Boris Johnson gegen die BBC: Das “Tantchen” in der Krise

  • Sein Verhältnis zur Presse gilt seit langem als gespalten.
  • Als besonders rotes Tuch sieht Boris Johnson aber die britische BBC.
  • Für die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt hat der Premierminister offenbar radikale Umbaupläne.
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London. Auch diese Woche wird kein britischer Minister in der “Today Show” auf BBC Radio 4 zu hören sein. Abermals erscheint kein Kabinettsmitglied in der wichtigsten Sendung des Vereinigten Königreichs, um die eigene Regierungspolitik zu erklären, um kritische Fragen zu beantworten, um Rechenschaft abzulegen. So geht das bereits seit Monaten, obwohl jeden Morgen zwischen sechs und neun Uhr rund sieben Millionen Briten das politische Flaggschiffprogramm der British Broadcasting Company einschalten.

Die Anordnung an die Minister aber kommt von höchster Stelle, von Premierminister Boris Johnson. Einige Kommentatoren sprechen bereits von einem “obsessiven Boykott” von Seiten der Downing Street. Zwar pflegt der Konservative, der sich einst selbst als Journalist verstand, seit längerem ein gespaltenes Verhältnis zur Presse. Als besonders rotes Tuch aber galt stets die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt.

BBC steckt in einer echten Krise

Am Wochenende berichteten Medien dann davon, dass die Regierung mit dem Gedanken spiele, das Modell der Rundfunkgebühr in ein freiwilliges Abonnementmodell umzuwandeln sowie die Anzahl der Radio-und Fernsehsender stark zu reduzieren. Es scheint, als stammten die radikalen Pläne vor allem aus Johnsons Beraterteam unter Führung des umstrittenen Chefstrategen und Strippenziehers Dominic Cummings, der die BBC offenbar am liebsten abschaffen würde. Denn nachdem zu Beginn der Woche noch davon die Rede gewesen war, Johnson habe der BBC “den Krieg erklärt”, ruderte der Premier laut “The Times” gestern zurück – und schlug einen etwas sanfteren Ton an. Er würde “eine Reform statt einer Revolution” bevorzugen, hieß es.

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Im Medienkonzern dürfte das kaum für Erleichterung sorgen. Die BBC steht kurz vor ihrem 100. Geburtstag von allen Seiten unter Beschuss. Und auch wenn es traditionell zu den Lieblingsbeschäftigungen der Briten gehört, sich über das “Tantchen” zu ärgern, wie ihr Spitzname im Volksmund lautet, steckt die auf politische Unabhängigkeit bedachte BBC dieses Mal in einer echten Krise.

Tories fühlen sich benachteiligt

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Die Tories bemängeln regelmäßig nicht nur die Art der Finanzierung, sondern fühlen sich vor allem benachteiligt. Der Sender sei zu linkslastig, zu liberal und die Berichterstattung über den Brexit zu kritisch. Gleichzeitig beschwert sich aber auch die Opposition. Linke Labour-Politiker und -Anhänger werfen der BBC vor, sie würde allzu häufig als “Sprachrohr der Tories” dienen. Um die gegnerische Front zu vervollständigen, schimpften auch die Pro-Europäer in den vergangenen Jahren unentwegt. Sie wollten eine zu Brexit-freundliche Tendenz erkannt haben.

Die Attacken der Regierung auf die BBC gehen dieses Mal aber deutlich weiter. So weit, dass sich selbst in den konservativen Reihen Widerstand gegen die angeblichen Pläne Johnsons regt. Der ehemalige Minister Damian Green etwa sprach von “kulturellem Vandalismus” und verwies wie zahlreiche Abgeordnete darauf, dass die “Zerschlagung der BBC” im Parteiprogramm der Tories nicht erwähnt sei.

Die Rundfunkgebühr beläuft sich auf der Insel auf jährlich 154,50 Pfund pro Haushalt, sie macht 75 Prozent der Gesamteinnahmen der BBC aus, das sind rund 3,6 Milliarden Pfund. Der Rest der Finanzen für die zehn nationalen und weiteren regionalen Fernsehprogramme, die mehr als 60 Radiosender sowie die Internetseite und den BBC World Service speist sich aus dem Verkauf von Fernsehproduktionen. So werden beispielsweise preisgekrönte Serien wie “Bodyguard” und “Killing Eve” oder Dokumentationen wie “Blue Planet” gewinnträchtig ins Ausland exportiert. Werbung schaltet die BBC keine.

2027 wird Vertrag neu verhandelt

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Die jetzige Diskussion kommt zu einem pikanten Zeitpunkt. In einem Jahr findet die Halbzeitprüfung der bestehenden Charta an, 2027 dann wird der gesamte Rundfunkstaatsvertrag neu verhandelt.

Für Beobachter zeugen die Angriffe von Johnson auf die Medien von einem “besorgniserregenden Trend” im Königreich, wie die Leiterin des Großbritannienbüros von Reporter ohne Grenzen, Rebecca Vincent, sagt. So sorgten in den vergangenen Wochen mehrere Ereignisse für Aufruhr.

Als Tiefpunkt gilt ein Zwischenfall kurz vor einem Briefing von politischen Journalisten in der Downing Street, als Johnsons Kommunikationschef einige Pressevertreter von Labour-nahen Mainstreammedien aussortierte und diesen ohne Begründung die Teilnahme an dem Termin verwehrte. Daraufhin verließen aus Solidarität auch alle anderen Parlamentskorrespondenten den Regierungssitz. Premierminister Boris Johnson wirkt alles andere als beeindruckt. Sein Feldzug gegen unliebsame Medien scheint gerade erst begonnen zu haben.

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