Retrowelle im deutschen Fernsehen

„Wetten, dass..?“ mit Thomas Gottschalk: Nostalgische TV-Flucht aus dem Krisenjahr 2022

Der Sänger Robbie Williams (l) und Moderator Thomas Gottschalk küssen Co-Moderatorin Michelle Hunziker in der ZDF-Show "Wetten, dass..?".

Ein klassischer „Wetten, dass..?"-Moment: Der Sänger Robbie Williams (l.) und Moderator Thomas Gottschalk küssen Co-Moderatorin Michelle Hunziker. (Archivbild)

Berlin. Wenn Thomas Gottschalk am Samstagabend blond wie 1999 zu „Wetten, dass ..?“ lädt, könnte man das Krisenjahr 2022 also glatt mit dem sorglosen von damals verwechseln, als die Twin-Towers noch über New York thronten, Stefan Raab über den „Maschen-Draht-Zaun“ sang und unser Geld 10 Groschen hatte.

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Apropos: Ulla Kock am Brink ist ebenfalls zurück auf großer Fernsehbühne, wo sie seit September „Die 100.000 Mark Show“ moderiert. Fast 22 Jahre nach der Währungsreform ist das im Gegensatz zur Idee fast schon ein origineller Titel – der gut 15 Jahre nach einem Revival mit Euro im Gewinntopf und Inka Bause am Mikro bei doppeltem Nostalgiefaktor belegt, wer den Gebrauchtwarenfundus am liebsten durchwühlt.

RTL-Geschäftsführer Henning Tewes klingt da geradezu drollig, wenn er seinen Sender als „Innovations­treiber“ bezeichnet. Denn während sein Sender von „Ruck Zuck“ über „7 Tage, 7 Köpfe“ bis „Der Preis ist heiß“ so viel Tiefkühlkost erwärmt, dass selbst die Rückkehr von „Tutti Frutti“ oder „Pronto Salvatore“ nicht ausgeschlossen scheint, finden kreative Überraschungen allenfalls beim digitalen RTL+ statt. „Je unsicherer die Zeiten, desto größer der Wunsch nach Vertrautem“, sagte Tewes dem Mediendienst „DWDL“, „da fragt das Publikum Zeitreisen zu geliebten und vertrauten Fernsehmomenten nach“.

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Die Retrowelle rollt

Die Privatsender haben ihre öffentlich-rechtliche Konkurrenz mit „Der heiße Stuhl“ (Revival 2016), „Glücksrad“ (Revival 2016) und „RTL Samstag Nacht“ (Revival 2022) einst vor sich hergetrieben. Und während deren Retrowelle aktuell beim „Herzblatt“ endet, recyceln kommerzielle Kanäle bereits Formate der Nuller, wie Pro Sieben mit der „Wok‑WM“ oder dem „Turmspringen“ zeigt.

Die erneute Rückkehr von „Wetten, dass ..?“ taugt da weder als Ausnahmeregel noch als Gegenbeweis, denn Europas erfolgreichste Fernsehshow war ja nie weg. Im Gegenteil. Gleich nach Markus Lanz’ unseligem Finale 2014 wurden alle Herdplatten der Gerüchteküche an- und nicht mehr abgedreht. Bevorzugter Nachfolgekoch im medialen Kaffeesatzlesezirkel: Thomas Gottschalk. Von keinem Hüter des Fernsehlagerfeuers versprechen sich die Leute mehr hedonistische Ablenkung.

Nostalgie oder Fantasielosigkeit?

Das klassenlose Überwältigungseinerlei vom „goldenen Bub“, wie ihn Martin Walser lobte, hilft sogar, den Ermüdungsbruch aktueller Fernsehunterhaltung zu schienen. Ob Musik, Mode, Mobiliar oder Medien: Dass die Achtziger ihr Comeback mittlerweile im Jahres- statt Dekadenrhythmus feiern, dass selbst die ästhetisch grässlichen Neunziger so satisfaktionsfähig sind wie im Rokoko Puderperücken, hat ja nicht nur mit Nostalgie, sondern mit Fantasielosigkeit zu tun.

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Neue Showformate? Erfinden praktisch nur noch Joko und Klaas, erzielen damit gegen Netflix, Gaming und Mediatheken aber nur noch geringe Quoten. Von 14 Millionen, die Tommi 2021 an der Wettcouch versammelte, können selbst „Tatorte“ nur träumen. Und wenn sich 2022 Herbert Grönemeyer dazusetzt und Robbie Williams, wenn wie immer kurz Hollywood gastiert (John Malkovich) und etwas länger Babelsberg (Veronica Ferres), wenn Bagger was balancieren und „Bully“ blödelt, dann ist alles ein bisschen wie damals, als die Welt zwar nicht in Ordnung war, aber ein bisschen so wirkte.

„Wetten, dass ..?“ mit Thomas Gottschalk läuft am Samstag, 19. November, ab 20.15 Uhr im ZDF.

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