Virales Verschwörungsvideo: Wer ist Ken Jebsen – und was will er?

  • Ein Video mit dem Titel “Gates kapert Deutschland” geht viral, hat inzwischen mehr als 3 Millionen Aufrufe erzielt.
  • Hinter dem 30-minütigen Clip steckt der selbsternannte “Journalist” Ken Jebsen.
  • Doch wer ist der Mann? Und sollte man ihm trauen?
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Berlin. Sein Video hat inzwischen 3,1 Millionen Aufrufe – Tendenz steigend. Es verteilt sich in Instagram-Storys deutscher Prominenter und in Whatsapp-Gruppen mit Tante Hildegard – und seine Thesen tragen sich inzwischen sogar bis auf Deutschlands Straßen. Die Rede ist von Ken Jebsen alias KenFM und seinem viralen Verschwörungsvideo “Gates kapert Deutschland”. Wer ist der Mann? Und sollte man ihm trauen?

Geht es nach Ken Jebsen selbst, dann versteht sich der Videomacher als “Journalist”. Seit mehr als 30 Jahren sei er in Deutschland mit einem Presseausweis tätig, erzählt er den Zuschauern in seinem 30-minütigen Pamphlet – dass dieser nicht zwangsläufig auch eine Seriosität bescheinigt, lässt Jebsen sicherheitshalber unerwähnt.

Tatsächlich beginnt Jebsens Karriere aber journalistisch, und zwar bei einem Lokalradio in Reutlingen. Hier moderiert er Ende der Achtzigerjahre, steigt dann bei der Deutschen Welle als Fernsehreporter ein. Es folgen Stationen beim ZDF und verschiedenen Radiosendern, wie etwa Radio Fritz – hier moderiert er mit Volker Wieprecht die Morningshow “Die Radiofritzen am Morgen”. 1999 tut er dies auch im Fernsehen – und zwar zusammen mit Steffen Hallaschka, Wigald Boning, Tommy Wosch und Arzu Bazman in der Pro7 Morningshow.

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Bei Pro7 ist Jebsen auch zuständig für lustige Einspieler – einige davon sind noch heute auf Youtube zu sehen:

Jebsen bezeichnet Holocaust als “PR”

Zur Kultfigur, zumindest in Berlin und Umland, wird Jebsen schließlich mit einer eigenen Show beim RBB-Jugendradio Fritz. Ab 2001 moderiert er hier eine Sendung, die schon damals KenFM heißt. Hier stellt er Bands vor, spricht mit Hörern und skurrilen Gästen.

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Die Sendung wird auch von Kritikern in höchsten Tönen gelobt. So heißt es damals in einem “taz”-Artikel etwa: “Ken FM ist eine Persiflage des Dumm-dumm-Radios, das Sendeminuten verstrahlt. Als Gast eingeladen wird nur, wer wirklich etwas zu erzählen hat oder zumindest ungewöhnlich ist.”

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KenFM läuft über zehn Jahre erfolgreich auf der öffentlich-rechtlichen Jugendwelle, doch dann endet die Radiokarriere von Ken Jebsen abrupt. Grund ist eine E-Mail, die Jebsen im November 2011 an einen Hörer schreibt. Der Wortlaut, samt aller Rechtschreibfehler, lautet wie folgt:

“sie brauchen mir keine holocaus informatinen zukommen lassen. ich habe mehr als sie. ich weis wer den holocaust als PR erfunden hat. der neffe freuds. bernays. in seinem buch propaganda schrieb er wie man solche kampagnen durchführt. goebbels hat das gelesen und umgesetzt. ich weis wer die rassendatten im NS reich möglich gemacht hat.”

RBB schmeißt Jebsen raus

Geleakt wird die brisante Aussage seinerzeit vom Publizisten Henryk M. Broder – er veröffentlicht sie in seinem Blog und leitet sie an die RBB-Chefetage weiter. Jebsen fühlt sich falsch verstanden, bestreitet Holocaustleugnung und Antisemitismusvorwürfe. Der RBB entscheidet sich, Jebsen zunächst weiterzubeschäftigen.

Programmdirektorin Claudia Nothelle erklärt damals, Jebsen habe “in manchen Fällen die Grenze überschritten”, ohne "journalistische Standards einzuhalten“. Er habe begonnen, auch politische Analysen ins ursprüngliche Unterhaltungsprogramm einzubringen – die Redaktion habe versäumt, einzuschreiten. Das solle künftig nicht mehr vorkommen.

Kommt es tatsächlich nicht. Nur zwei Wochen später nämlich trennt sich der RBB dann doch von Jebsen. Laut Claudia Nothelle entsprachen “zahlreiche seiner Beiträge nicht den journalistischen Standards des RBB”. Weil dieser die Absprache “wiederholt nicht eingehalten” habe, habe man ihn entlassen. Details werden nicht genannt – Entlassungsgrund sei schlichtweg “Jebsens Verhalten insgesamt”.

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Jebsens Thesen werden radikaler

Jebsen selbst will die Kündigung nicht auf sich sitzen lassen. Er klagt vor dem Arbeitsgericht Potsdam gegen seine Entlassung. Das Verfahren endet mit einer außergerichtlichen Einigung, über deren Details Stillschweigen vereinbart wird.

Das Karriereende beim RBB scheint Jebsen nie ganz losgelassen zu haben. Denn Medienkritik wird in den kommenden Monaten und Jahren eines von Jebsens Lieblingsthemen: Auf einem neu eingerichteten Youtube-Kanal spricht Jebsen ab 2012 neben Themen wie dem Berliner Pannenflughafen BER auch über die Probleme des Politjournalismus – ehe er sich wenige Monate später zunehmend radikalisiert.

Der “Tagesspiegel” beschreibt Jebsens Engagement auf Youtube in einem Artikel von 2017 so: Jebsen interviewe hier Politiker wie Rita Süssmuth, biete aber auch Verschwörungstheoretikern und Hamas-Verstehern eine Plattform. Jebsen sei der Überzeugung, die Mächtigen der USA würden von Menschen mit jüdischen Wurzeln gesteuert, deren Ziel die “Schaffung eines israelischen Großreichs” sei. Das wiederum halte er nicht für judenfeindlich.

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Gesicht der Querfront-Bewegung

Weitere kritische Aussagen auf seinem Youtube-Kanal: Laut Jebsen begehe Israel seit 40 Jahren Völkermord. Das Ziel sei nichts weniger als die “Endlösung”, nämlich das Ausrotten aller Palästinenser in Palästina. In einem Video vermutet Jebsen, die Proteste des sogenannten Womens March seien vom jüdischen Investor George Soros gelenkt worden. Der erhoffe sich eine Zunahme an Abtreibungen, damit er am Verkauf toter Embryonen an die Pharmaindustrie verdiene.

Richtig erfolgreich wird Jebsen mit seinen Theorien erstmals 2014. Da gehört er zusammen mit Figuren wie Jürgen Elsässer, Leiter des rechten “Compact”-Magazins, zu den Gesichtern der sogenannten “Montagsmahnwachen für den Frieden”. Die Demonstranten eint der gemeinsame Feind, die USA, sowie der Hass auf die vermeintlich “gleichgeschaltete Journaille”.

Schon damals gibt es Parallelen zu den Corona-Demos, die heute in den deutschen Großstädten Zulauf gewinnen: Eine Querfront aus Linken und Rechten geht gemeinsam gegen “Die da oben” auf die Straße. Kommentarspalten der Medien werden derweil mit dem immer gleichen Wortlauf geflutet: Hier ist erstmals, lange vor Pegida und Co., auch von “Systemmedien” oder “Lügenpresse” die Rede.

Flüchtlingskrise ohne Jebsen

Die Freundschaft der “Friedensdemonstranten” allerdings hält nicht lange: Von Elsässer distanziert sich Jebsen später, als dieser anfängt, in seinen Texten gegen Ausländer zu polemisieren. Auch mit den rassistischen Nachfolge-Bewegungen, wie etwa Pegida, kann sich Jebsen nicht anfreunden. In seinen Videos grenzt sich der Moderator mehrfach deutlich von der Bewegung ab, findet in der Flüchtlingskrise gar deutliche Worte gegen Islamfeinde. Jebsens Mission ist aber auch eine andere: Nicht die Flüchtlinge sind aus seiner Sicht das Problem, sondern die NATO.

Weil diese Thesen für den ein oder anderen Wutbürger vielleicht doch ein bisschen zu komplex sind, verschwindet Jebsen seit 2015 immer mehr von der Bildfläche. Seine treue Gefolgschaft aber bleibt: Jebsens Youtube Kanal folgen fast 500.000 Menschen, seine Videos werden durch Crowdfunding finanziert.

In der Corona-Krise nimmt die Zahl der Abonnenten nochmals zu, obwohl Jebsen zunächst nicht so richtig zu wissen scheint, wie er sich eigentlich positionieren will. Am Ende entscheidet er sich für das Offensichtlichste: Ein geheimer Plan der WHO. Seine angeblichen Strippenzieher: Bill und Melinda Gates.

Gates-Theorie ist großer Quatsch

Mit Theorien wie dieser feiert Jebsen nun sein großes Verschwörungscomeback und wird mit seinem 3-Milionen-klickstarken Video sogar bei Menschen außerhalb der Verschwörungsbubble bekannt – wohl auch deshalb, weil er in dem Video alle Tricks anwendet, die bei ihm schon immer richtig gut funktioniert haben: Er positioniert sich als seriöser Journalist, als vermeintlicher “Insider”, nennt seriöse Quellen, während er aus aus einem schummrigen Zimmer mit der Anmutung eines Bunkers sendet. Das Video wirkt ein bisschen wie die letzten Worte vor dem Weltuntergang, während Jebsen konsequent an der Kamera vorbei guckt und 30 Minuten ohne Luft zu holen drauf los redet.

Die Thesen in seinem Erfolgsvideo sind derweil – grob zusammengefasst – ziemlich großer Quatsch, wie das ZDF in einem Faktencheck analysiert. Die Gates-Stiftung stellt demnach nicht 80 Prozent der Finanzierung der Weltgesundheitsorganisation, wie Jebsen behauptet, sondern lediglich rund 10 Prozent.

Zahlungen der Gates-Stiftung an mehrere deutsche Medien waren derweil dafür gedacht, deren Berichterstattung aus Krisengebieten weltweit zu unterstützen. Diese Medien und ihre Berichterstattung zur Corona-Krise “gekauft” hat die Stiftung also nicht, wie Jebsen es behauptet.

Jebsen und sein ganz eigenes Weltbild

Projektgebundene Fördergelder etwa an die Berliner Charité fließen nicht direkt an beteiligte Forscher wie Christian Drosten, sondern an die Institutionen. Zudem macht die Förderung der Gates-Stiftung in Höhe von 250.000 Euro im März 2020 einen verschwindend geringen Teil aus – das jährlichen Budget der Charité liegt laut ZDF bei 1,8 Milliarden Euro im Jahr 2018.

Auch andere Theorien aus dem Video sind längst widerlegt, etwa in einem Artikel von “t-online.de” und von den Faktencheckern von “Correctiv”. Einen Faktencheck zur Gates-Verschwörung finden Sie zudem auf RND.de. Mit welchen Tricks Jebsen in seinem Video arbeitet, zeigt eine Analyse des Funk-Formats “Walulis” sowie ein virales Instagram-Video der Autorin Sophie Passmann.

Video
Naidoo, Hildmann, Jebsen: 3 Verschwörungstheorien im Faktencheck
5:44 min
Aktuell geistern diverse Verschwörungstheorien über die Corona-Pandemie. Wir haben uns drei davon genauer angeschaut.  © RND/Matthias Schwarzer

Auch wenn sich Jebsen in seinem Video “Journalist” nennt – journalistisch Arbeiten tut er nicht. Jebsen will seine ganz eigene Sicht auf die Welt verbreiten, und das nicht erst seit Corona. Dafür legt er Fakten so aus, wie es eben gerade passt – reißt sie aus dem Zusammenhang, verkürzt oder denkt sich Dinge schlichtweg aus. Auch das “Raunen” gehört zu Jebsens Lieblingstricks: Oftmals stellt er einfach nur Fragen in den Raum und überlässt seiner Community den weiteren Gedankengang.

Und genau so sollte auch dieser Text zu Ken Jebsen nun enden. Sollte man einem Mann wie ihm wirklich vertrauen? Entscheiden Sie selbst.

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