Weil Gäste rauchen: Beschwerde gegen ARD-Talkshow

  • Das Erste zeigt ab dem 1. Oktober eine neue Talkshow.
  • Die Besonderheit: Gästen ist es darin erlaubt, zu trinken und zu rauchen.
  • Dem Verband Pro Rauchfrei gefällt die Ankündigung gar nicht: Die Initiative hat angekündigt, das Konzept gerichtlich prüfen zu lassen.
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Berlin. „Hier spricht Berlin“ heißt eine neue Talkshow des RBB, die ab dem 1. Oktober im Ersten laufen wird. Und genau diese Show könnte dem Sender noch ziemlichen Ärger einbringen: Einem Verband sind die Pläne nämlich ein Dorn im Auge. Der Grund: Der RBB will seinen Gästen erlauben, in der Sendung zu rauchen.

Die Beschwerde kommt von der Initiative Pro Rauchfrei. Der Verband hatte in den vergangenen Jahren immer wieder Schlagzeilen gemacht – unter anderem, weil er gegen zwei ZDF-Sendungen vorgegangen war. In der Talkshow „Roche & Böhmermann“ und „Stuckrad Late Night“ war es Gästen ebenfalls erlaubt zu rauchen. Laut der Initiative entsprach dies jedoch nicht dem Nichtraucherschutz – sie beschwerte sich beim ZDF-Fernsehrat. Auch beim Ordnungsamt Berlin hatte Pro Rauchfrei wegen des Verstoßes gegen das Nichtraucherschutzgesetz Beschwerde eingereicht.

Studiopublikum gefährdet

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Eine ähnliche Diskussion zeichnet sich nun bei der neuen RBB-Show ab. Pro Rauchfrei wolle „das Konzept“ der Sendung „gerichtlich prüfen lassen“, erklärt der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Stephan Weinberger gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Voraussetzung dafür sei allerdings, dass in der Sendung „die Anwesenheit von Zuschauern gestattet wird“, so Weinberger. „In diesem Fall würde es sich bei dem Studio des RBB um eine Kultur- und Freizeiteinrichtung handeln, in welcher Verbraucher durch Ticketerwerb an den Sendungen teilnehmen könnten.“

Tatsächlich wäre dies bei „Hier spricht Berlin“ der Fall. Wie eine Sprecherin des RBB auf RND-Anfrage bestätigt, soll es bei der Sendung – ähnlich wie bei anderen Talkshows – ein Studiopublikum geben.

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Grenzen der Kunstfreiheit

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Jessy Wellmer (li.) und Eva-Maria Lemke moderieren die neue RBB-Talkshow. © Quelle: Rundfunk Berlin-Brandenburg/rbb/

Der Verein Pro Rauchfrei stört sich vor allem daran, dass das Rauchen von den Fernsehsendern immer wieder im Sinne der Kunstfreiheit eingesetzt wird. „Die bloße Benennung oder thematische Ausrichtung einer Talkshow nach einem alten Format, in dem das Rauchen gestattet wurde, hat nach unserem Dafürhalten keinen künstlerischen Bezug. Das Rauchen wurde zur damaligen Zeit in nahezu jeder Sendung geduldet, entsprach also gesellschaftlichem Konsens. Es war keine Spezialität, die die Sendung als Solche zu dem verhalf, was sie ist, nämlich eine bloße Talkshow“, findet Weinberger. Das bloße Rauchen habe in diesem Fall keinen künstlerischen Wert.

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Auf seiner Website bezeichnet der Verein die neue Show schon vor der Ausstrahlung als „ekligste Mutprobe der Welt“. „In einem abgelegenen Kabuff auf dem RBB-Gelände können sich die RBB-Leute gern zur ekligsten Mutprobe der Welt versammeln und am besten gleich nackt, denn gute Manieren sind schon lange im TV nicht mehr gefragt“, wird Siegfried Ermer, Pressesprecher des Vereins, zitiert. „Aber in einer Sendung öffentlich rauchen zu lassen ist unverblümte Werbung für Tabakkonsum. Und das, obwohl uns gerade wieder die WHO zu Recht sträfliche Laxheit in der Tabakkontrolle vorwirft.“

RBB will mit Regel Promis locken

Beim RBB reagiert man gelassen auf die Kritik des Vereins – und schränkt die Ankündigung samt Rauchgebot gleich ein bisschen ein. „Die Sendung heißt ‚Hier spricht Berlin‘, nicht ‚Hier raucht Berlin‘“, erklärt eine Sprecherin des Senders gegenüber dem RND. „Wir verlangen nicht, dass unsere Gäste in der Sendung rauchen. Die Formulierung ‚Es darf getrunken und – wenn die Gäste sich trauen – auch geraucht werden‘ kann kaum als Aufforderung missverstanden werden.“

Wie ein „großzügiger privater Gastgeber“ setze man darauf, „dass sich Menschen, die bei uns vorbeischauen, rücksichtsvoll verhalten. Es kann allerdings sein, dass wir bestimmte Gäste so spannend finden, dass wir ihnen sogar den Griff zum Tabak vor laufender Kamera nachsehen, falls ihr Auftritt bei ‚Hier spricht Berlin‘ sonst nicht zustande käme“, erklärt der Sender.

Günther Jauch zu Gast

Im Falle von „Roche & Böhmermann“ und „Stuckrad Late Night“ waren die Beschwerden des Vereins seinerzeit im Sande verlaufen. ZDF-Intendant Thomas Bellut hatte damals erklärt: „Benjamin von Stuckrad-Barre nutzt das Rauchen als künstlerisches Stilmittel – zur Irritation seiner Gäste, Ironisierung und Überspitzung politischer Riten und Konventionen sowie zur Stilisierung der eigenen Künstlerperson.“ „Roche & Böhmermann“ lehne sich dagegen an Gesprächssendungen der frühen Fernsehjahre an.

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Jan Böhmermann und Charlotte Roche waren damals in die Offensive gegangen und hatten einen Vertreter von Pro Rauchfrei in ihre Sendung eingeladen. Ein Vertreter hatte den beiden in der Sendung die Verletzung ihrer Vorbildfunktion vorgeworfen.

Die Sendung „Hier spricht Berlin“ soll ab dem 1. Oktober um 23 Uhr ausgestrahlt werden. Moderiert wird die Talkshow von Eva-Maria Lemke und Jessy Wellmer. Gäste der ersten Sendung sind der Moderator Günther Jauch, der Musiker Sido, die Schauspielerin Petra Schmidt-Schaller, der Opernsänger Thomas Quasthoff und die Autorin Else Buschheuer. Lemke und Wellmer sprechen mit ihren Gästen über 30 Jahre Mauerfall, wichtige persönliche Wegmarken und Erfahrungen mit der Wende. Ob mit oder ohne Qualm, wird sich dann zeigen.

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