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Wenn Handys herrschen wollen: Der Animationsfilm „Die Mitchells gegen die Maschinen“

  • Stinksaures Handy, gedemütigte Staubsauger, verwirrte Roboter: In der Animationskomödie „Die Mitchells gegen die Maschinen“ rebellieren die Maschinen.
  • Die Familie Mitchell hat zwar genug mit sich selbst zu tun, rettet aber nebenbei die Menschheit.
  • Auf Netflix läuft derzeit der rasanteste aller Animationsfilme.
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„Das ist demütigend“, befinden die Staubsaugerrobots, als sie bei einer Menschenverfolgungsjagd unverhofft eine Rolltreppe hinunterpurzeln und liegenbleiben wie Käfer auf dem Rücken. Kleine Maschinen fühlen sich auf blamable Weise gescheitert. Was auch ein wenig Hybris beinhaltet: Was will ein Saugbot schon groß ausrichten gegen alles, was nicht auf Fußboden oder Fußbodenbelag herumkrümelt? Echt jetzt.

Wir wissen es freilich schon länger – auch Maschinen sind nur Menschen. Sie lieben, leiden, hoffen und verzweifeln. Man denke an die dienstbaren Androiden aus der Serie „Humans“, an den kleinen Robotjungen aus Steven Spielbergs „A. I.“, an die zu Bewusstsein erwachenden Wildwest-Schießbudenfiguren aus HBOs genialer Neuverfilmung von „Westworld“. Und. Und. Und. Lauter Digitalwesen, die uns bewegten.

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Nein, noch nicht einmal humanoide Form braucht künstliche Intelligenz, um empathisch und dabei auch mal unsympathisch herüberzukommen. Der Zentralrechner des Raumschiffs Discovery in Stanley Kubricks „2001“ (1968) war gekränkt ob des Misstrauens, das ihm die Astronauten Poole und Bowman entgegenbrachten. Er schmiedete Mordpläne, tötete Poole und war traurig, als er sich schließlich selbst abschaltete, als er „sterben“ musste. „2001“ war eine Geschichte über Menschen, die aufbrachen ihren Schöpfergott zu suchen, und über den Computer HAL 9000, der damit gerechnet hatte, sich über seinen Schöpfermensch stellen zu können.

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2021 - ein gekränktes Handy wird zur Rachegöttin

PAL – „2001“ lässt grüßen – heißt die künstliche Intelligenz in Mike Riandas und Jeff Rowes Animationsfilm „Die Mitchells gegen die Maschinen“. PAL ist das Smarte im Smartphone und pal ist auch ein amerikanisches Wort für Freund. Die Schwester von „Siri“ und „Alexa“ hegt indes weit mehr als kumpelhafte Gefühle für ihren Erfinder Mark Bowman – der Name ist noch ein Wink zu „2001“. Und als der dreiste Showman Bowman PAL in seiner Steve-Jobs-artigen Präsentation einer neuen Generation zweibeiniger Menschheitsdiener ostentativ in die Mülltonne kickt, wird das zutiefst gekränkte Handy umgehend von einer Ex zur Rachegöttin und übernimmt die Macht.

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Die Herrschaft der Maschine beginnt, die Menschheit, voran Bowman, wird gefangen gesetzt und soll ins All geschossen werden. Nicht schlecht wäre das für Klima, Flora, Fauna, meint dazu der Misanthrop. Aber eben kein Ende für einen Familienfilm. Pech der Robots: Es gelingt ihnen leider nicht, die vier Mitchells einzufangen.

Der Familienmops ist schwer zu identifizieren

Was mit dem Familienmops zusammenhängt, den die Erkennungssoftware der Robotheerscharen in rasendem Wechsel als Hund, Schwein oder Toastbrot zu identifizieren versucht, was die Platinen binnen weniger Sekunden, sagen wir, in den Wahnsinn treibt. Durchgebrannte Roboter säumen den Weg der Familie nach Kalifornien. Zwei von ihnen konvertieren: Eric und Deborah malen sich Gesichter auf den Screen und sind fortan die lustigen Sidekicks in diesem Abenteuer.

Die kleine Geschichte, die in die große von der Robokalypse gezogen wird, ist eine Coming-of-Goodbye-Story. Die Tochter Katie ist flügge, und will auch nix wie raus aus der Mitchells-Familie. Lang vorbei sind die glücklichen Tage der Kindheit, speziell mit Papa Rick gibt es ständig Streit. Der naturaffine Bastler kann mit seiner animationsfilmbegeisterten Tochter nichts mehr anfangen, sucht in ihr verbissen das kleine Kind, dass sie einmal war und ist traurig, weil er keinen Zugang zum Enigma Katie mehr findet, die doch einst mit ihm ein Herz und eine Seele war.

Angestupst von der beschwichtigenden Ehefrau versucht er ungelenke Liebesbezeugungen, die nur zu weiterem Zank führen. Den Flug zur Einführungswoche cancelt Daddy Rick eigenmächtig, um mit Gattin Linda, Söhnchen Aaron und Mops Monchi mit dem Familienauto nach Kalifornien zu fahren. Versöhnungsurlaub, Zueinanderfindungsreise statt Einführungswoche an der Filmhochschule. Katie könnte kotzen. In einer der witzigsten von nicht wenigen wirklich witzigen Szenen tut’s dann gleich der komplette Mitchell-Clan.

Die Rasanz der „Mitchells“ sucht ihresgleichen

Eine Rasanz hat dieser Animationsfilm, die ihresgleichen sucht. Und zum Parforceschnitt gesellt sich ein visueller und erzählerischer Einfallsreichtum, die mühelos gleichauf mit ihm ziehen, die das Publikum wieder und wieder in Staunen und Quietschvergnügen versetzen – ob Aaron nun das komplette Telefonbuch durchwählt, um endlich jemanden zu finden, der mit ihm über Dinosaurier sprechen möchte, oder ob aus einem computeranimierten Bild plötzlich Zeichentrick sprießt oder sogar Insta-Montagen und Realfilmmomente eingeschraubt werden.

Dieser Film ist fast mehr als furios, und auch wenn irgendwann aus den nerdig-normalen Mitchells unglaubwürdig über sich selbst hinausgewachsene Leute geworden sind, die – Abrakadabra – aus dem Nichts ein Superheldenupdate bekommen zu haben scheinen, hat man sie da längst liebgewonnen. Die eskapistische Tochter ebenso wie den tapsigen Papabär.

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Am Ende wird zwar der Sieg des Schraubenziehers über das elektronische Superhirn gefeiert, aber Technik wird von Rianda und Rowe keineswegs in Bausch und Bogen verbannt. Die hartleibigen Verteidiger des Analogen bekommen ebenso einen drauf wie die „Hauptsache-freies-W-Lan“-Digitalos. „Die Mitchells gegen die Maschinen“ hat im Grunde ein Herz für beide Seiten. Was ihn zu einem herausragenden Film für die ganze Familie macht.

Und wer hätte kein Verständnis für ein Handy, das sich jahrelang betatschen lassen musste, und das dann von einem Tag auf den anderen verstoßen wird.

„Die Mitchells gegen die Maschinen“, 113 Minuten, bei Netflix, Regie: Mike Rianda, Jeff Rowe, Animationsfilm (bereits streambar)

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