Warum „The Office“ besser ist als „Stromberg“

  • Die US-Version von „Stromberg“ („The Office“) läuft in Deutschland völlig unter dem Radar.
  • Kein Streamingdienst hat die Serie im Programm, stattdessen müssen sich Fans mit DVD-Boxen oder Digitalkäufen begnügen.
  • Warum sich der Aufwand trotzdem lohnt, erklärt Matthias Schwarzer in seiner Hommage.
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Hannover. Die US-Serie „The Office“ hat ein großes Problem: Es ist unglaublich schwierig, deutsche Serienfans von ihr zu überzeugen. Das hat allerdings weniger mit der Serie selbst zu tun, sondern mit ihrer Auffindbarkeit. Denn anders als der deutsche Ableger „Stromberg“ ist „The Office“ auf keinem deutschen Streaminganbieter verfügbar. Wer das Meisterwerk mit Hauptdarsteller Steve Carell sehen will, muss große Umwege in Kauf und ein bisschen Geld in die Hand nehmen.

Konkret bedeutet das: „The Office“ ist in Deutschland nur per Kaufoption digital verfügbar, etwa bei Amazon oder Apple TV. Hier kostet eine Staffel zwischen 10 und 17 Euro – und von insgesamt neun Staffeln sind auch nur sechs verfügbar. Wer mehr sehen will, muss entweder (ganz altmodisch) auf DVD-Boxen zurückgreifen oder sich (wahrscheinlich erstmals in seinem ganzen Leben) bei „Videoload“ anmelden, einem Portal der Deutschen Telekom, auf dem erstaunlicherweise alle 9 Staffeln verfügbar sind. Aber wer macht das schon.

Kurze Zeit lief „The Office“ auch mal im deutschen Fernsehen. Genauer gesagt im Jahre 2008, gut versteckt in den Tiefen des Programms von – ja, kein Witz – Super RTL. Die deutsche Synchronisation war dort jedoch so schauderhaft, dass sie auch die letzten verbliebenen Interessenten der Serie abgeschreckt haben dürfte.

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Original kommt aus Großbritannien

Inzwischen ist „The Office“ längst abgedreht, 2013 wurde in den USA die letzte Folge ausgestrahlt. Die Serie gehört jedoch auch heute zu den absoluten Binge-Watching-Klassikern – und für viele Fans zu den besten Serien überhaupt. In der US-Bibliothek von Netflix war „The Office“ selbst noch Jahre nach ihrem Ende die meistgestreamte Serie aller Zeiten. Der Streamingdienst zahlte dem US-Sender NBC für die Verwertung jährlich 100 Millionen Dollar pro Jahr. Ab 2021 wird die Serie dort nicht mehr zu sehen sein, sondern zu NBCs eigenem Streamingdienst „Peacock“ umziehen.

In Deutschland kennt man „The Office“ oftmals nur vom Hörensagen, und zwar als das „originale Stromberg“. Das ist aber nicht ganz richtig: Tatsächlich kommt die Idee aus Großbritannien, genauer gesagt von Ricky Gervais. Der produzierte ab dem Jahr 2000 zwei britische Staffeln „The Office“ für BBC Two. Mit dabei: Eine ganze Reihe inzwischen vertrauter Charaktere: Ricky Gervais als David Brent, der fiese Chef einer Papier-Großhandelsfirma, Sekretärin Dawn Tinsley, Sachbearbeiter Tim Canterbury und Nerd Gareth Keenan. Erkennen Sie die Parallelen? Genau: Das sind grob gesagt die britischen Versionen von Bernd Stromberg, Tanja, Ulf und Ernie. Eine Gruppe Kleinstädter mit unbedeutendem Job, mit denen sich jeder sofort identifizieren kann.

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Den internationalen Durchbruch schaffte die britische Originalversion von „The Office“ jedoch nie. Das mag auch damit zusammenhängen, dass es wirklich weh tut, sie zu gucken. Die Charaktere sind allesamt unglaublich unangenehm. Und das Verhalten von Boss David Brent lässt dem Zuschauer zwei Staffeln lang vor Schauder regelrecht die Zehennägel hochrollen – falls er es überhaupt so lange durchhält.

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Schmierig, aber liebenswert

Ein Umstand, aus dem die Macher des US-Ablegers gelernt haben. Sie produzierten ab 2004 eine eigene Variante, diesmal mit Steve Carrell in der Hauptrolle – der einzige bekannte Schauspieler im Cast. Alle anderen, etwa John Krasinski oder Ed Helms, wurden erst nach „The Office“ zu Weltstars. David, Dawn, Tim und Garth hießen künftig Michael, Pam, Jim und Dwight – und hatten, anders als im britischen Original, deutlich mehr Tiefe. Das bot mehr Gelegenheiten für breitere Handlungsstränge und nicht zuletzt für eine bessere Zuschauerbindung.

Chef Michael Scott ist zwar auch im US-Ableger ein schmieriger Chef eines kriselnden Papierzunternehmens (Dunder Mifflin), allerdings zeigt sich schon nach einigen Folgen, dass deutlich mehr in der Figur steckt. Scott ist ein kindlicher, unsicherer Mann, der sich nichts sehnlicher wünscht als eine harmonische Familie – jedoch schon an der richtigen Frau fürs Leben scheitert. Da sind Jim und Pam, das perfekte Liebespaar, das allerdings ganze zwei Staffeln lang in einer nicht enden wollenden „Friendzone“ feststeckt, bis es dann doch endlich zu einem Kuss kommt, der alles noch viel komplizierter macht.

Da ist Dwight, ein nerdiger Verkaufsmann und Erzfeind von Jim. Anders als Ernie in „Stromberg“, bleibt dieser allerdings nicht einfach nur die überzeichnete Witzfigur, sondern entwickelt sich im Laufe der neun Staffeln deutlich – und aus Dwight und Jim werden im Laufe der Staffeln sogar ganz besondere Freunde.

Um ein Haar abgesetzt

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Die erste Folge der US-Version war seinerzeit ein fast wörtliches Remake der britischen Pilotfolge. Sie wurde von den Kritikern als schlechte Kopie des britischen Originals zerlegt – mit Folgen. Nach nur sechs Episoden sollte das US-Office eigentlich abgesetzt werden.

Doch dazu kam es nicht: Der US-Sender NBC wurde 2004 vom Kühlschrank- und Turbinenhersteller General Electric übernommen. Dessen Chef Jeff Immelt überstimmte damals NBC-Chef Jeff Zucker und verlangte eine Fortsetzung der Serie.

Zum Glück: Ganze acht weitere Staffeln wurden produziert, und erst in den späteren Folgen konnte die Serie ihr wahres Talent tatsächlich entfalten. Von Folge zu Folge, von Staffel zu Staffel, schrieben die Autoren in ihre Hauptfigur Michael Scott immer mehr Facetten hinein. Das Highlight für viele Fans war letztendlich die große Liebe, die Michael mit Arbeitskollegin Holly erfährt – die dann jedoch kurz darauf wieder auseinanderbricht, weil Scotts Boss Holly in einen anderen Bundesstaat versetzt.

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Besser als Stromberg

Diese unvorhersehbaren Handlungsstränge, die Tiefe der Charaktere und die Nähe zum Zuschauer machen „The Office“ heute besser als das britische Original – und übrigens auch besser als ihren deutscher Ableger „Stromberg“. Sie ist nicht einfach nur unfassbar lustig. Sie bringt den Zuschauer auch zum Nachdenken, Mitfiebern und stellenweise gar zum Heulen. Dramedy at it’s bests.

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Auch bei „Stromberg“ gibt es solche Experimente, der Hauptfigur ein bisschen mehr Tiefe zu verleihen. Etwa als Stromberg fernab seiner Kollegen nach „Finsdorf“ versetzt wird oder sich in seine Mitarbeiterin Jennifer verliebt und mit ihr eine Familie gründen will. Am Ende jedoch bleibt Stromberg doch einfach nur der Trottel, der sein Leben nicht in den Griff bekommt – was dem Zuschauer letztendlich auch herzlich egal sein kann.

Bei „The Office“ ist das anders. Hier wächst Chef Michael Scott seinen Zuschauern ans Herz. Und sein Abschied in Staffel 7 (Staffel 8 und 9 gehen ohne Michael Scott zu Ende) dürfte für Fans wohl die traurigste Episode ever sein. Hier singen Michaels Arbeitskollegen im Meetingraum ein Lied für ihren langjährigen Chef mit dem Titel „9.986.000 Minutes“. So viel Zeit hat Michael Scott bei Dunder Mifflin verbracht.

Billie Eilish ist großer „The Office“-Fan

Zudem ist „The Office“ unfassbar zeitlos: Die Episoden aus 2005 funktionieren auch 15 Jahre später noch wunderbar. Nur einmal schritten die Produzenten nachträglich ein: Die Blackfacing-Szenen aus der Episode „Dwight Christmas“ wurde in diesem Sommer im Zuge der Black-Lives-Matter-Proteste aus der Serie entfernt.

Nicht ohne Grund können Fans „The Office“ auch heute, 15 Jahre nach dem Start und sieben Jahre nach ihrem Ende, nicht loslassen. Ein Prominenter Fan der Serie ist etwa die preisgekrönte Sängerin Billie Eilish. Sie bezeichnete „The Office“ mal als „seltsame Sehnsucht“: „Ich schaue es auf dem Smartphone, wenn ich morgens aufstehe. Wenn ich ins Bad und aufs Klo gehe. Wirklich ständig“, so die vielfachte Grammy-Gewinnerin. Insgesamt zwölfmal habe sie die Serie schon durchgebinged, auf einem Song ihres Debütalbums wurden sogar Dialoge aus der Serie gesampelt.

Der „Rolling Stone“-Autor Andy Greene hat der Serie sogar ein ganzes Buch gewidmet. In „The Untold Story of the Greatest Sitcom of the 2000s: An Oral History“ lässt Green auch Schauspieler, Autoren, Produzenten und Kritiker zu Wort kommen.

Warum ist „The Office“ so grandios?

In Fanforen, wie etwa auf „Reddit“, fragen sich Liebhaber der Serie bis heute: „Warum war ‚The Office‘ so unfassbar gut?“. „Ich habe gerade wieder die letzte Folge beendet“, schreibt dort unter anderem einer. „Die Unterseite meines Hemdes ist nass, weil ich mir immer wieder die Augen abwischen musste. Es ist diese Verbindung der Charaktere. Wie sie alle zu einer Familie werden.“

Ein anderer argumentiert mit der Zeitlosigkeit. Aktuelle Themen seien nie besprochen worden. „Die Charaktere leben alle in ihrer eigenen kleinen Welt.“ Und ein weiterer meint: „Der Cast hat phänomenal gut zusammengearbeitet, was die Illusion erzeugt hat, dass es sich um echte Menschen handelt, die schon lange zusammenarbeiten.“ Diese „Echtheit“ sei wahrscheinlich das Geheimnis der Serie.

Irgendwann allerdings kam auch für treueste Fans der Bruch mit der Bürogeschichte. Spätestens als Michael Scott die Serie in Staffel 7 verließ, war für viele der Punkt erreicht, an dem „The Office“ den Zenit überschritten hatte. Fortan übernahmen die bisherigen Nebencharaktere deutlich mehr Verantwortung, was teilweise wunderbare Storylines hervorzauberte – manchmal aber auch ins Absurde abdriftete.

Zenit überschritten

Der Autor Kevin Craft beschrieb für die Website „The Atlantic“ zum Ende der Serie im Jahre 2013 das Problem: „Die Charaktere entwickelten sich, und ihre individuellen Geschichten übertrafen allmählich den Fokus der Serie auf das Überleben in einem Unternehmensumfeld.“ Statt des Büroalltags wurden später auch Geschichten von Dwights Abenteuern auf seinem Bauernhof gezeigt oder das Leben der Kollegen zu Hause.

Derartige Szenen, so der Autor, hätten „den Fokus von der Monotonie des alltäglichen Papierverkaufs wegbewegt“, aber gleichzeitig nicht den gleichen außergewöhnlich effektiven situativen Humor erzeugt. Schließlich sei „The Office“ nur noch eine Hülle von dem gewesen, „was einst großartig war“.

Es ist aber auch keineswegs so, dass die letzten Staffeln der Serie unwürdig gewesen seien. Insbesondere das Finale in Staffel 9 liefert noch einmal Fanservice der ganz besonderen Art – und dürfte vielen Liebhabern endgültig bestätigen: Ja, eine schönere Serie als „The Office“, die gibt es einfach nicht.

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