WDR und Antisemitismus: Hätte Lisa Eckhart mal 'ne Oma beleidigt ...

  • Kabarettistin Lisa Eckhart blubbert antisemitische Klischees auf einer WDR-Bühne, der Sender beruft sich auf “Satirefreiheit”.
  • Unser Autor findet das erstaunlich.
  • Schließlich ist der Sender sonst nicht so zimperlich mit der Löschtaste.
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Köln. Um ein Haar hätte der antisemitische Quatsch, den Lisa Eckhart 2018 auf einer Kabarettbühne des WDR absonderte, nie das Licht der breiten Öffentlichkeit erblickt. Doch dann postete der WDR das Video einfach noch mal auf Facebook – und die Sache kam ins Rollen.

Der besagte Auftritt aus der Reihe “Mitternachtsspitzen” sorgt seither für heftige Kritik – im Netz und bei diversen Verbänden. Eckhart hatte im Rahmen der #MeToo-Debatte die vermeintliche politische Korrektheit gegenüber Angehörigen von Minderheiten wie Juden, Schwarzen und Behinderten kritisiert, die sich moralisch falsch verhalten haben.

Harvey Weinstein und Woody Allen beispielsweise (beide Juden) hätten ja Frauen belästigt und würden dafür von der “MeToo”-Bewegung kritisiert. “Es ist ja wohl nur gut und recht, wenn wir den Juden jetzt gestatten, ein paar Frauen auszugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen”, so Eckhart auf der Bühne.

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Wenn die “Unantastbaren” andere antasteten, sei das der “feuchte Alptraum der politischen Korrektheit”, so die Kabarettistin weiter. “Jetzt plötzlich kommt heraus, den Juden geht’s wirklich nicht ums Geld. Denen geht’s um die Weiber, und deswegen brauchen sie das Geld.”

“Potpourri aus antisemitischen Klischees”

In einem Artikel in der “Jüdischen Allgemeinen” von Montag kritisierte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, die Aussagen von Eckhart als “geschmacklos und kritikwürdig”. Mehrere Organisationen wie die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) sowie das American Jewish Committee (AJC) Berlin schlossen sich in der “Jüdischen Allgemeinen” der Kritik an Eckhart an.

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Der Grünen-Politiker Volker Beck erklärte, der WDR präsentiere “mit Lisa Eckhart ein Potpourri aus antisemitischen Klischees und schenkelklopfendem Humor, bei dem einem das Lachen nur im Halse stecken bleiben kann”.

Soweit das grundsätzliche Problem. Und jetzt können Sie dreimal raten, wie der Fall wohl weiterging. Vielleicht machen wir ein kleines Quiz daraus – mit zwei Antwortmöglichkeiten.

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Quiz: Wie reagiert der WDR?

Variante 1: Der WDR lässt das umstrittene Video umgehend von all seinen Plattformen löschen. WDR-Intendant Tom Buhrow beruft eine Hörersprechstunde auf WDR 2 ein, entschuldigt sich live vom Krankenbett seines Vaters. Er bezeichnet das Satirevideo als “missglückt”, es habe “viele Menschen verletzt”, vor allem Juden, Schwarze und Behinderte. “Man muss Fehler eingestehen können”, so Buhrow.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet äußert sich empört auf Twitter. “In diesen Zeiten brauchen wir dringend einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der dem Zusammenhalt dient, wie es seinem Auftrag entspricht.” FPD-Politikerin Nicola Beer ergänzt: “Es war keine Satire. Es war nie als Satire gemeint. Es ist ein Armutszeugnis, wenn jetzt das Argument der Satirefreiheit hervorgezogen wird.” Vor dem WDR-Gebäude marschieren Menschenmassen auf, um gegen den verletzenden Beitrag zu demonstrieren.

Variante 2: Der WDR wimmelt die Kritik ab, nennt Eckharts Programm gar “schonungslos” und “entlarvend”. Warum der Beitrag auch weiter in der Mediathek bleibe? Natürlich wegen der “Satirefreiheit”. Die sei schließlich “essenzieller Teil der Meinungsvielfalt”, dazu “stehe” man als WDR.

Jetzt also Satirefreiheit

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Sie ahnen es bereits: Natürlich wurde Eckharts Beitrag nicht vom WDR gelöscht, es gab keine Hörersprechstunde, keinen Intendanten, der es für nötig hielt, sich zu entschuldigen. Nein, auch keine Demos, keine CDU-Politiker, die Satire-Kritik äußern.

All das ist schließlich bereits im Dezember passiert. Sie erinnern sich, als der WDR einen Satirebeitrag vom Netz nahm, weil darin ein Kinderchor eine fiktive Oma beleidigte und sich daraufhin ein paar Nazis darüber beschwerten.

Der halbherzige Umgang des WDR mit Eckharts Satirebeitrag ist nur eine kleine Randnotiz. Und doch zeigt sich hier erneut, wie die Anstalt mit zweierlei Maß misst. Beschwert sich eine handvoll Nazis über ihre ach so verletzte Oma, ist Tom Buhrows Finger schneller auf der Löschtaste als die Oma im Hühnerstall auf die Bremse treten kann. Beschweren sich Juden, Schwarze und Behinderte über einen unterirdischen Kabarettbeitrag voller beleidigender Klischees, rechtfertigt man diesen mit der “Satirefreiheit”.

Hätte Lisa Eckhart mal bloß 'ne deutsche Oma beleidigt. Man müsste ihr unerträgliches Geschwafel wohl künftig nicht mehr im Fernsehen ertragen.

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