Was tun gegen den Hass im Netz?

  • Wie sollen wir auf Bedrohungen im Netz reagieren?
  • Gerade auch wenn sie gegen Migranten und Feministinnen gerichtet sind?
  • Die deutschtürkische Journalistin und Bloggerin Kübra Gümüsay plädiert in ihrem aktuellen Buch für einen von Toleranz geprägten Diskurs.
Anzeige
Anzeige

Der WDR-Kinderchor singt ein Lied, in dem eine Oma zur Umweltsau erklärt wird – und löst einen offenbar von rechtsgerichteten Kräften maßgeblich beförderten Shitstorm aus. Der Journalist Richard Gutjahr schreibt einen offenen Brief, in dem er massive rechte Bedrohungen schildert, gegen die er sich nur unzureichend in Schutz genommen fühlt. Arnd Focke, Bürgermeister aus Estorf in Niedersachsen, tritt wegen rechtsextremer Drohungen zurück.

Dies sind nur einige aktuelle Beispiele der Debatte über den digitalen Hass, die seit Wochen die Medien beschäftigen. Immer mehr Opfer melden sich, immer entschiedener werden politische und rechtliche Konsequenzen gefordert. Aber wer erregt sich da eigentlich? Und: Kommt die Debatte nicht viel zu spät?

Schwere Vorwürfe der Autorin

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Die deutschtürkische Journalistin, Bloggerin und Netzaktivistin Kübra Gümüsay erhebt in ihrem neuen Buch mit dem unaufgeregt klingenden Titel „Sprache und Sein“ schwere Vorwürfe, die der Debatte eine neue Richtung geben. Die 32-Jährige ist überzeugt, dass die „Realität des Hasses“ von der Mehrheitsgesellschaft erst dann ernst genommen wird, wenn sie – wie jetzt –„den Erlebnishorizont der Privilegierten“ erreicht. Dabei erlebten Migranten, Feministinnen, Schwarze und People of Color seit vielen Jahren digitalen Hass. Lange Zeit seien sie weder ernst genommen noch im Kampf dagegen unterstützt worden,meint die Autorin.

Gümüsay zitiert eine Rede der Schriftstellerin Mely Kiyak von 2016, in der diese beklagt, dass sie seit ihrer ersten Veröffentlichung in einem großen Wochenmagazin 2006 zu jedem einzelnen Text Hassbriefe und -kommentare bekommen habe. Wenn „eine Handvoll Kollegen mit etwas anders klingenden Namen“ sich an Journalisten mit der Bitte um Hilfe gewandt hätten, sei ihnen nur Gleichgültigkeit begegnet. Der Hass im Netz, der manche jetzt so entsetze, sei – so Gümüsay – für andere „seit langer Zeit Grundrauschen ihrer öffentlichen Arbeit“.

Journalistin und Bloggerin: Kübra Gümüsay. © Quelle: picture alliance / ZB

Es ist ebenso verblüffend wie bedrückend, dass man Gümüsays Buch in Teilen wie eine kluge, dicht geschriebene Replik auf die derzeitige Debatte lesen kann. Es ist nicht alles neu. Manches hat sie schon zuvor in Beiträgen für Zeitungen oder im Netz veröffentlicht, so unter anderem ihre These von der „organisierten Liebe“, die man dem digitalen Hass entgegensetzen soll: Ein von Liebe, Toleranz und Multikulturalität geprägter Diskurs solle den lauten Hass der Rechten im Netz übertönen, fordert sie auch jetzt.

Anzeige

Gümüsay analysiert digitalen Hass schon seit fast zehn Jahren

In ihrem Buch gibt die verheiratete Mutter eines kleinen Kindes erneut viele Beispiele für alltäglichen Rassismus gegen Migranten. Sie selbst hat mit #SchauHin und #Ausnahmslos zwei viel beachtete Hashtags zum Thema mit initiiert. Dennoch: In seiner Komplexität ist „Sprache und Sein“ das Buch zur rechten, rechter werdenden Zeit. Dazu gehört, dass Gümüsay, die schon 2011 für ihren Blog „Ein Fremdwörterbuch“ für den Grimme Online Award nominiert wurde, die derzeitige „Erregungsmaschinerie“ analysiert, als hätte sie geahnt, dass das Thema digitaler Hass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ihres Buches derart an Fahrt aufnimmt. Sie zieht ein Fazit, bei dem man im Zuge der #Umweltsau-Debatte den Eindruck hatte, dass es weder bei den Verantwortlichen der öffentlich-rechtlichen Medien noch in der Politik bislang angekommen ist: „Indem wir auf Provokationen ausgiebig antworten, legitimieren wir sie.“

Anzeige

Eine Stärke von Gümüsays Buch ist, dass sie weitestgehend auf Zuspitzungen und Verallgemeinerungen verzichtet. Differenzierung und Deeskalation, das ist ihre Strategie. An einem einzigen leise erzählten Beispiel statt im derzeit so oft erklingenden lauten Stakkato medialer Dauererregung macht sie deutlich, wie perfide Rechte auf Facebook – von der großen Masse fast unbemerkt – gezielt bei ausgesuchten Usern für ihre Ideen werben.

Gümüsay lehnt Schwarz-Weiß-Debatten in Talkshows, die „die muslimische Frau“, „den alten weißen Mann“ oder „die Kopftuchträgerin“ (sie trägt selbst eines) gegeneinander ausspielen, als kontraproduktiv ab. Sie setzt stattdessen auf neue Formate wie Esra Karakayas Onlinetalkshow „Black Rock Talk“. Für eine Folge hatte Karakaya 2018 fünf Frauen eingeladen, um mit ihnen über eine Fruchtgummi-Werbung zu sprechen, in der ein Model ein Kopftuch trug, allerdings – wie später herauskam – nur für diese Werbung. Das Besondere: Karakaya sorgte nicht für eine „politisch korrekte Besetzung“ mit Männern, türkischen Kopftuchträgerinnen, deutschen Frauen, die das Kopftuch ablehnen. Ihre Gäste trugen alle wie die Moderatorin ein Kopftuch als Teil ihrer Identität. Solche Debatten eröffneten Raum für Zögern, Zweifel, Nachdenklichkeit, für Pluralität und die Erkenntnis, dass es „die Kopftuchträgerin“ eben nicht gibt.

„Sei Mensch. Schreibe als Mensch“

Kübra Gümüsay, Enkelin eines türkischen Gastarbeiters, die zuletzt lange in Oxford lebte, bevor sie zurück nach Hamburg zog, berichtet überdies auch viel von sich. Ein subjektiver Ansatz ist ihr genauso wichtig wie das Argumentieren mit wissenschaftlichen Studien, das Zitieren von deutscher, türkischer, arabischer Poesie. „Sei Mensch. Schreibe als Mensch“, sagt sie.

Am bemerkenswertesten ist wohl, dass Gümüsay auf diese Weise selbst ein sprachlich ungewöhnliches Buch gelingt. Es ist viel leiser, poetischer, farbenreicher, oft auch verschlungener als vieles andere, das derzeit Themen wie Rassismus, Rechtsextremismus, Fremdenhass verhandelt. Es ist zum Teil vom Klang, von den Möglichkeiten anderer Sprachen wie dem Türkischen oder dem Arabischen inspiriert, es wirft Fragen auf, wo andere Antworten suchen. Fragen allerdings, die oft so anregend sind, dass sie noch lange nach der Lektüre nachwirken.

Kübra Gümüsay: „Sprache und Sein“. Hanser Berlin. 208 Seiten, 18 Euro.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen