Einstürzende Neubauten: Warum RTL den „Domino Day“ wiederbeleben muss

Vier Millionen Steinen beim Umkippen zuzugucken ist vollkommen sinnlos. Und herrlich. RTL spielt mit dem Gedanken, nach zehn Jahren Sendepause den „Domino Day“ aus der TV-Mottenkiste zu holen. Eine gute Idee, findet Imre Grimm in Folge 36 seiner RND-Kolumne.

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Es gibt Menschen, die sehen mit großem Vergnügen Flaschenabfüllanlagen beim Flaschenabfüllen zu. Herrlich, sein Gehirn einfach mal auf Stand-by zu schalten und sich in passiver Demut an großer Ingenieurskunst zu ergötzen. Flasche, Flasche, Flasche, Flasche. Irgendwann fühlen wir uns wutzeblöd und pudelwohl wie Homer Simpson, wenn in dessen Gehirn wieder dieser kleine Affe auf seine Spielzeugtrommel schlägt. Bim, bam, bum.

Es ist die Freude am absolut Sinnlosen, die dem „Domino Day“ bei RTL Jahr für Jahr ein Millionenpublikum bescherte. Bis zu sechs Millionen Menschen sahen zu, wie vier Millionen Dominosteine umstürzen (macht rein rechnerisch 0,66 Steine pro Zuschauer). Jahr für Jahr bauten 90 rotwangige Studenten freiwillig in einer Halle in Leeuwarden neun Wochen lang Steine auf. Während der Sendung dürfen sie dann öffentlich herumheulen, weil a) irgendeine blöde Dominorosette hakt oder b) sie sich unsterblich in die kleine Polin von Steinaufstellprojekt 65d verknallt haben und die Party jetzt vorbei ist.

Steine, die fallen, füllen die Hallen: Ein Steinaufsteller in Leeuwarden in den Niederlanden bei der Vorbereitung des „Domino Day“ 2007. © Quelle: picture-alliance/ dpa
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Mit Liebe gemachtes beklopptes Fernsehen

Zehn Jahre ist der letzte „Domino Day“ her. Jüngst elektrisierte RTL die Fangemeinde mit der zaghaft angedeuteten Möglichkeit, der Klassiker könnte vor einer Neuauflage stehen. „Wenn wir auf Events setzen, liegt der ‚Domino Day‘ nahe“, sagte RTL-Geschäftsführer Jörg Graf dem Medienmagazin DWDL.de. Er finde auch, „dass das ein superspannendes Programm ist“. Zwinkerzwinker.

Das ist zu begrüßen. Denn versehentlich beklopptes Fernsehen gibt es bereits zur Genüge. Was fehlt, ist mit Liebe gemachtes absichtlich beklopptes Fernsehen.

Der Dominorekord liegt bei 4.491.863 umgefallenen Steinen. Chefdominator war der Holländer Robin Paul Weijers. Weijers verfügt über den Christoph-Daum-Blick, er sieht immer ein bisschen irre aus. Wahrscheinlich hat er zu viele Dominosteine fallen sehen in seinem Leben. Weijers’ Firma („The No. 1 Dominotainment Company in The World“) dachte sich das ganze Jahr über lustige Effekte für den „Domino Day“ aus, der in seiner Blütezeit in elf Ländern live übertragen wurde. Was sagt bloß Robin Weijers auf einer Party, wenn jemand fragt, was er beruflich macht? 2011 haben die von Robin Weijers gegründeten Unternehmen einen Insolvenzantrag gestellt. Weijers Domino Productions und Mr. Domino werden jedoch unter dem Dach des Produktionsunternehmens One 4 New TV, das ebenfalls Weijers gehört, weitergeführt.

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Der Spatz in der Halle

Weijers’ ganz persönlicher Moby Dick war 2005 ein kleiner Spatz, der sich in die Halle verirrt hatte. Er warf 23.000 Steine um und wurde dann von einem Jäger erschossen, der daraufhin Morddrohungen von holländischen Tierschützern erhielt. Das ist das Tolle bei RTL: Es ist immer was los. Der Spatz steht heute ausgestopft in einem Naturkundemuseum auf einer Kiste Dominosteine.

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Der „Domino Day“ ist nettes, buntes, sinnloses Fernsehen. Wären da nur nicht die beiden Kommentatoren Ulli Potofski und Wolfram Kons. Seit 1998 fiel ihnen die Aufgabe zu, den an sich doch eher unkomplizierten Vorgang lyrisch zu begleiten, und das Ergebnis war Jahr für Jahr verheerend: Unlustig, pathetisch wie bei einer Olympiaeröffnungsfeier („Wunderschön! Mutter Natur lässt grüßen!“) und um keine Floskel verlegen („Diese Musik! Streicheleinheiten für die Ohren“) versuchten die Herren krampfhaft, die doch eher kindliche Bildsymbolik der Weijers-Truppe mit Bedeutung aufzuladen. Eine Taube aus Dominosteinen? „Frieden wünschen wir uns ja alle.“ Ein Marilyn-Monroe-Porträt? „Der Traum aller Männer“, na klar. Ein Kindergesicht? „Kinder sind unsere Zukunft.“ Es war schwer auszuhalten. Also: „Domino Day“ gern – aber mit Kommentierpersonal, das über einen etwas größeren Wortschatz verfügt. Es könnte ein Fest des gehobenen Blödsinns werden.