Weißer Ring zu Solingen: Reißerische Verbrechens-Berichte haben fatale Folgen

  • Teile der Berichterstattung über die getöteten Kinder in Solingen haben massive Kritik ausgelöst.
  • Die Opferschutzorganisation Weißer Ring warnt jetzt vor den fatalen Folgen von Sensationsjournalismus für Verbrechensopfer.
  • „Das ist der schlimmste Brandbeschleuniger in einer solchen Situation“, sagt die Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer.
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Mainz. Die Opferschutzorganisation Weißer Ring hat nach Berichten von RTL und „Bild“-Zeitung über die Kindermorde in Solingen vor den fatalen Folgen von Sensationsjournalismus für Verbrechensopfer gewarnt. „Das ist der schlimmste Brandbeschleuniger in einer solchen Situation“, sagte die Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer am Montag dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Mainz. Manchen Medienvertretern fehle leider jedes Bewusstsein dafür, was es bedeute, Opfer einer Straftat mit lebenslangen Folgen geworden zu sein. Verstöße gegen Persönlichkeitsrechte müssten auch finanziell spürbarere Konsequenzen haben, forderte sie.

"Man wird keine Person des öffentlichen Lebens, weil man Opfer eines Verbrechens wurde", sagte Biwer. Der Weiße Ring rate Betroffenen auch grundsätzlich dazu, gegenüber Medien äußerst zurückhaltend zu bleiben und warne vor unüberlegten Interviews. In manchen Fällen, die von den Ehrenamtlichen der Organisation betreut werden, würden Opfer sogar aktiv vor Pressevertretern abgeschirmt. Insbesondere bei aufsehenerregenden Strafprozessen gehe das so weit, dass man für die Betroffenen Wege in den Gerichtssaal organisiere, auf denen sie keinen Kameras begegnen.

Auch immer wieder Beispiele für gute sensible Berichterstattung über Opfer

In manchen Fällen könne es für Kriminalitätsopfer hilfreich sein, mit der Presse zu sprechen. Die Kontakte müssten aber zu jedem Zeitpunkt selbstbestimmt sein. In der Vergangenheit habe es immer wieder Beispiele für gute sensible Berichterstattung über Opfer gegeben, aber auch für das Gegenteil - beispielsweise nach dem Amoklauf von Winnenden. Der Weiße Ring prüfe bei Presseanfragen mit Kontaktwünschen zu Betroffenen sehr genau, wer sich für einen Fall interessiere. Mit einigen Medien gebe es grundsätzlich keine Kooperation.

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Der Fall Solingen: "Schick die Polizei in die Wohnung, die Kinder sind tot"
2:14 min
Einzig das älteste Kind blieb unversehrt. Die Mutter hatte sich in Düsseldorf vor einen Zug geworfen.  © Reuters

In Solingen hatte eine 27-jährige Frau in der vergangenen Woche mutmaßlich fünf ihrer sechs Kinder getötet. RTL und „Bild“ hatten bei ihrer Berichterstattung über den Fall unter anderem private Chats veröffentlicht, die der überlebende Sohn nach der Tat mit einem Freund ausgetauscht hatte. Ein Artikel mit der Überschrift „Mutter (27) hat fünf ihrer Kinder getötet: Freund Max telefonierte mit dem Sohn, der überlebte“ wurde nach massiver Kritik mittlerweile vom Onlineangebot „bild.de“ gelöscht.

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Der 1976 gegründete Weiße Ring unterstützt seit mehr als 40 Jahren Kriminalitätsopfer. Die Organisation mit Sitz in Mainz besitzt bundesweit rund 420 Außenstellen mit insgesamt 3.200 ehrenamtlichen Mitarbeitern.

RND/epd

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