Weibliche Weihnacht überall – die Festtags­komödie „Noelle“

  • Gendergerechtigkeit am Nordpol – schon nach zehn Minuten weiß man, worauf alles bei „Noelle“ (streambar ab 27. November) hinausläuft.
  • Trotzdem ist die Weihnachtskomödie mit Anna Kendrick als Santas Tochter überaus charmant.
  • Kitsch wird hier meist mit süffisantem Witz unterlaufen.
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„Du passt jetzt mal besser auf und heulst hier nicht rum“, faucht Noelle Kringle ihren Bruder Nick an, um den Advents­flüchter aus seiner Yogaschule zurück an den Polarkreis zu holen. Im Original lautet die Tirade: „You better watch out, you better not cry!“ Und dass Zeilen aus Weihnachtsliedern unmerklich einfließen, hier aus „Santa Claus Is Coming to Town“, ist einer der vielen charmanten Kniffe im rundum charmanten Weihnachtsfilm „Noelle“ von Marc Lawrence.

Ein Augenzwinkern wird vor den Kitsch gesetzt

Der Film „Noelle“ ist aus dem Hause Disney und läuft ab 27. November im Streaming von Disney+. Ja, hier gleißt schon viel – typisch Disney – in den Weihnachts­sternfarben Rot und Grün. Aber immer wird ein Augenzwinkern vor den Kitsch gesetzt. Drehbuch, Regie und Ensemble lassen es selten sentimental werden. Und in allen Lebenslagen, glaubt der sechsköpfige Elfenchor ein Weihnachtslied draufsetzen zu müssen. Worüber mancher Elf die Augen verdreht: „O Gott!“

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Noelle und Nick sind die Sprösslinge des 22. Weihnachtsmannes. Wenn der gut gelaunt von der großen Tour zurückkommt, werden sie als Letzte beschert. Diesmal bekommt der kleine Nick nur eine Weihnachts­mütze. Die ist ihm zu groß und überhaupt zeigt sein unglückliches Gesicht, dass er das große Erbe gar nicht anstrebt. Der Blick der kleinen Noelle, die Stifte und Bastelzeug für ihr Hobby – das Gestalten von Weihnachts­karten – bekommt, zeigt wiederum, dass sie durchaus Zuneigung für die legendäre rote Zipfelmütze hegt. Aber Mädchen werden da nicht gefragt. Santa-Sein ist ein Männerjob wie amerikanischer Präsident oder Papst. Punkt. Punkt? Nö, Komma.

Der Nachfolger leidet unter Jobangst

Dann sind Noelle (Anna Kendrick) und Nick (Bill Hader) groß, der alte Santa (Jay Brazeau) ist gestorben und Nick wird als 23. Weihnachtsmann ausgerufen. „Christmas must go on“ heißt es, aber der Nachfolger liegt im Bett, hat Fieber, will nicht. Alles liegt im Zeitplan zurück, und der Bruder sieht nur Probleme: „Wie komme ich durch den engen Schornstein? Woher weiß ich, wer was kriegt?“

Noelle zeigt ihm das „Buch von Santa“, worin steht, welche Weihnachts­liedzeile die Schlote der Menschen weitet, und sie zeigt ihm auch die Auslieferliste mit den Kindernamen. Aber nichts davon beruhigt Nick – er hat Angst vorm Versagen und vor dem forschen Dasher und seinen Rentier­konsorten. Zu kalt ist ihm auch: „Immer dieser Schnee. Ich habe mein ganzes Leben gefroren.“

Bevor er einen Nerven­zusammen­bruch bekommt, schickt ihn Noelle auf ein Erholungs­wochenende. Aber es ist nur noch eine Woche bis zur Bescherung, der Schlitten kommt am Montag ohne Nick zurück, und als der Elfenrat erfährt, dass der Weekendtrip auf Noelles Mist gewachsen ist, muss sie mit dem Gespann los, um den jungen Santa zur Pflicht zu rufen. Ihre alte Elfenamme Polly sitzt unverhofft mit im Schlitten, was der 86-jährigen Shirley MacLaine („Irma LaDouce“) Gelegenheit zu einem kleinen, feinen, späten Auftritt gibt.

Santas Tochter gilt in Phoenix als Supermarkt­pektakel

Auf Erden, genauer gesagt im heißen Phoenix, Arizona, kracht der Schlitten in eine Mall, wird für den Teil einer neuartigen Weihnachtsshow gehalten, und im Nu sind die acht Geweihträger die Lieblinge der Kundschaft. Noelle lernt, dass die meisten Menschen selbstsüchtig, achtlos, profitgierig und wenig empathisch sind. Aber sie trifft auch auf die taubstumme Michelle und ihre arbeitslose Mutter und lernt den geschiedenen Privatdetektiv Jake (Kingsley Ben-Adir, der in der Politserie „The Comey Rule“ Barack Obama spielte) näher kennen, dazu seinen schüchternen Sohn Alex (Maceo Smedley), die sie das Gegenteil lehren.

Und so kommt Noelle zu dem weihnachts­film­gerechten Schluss, dass allein diese Menschen all die Mühen wert sind. Jake hilft ihr bei der Suche nach Nick, der Yoga lehrt und unter einer Buddha­statue im Lotussitz meditiert. Die Zeit drängt: Cousin Gabe, ein Technokrat vor dem Herrn, wurde zum Interims-Santa bestimmt. Der hat per Algorithmus erfahren, dass es nur 2837 wirklich gute Kinder auf Erden gibt, die man ja wohl bequem auch per Drohne oder Amazon beliefern könnte.

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„Noelle“ ist Kendricks Show, schließlich geht es darum, das ist schon nach zehn Minuten klar, dass Mädchen alles erreichen können, dass Gender­gerechtigkeit eine der dringlichsten Sachen ist und der nächste Santa eben doch weiblich werden wird. Bis sich Noelle in Daddys Schuhen versucht, liefert Kendrick sowohl große Komödie (etwa wenn sie merkt, dass ihr Geständnis, sie sei die Tochter des Weihnachts­mannes, bei der gegenüber­sitzenden Psychologin als Worte einer Irren ankommen, woraufhin ihr eifriges Reden in einem Murmeln versickert) oder Slapstick (wenn sie die gut duftende Sonnencreme für essbar hält).

Das „Catweazle“-Syndrom erzeugt die meiste Komik

Die meiste Komik wird aus den üblichen Problemen eines totalen Außenseiters gezogen, der unverhofft ins Innere einer fremden Welt gelangt – das „Catweazle“-Syndrom (diese Geschichte gibt’s demnächst mit Otto Waalkes – hoffentlich im Kino). Den Rest besorgt Elfin Polly, die von Noelle als „Tante“ und „Teil der Show“ vorgestellt wird. Und die auch eine wahrlich große Show ist, selbst wenn sie nichts sagt und nur in ihrem „psychedelischen Cow-Oma-Outfit“ durch Phoenix streift.

„Noelle“ ist kein ewiger Jahres­endzeit­hit, kein potenzieller Klassiker wie die Griswold-Klamotte „Schöne Bescherung“, wie der pathetische „Polar-Express“, der herzerwärmend-spukige „Nightmare Before Christmas“ oder die Romcom-Königin „Tatsächlich … Liebe“. Er wirkt zuweilen etwas statisch, gelegentlich arg weltfern, etwa wenn er uns ins lauschigste Obdachlosen­asyl der Welt blicken lässt, oder behauptet, man stehe nicht mit einem Bein im Grab, wenn man einen amerikanischen Cop unters Knie tritt. Und nein, liebe Noelle, deine bunten Weihnachts­karten, auf die du so stolz bist, sind nicht schön, sondern das reinste Augengift.

Ein Zeitvertreib fürs Warten aufs Christkind

Diese Geschichte von Geschlechter­gerechtigkeit am Korvatunturi – oder wo immer genau das Santahausen liegt – bietet sich dennoch als angenehmer Zeitvertreib für die ganze Familie an, wenn es in ungefähr einem Monat ans Warten aufs Christkind respektive den Weihnachtsmann geht. Er ist über Gebühr nett in seinem Einstehen für Toleranz, seinem Bezweifeln von Traditionen und seiner „Yes, you can“-Botschaft: Weibliche Weihnacht überall!

„Noelle“, bei Disney+, 109 Minuten, Regie: Marc Lawrence, mit Anna Kendrick, Bill Hader, Shirley MacLaine, Kingsley Ben-Adir (streambar ab 27. November).


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