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„Western mit schwarzen Menschen“: Jeymes Samuels „The Harder they Fall“ bei Netflix

  • Einmal nicht tragen die Schwarzen in einem Film über das Amerika des 19. Jahrhunderts das Stigma der Sklaverei.
  • In Jeymes Samuels „The Harder they Fall“ (ab 3. November bei Netflix) leben sie selbst­bestimmt und frei, Weiße gibt es nur am Rande.
  • Der Popmusiker und Regie­debütant Samuel liefert einen kraftvollen und originellen Beitrag zum Genre.
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Die „weiße“ Stadt, in die die Helden von „The Harder they Fall“ einreiten, ist natürlich von Rassisten bevölkert. Die schwarzen Ankömmlinge werden begafft, die Blicke der Bürger reichen von amüsiert bis überheblich. Ein Mann spuckt vor ihnen aus, und die Bankangestellte lacht über die Vorstellung, das Paar könne hier Geld abheben. „Dazu bräuchten Sie erst einmal ein Konto“, feixt sie, was – ungesagt – beinhaltet, dass es nie dazu kommen könnte, dass ein Schwarzer hier sein Geld verwaltet bekäme. Doch Nat Love und seine androgyne Begleiterin Cuffee wollen die Bank nur überfallen, mit der Beute Schulden bezahlen und zugleich ein Mitglied ihrer Gang aus den Händen ihres Gegenspielers befreien. Ihr Fazit: „Eine Bank ausrauben ist ganz leicht – es ist nur schwer, dabei niemanden zu töten.“

Der erklärte Westernfan Jeymes Samuel hat den amerikanischen Westen des vorvorigen Jahrhunderts neu sortiert. In „The Harder they Fall“ gibt es auch rein „schwarze“ Städte mit ruchlosen wie edlen schwarzen Revolver­männern, die hier untereinander all das tun, was in den Standard­western gemeinhin weißen Cowboys, Farmern, Banditen und Marshals vorbehalten blieb. Damit trägt der Brite Samuel, Bruder des Popstars Seal („Kiss from a Rose“), historischen Tatsachen auf unhistorische Weise Rechnung. Denn es wird heute geschätzt, dass im späten 19. Jahrhundert bis zu einem Viertel der Arbeiter auf den Farmen und Ranches schwarz waren. Was Hollywood bis heute selten spiegelte. In Western seit John Fords „Der schwarze Sergeant“ (1960) ist der schwarze Protagonist eher eine Einzelerscheinung.

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Jeymes Samuel leiht sich historisches Personal zusammen

Samuels Figurenarsenal gründet zum großen Teil auf real existierenden Personen, die er sich aus der Historie zusammen­sucht, um sie in seiner fiktiven Rache­geschichte Seit an Seit oder gegeneinander zu stellen. Der echte Nat Love war ein Cowboy, Rufus Buck ein Bandit mit recht kurzer Karriere, Cherokee Bill ein Gesetzloser, der allerdings in Wirklichkeit nie Mitglied in Bucks Bande war, und Stagecoach Mary war eine erfolgreiche Post­zustellerin. Ihre Leben verliefen anders, was der Regisseur freimütig gesteht. Durch die „Ballung“ aber wird der Zuschauer gewahr, dass der Westen nicht allein Calamity Jane, Wyatt Earp und Billy The Kid gehörte. Wobei Samuel die Sklaverei in seinem Lang­film­debüt nirgends erwähnt. Seine Leute sind frei – das Trauma früherer Leib­eigen­schaft behindert sie nicht.

Nat Loves Zuhause ist blitzsauber wie in „Bonanza“

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„The Harder they Fall“ beginnt mit dem Abendessen auf einer kleinen Ranch, deren Inneres so blitzsauber ist, als wäre es die Fernseh-Ponderosa der Cartwrights aus „Bonanza“. Der zehnjährige Nat sitzt mit seinen Eltern beim Tischgebet, als es an der Tür klopft. Den Fremden mit dem schwarzen Hut begrüßt der Vater mit einem entsetzten „Nein!“. Der stumme Gast erschießt die Eltern und ritzt dem Kind ein Kreuz in die Stirn.

Eine gemeinsame Vergangenheit hat zu einer Gewaltentladung geführt, die, als der Junge erwachsen geworden ist, neuerliche Vergeltung nach sich ziehen wird. Der Mörder, Rufus Buck, ist nicht schwer zu finden – er hat ein Skorpion-Tattoo auf dem Handrücken und tötet mit goldenen Colts. Western goes Pop.

Der Regisseur kommt vom Pop und liebt das Kino

Das tut er 134 Minuten lang, nicht nur, weil er sich im Titel auf den schwarzen Selbst­ermächti­gungs­song „The Harder they Come“ von Jimmy Cliff bezieht. Samuel kommt vom Klang und liebt seit je das Bild. Er wollte schon als Achtjähriger zum Film und hat Videos zu seinen Songs gedreht, die im Stil des Film noir gehalten sind („Weirdo“) oder Luis Bunuels Stumm­film „Der andalusische Hund“ nachempfinden („Close your Eyes“).

Samuels Künstlername lautet „The Bullits“ – eine Verbeugung vor „Bullitt“ (1968) mit Steve McQueen, der Blaupause für den harten amerikanischen Actionfilm moderner Prägung. Und, ja, Action gibt es zuhauf in „The Harder they Fall“.

Idris Elbas melancholischer Blick verspricht den Tod

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Jahre später hat Nat Love (Jonathan Majors) jedenfalls eine eigene Gang und stiehlt mit Vorliebe Geld jener Reiterhorden, die als kriminelle „Sub­unter­nehmer“ Bucks Truppe zuarbeiten. Idris Elba („Luther“) spielt den Schurken mit dem unver­gleich­lich melancho­lischen Blick eines Mannes, der abgrundtiefe Enttäuschung über den traurigen Zustand der Welt ausdrückt, von dem aber statt Erbarmen nur Tod zu erwarten ist.

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Majors, hierzulande bekannt seit seiner Hauptrolle in der Horrorserie „Lovecraft Country“, ist als Nat ein gutmütig-schlitzohriger Gegenspieler, der vom Bösewicht in eine ähnliche Zwickmühle getrieben wird wie Brad Pitt von Kevin Spacey am Ende von „Seven“ (1995). Delroy Lindo („The Good Fight“) steht als Marshal Bass Reeves an Loves Seite, in dem kraftvollen Ensemble spielt überdies La Keith Stanfield („Knives out“) Bucks Hecken­schützen Cherokee Bill, Regina King („Watchmen“) ist dessen Vertraute Trudy Smith und Zazie Beetz („Atlanta“) Nats einstige Geliebte Stagecoach Mary.

Die Wildwestfrauen sind bei Samuel selbstbestimmt

Die sich ihre Freiheit als erfolgreiche Geschäftsfrau und expandierende Inhaberin von Saloons und Restaurants nicht durch Amouren kaputtmachen zu lassen gedenkt. Überhaupt sind die Wild­west­frauen selbstbestimmt bei Samuel, sie sind obendrein – siehe die umwerfende Regina King – vortreffliche Schützinnen und niemals zimperlich. Das Bild der devoten Gespielin im Western hat Samuel ähnlich befremdet wie das der Schwarzen. Er malt es neu.

Auch sonst spielt er mit den Genre­klischees. Statt seinen Film mit klassischen Western­klängen zu unterlegen, greift er notorisch auf Reggae zurück. Seine Figuren pfeifen auch schon mal den von ihm und Jay-Z komponierten Score nach, und sie singen mittenmang Songs wie einst Elvis Presley in „Flaming Star“ – ohne dass der Film je in Verdacht geriete, sich in ein Musical zu verwandeln. Die Gewalt ist eruptiv und oft überzeichnet, den bedrängten Seelen stellt Samuel Aufnahmen weiter Landschaft entgegen, die John Fords Kameramann Winton Hoch alle Ehre machen.

Die Stadt der Weißen ist weiß bis auf den letzten Balken

Die Stadt der Weißen ist übrigens weiß bis auf den letzten Hausbalken. Alle Bewohner hier tragen weiße Garderobe, selbst der Staub in den Straßen ist wie Schnee. Samuel lässt bei alldem freilich keinen Zweifel an der Unlauter­keit derer, die in der Unschulds­farbe leben. Die Yankee­soldaten etwa, die Buck zur Hinrichtung begleiten, haben eine ganze Stadt ausgelöscht, nur „um Silber zu stehlen“, so heißt es. Die weißen Banditen dieses Westerns tragen die Uniform des Staates.

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Dass er mit „The Harder they Fall“ den „Black Western“ gedreht hat, wies Regisseur Samuel jüngst in einem Interview mit dem Männer­magazin „GQ“ zurück. Es sei lediglich „ein Western mit schwarzen Menschen“. Under­state­ment eines bravourösen Debütanten. Der ausufernde Showdown rundet den neben „News of the World“ erbau­lichsten Western des Jahres ab. Einen wirklich wilden Western.

„The Harder they Fall“, 134 Minuten; Regie: Reynes Samuel, mit Jonathan Majors, Idris Elba, Regina King, Delroy Lindo (ab 3. November bei Netflix)

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