versorgung dabei herauskommt.“

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Diese „Story im Ersten“ steht seit noch ein Jahr in der ARD-Mediathek zur Verfügung.

RND/Teleschau

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