Der Aufstand beginnt: Die vierte Staffel von „The Handmaid’s Tale“ bei Magenta TV

  • Der Gottesstaat Gilead gerät in der vierten Staffel von „The Handmaid’s Tale“ (streambar ab 2. September) ins Wanken.
  • Die Gebärsklavin Desfred/Desjoseph führt den Aufstand gegen das unmenschliche Patriarchat an.
  • Elisabeth Moss, Anne Dowd und Yvonne Strahovski spielen die Hauptrollen in der fantastischen Sci-fi-Dystopie.
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Vor den schneebedeckten Feldern der Keyes-Farm wirkt June Osbornes blutroter Handmaid-Mantel wie die Robe eines römischen Feldherrn. Und wiewohl die Anführerin einer Handvoll flüchtiger Gebärsklavinnen in den letzten Minuten der dritten Staffel angeschossen wurde und noch immer geschwächt ist vom Blutverlust, will sie uns genauso vorkommen – voller Nobilitas und Charisma. Erst recht, als sie die Hand hebt wie zu einem „Ave!“, um ihre Gefährtinnen aus der Deckung zu locken. Eine Cäsarin hat eine Schlacht geschlagen, die Siegerin irrt aber noch im Feindesland umher. „Du bist sicher!“, sagt ein Farmarbeiter zu June, bevor sie zusammenbricht. Pst! Sie ist nicht wirklich sicher.

Wir erinnern uns an das erhebende Finale der letzten „The Handmaid’s Tale”-Staffel, als es June gelang, 86 durch Vergewaltigung gezeugte Kinder der Oberschicht zu entführen und in einem Flieger nach Kanada zu verfrachten. Mit Unterstützung ihres neuen „Besitzers“, des von einem schlechten Gewissen gegenüber seiner systemkritischen und seelisch zerrütteten Ehefrau gepeinigten Commanders Lawrence (Bradley Whitford), und befreundeter Handmaids wird der Coup für June möglich.

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Die Geschichte einer unmöglichen Flucht

Als Lawrence den verängstigten Kindern vor ihrem Fluchtweg durch den Wald aus der „Schatzinsel“ vorliest – Bücher sind verboten –, scheint der Sieg der Vernunft schon sicher. Dann wird June angeschossen, ihre Freundinnen retten sie vor dem Zugriff der Gottesdiktatur, die unmögliche Flucht hebt an. Scheinbar gibt es in Gilead eine Art „Underground Railroad“ von Helfern wie im Amerika des 19. Jahrhunderts für flüchtige schwarze Sklaven.

Es ist der Anfang vom Ende, das sich indes noch über eine fünfte Staffel erstrecken wird. „Das zieht Krieg nach sich“, weiß der mit einem Trick über die kanadische Grenze gelotste, in Toronto mit seiner Frau Serena (Yvonne Strahovski) inhaftierte und auf einen Menschenrechtsprozess wartende Gilead-Commander Waterford (Joseph Fiennes). Und als er erfährt, dass seine einstige Handmaid June die Drähte der Freiheit zog, schwört er: „Ich werde sie töten.“

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Auch die grausam-mütterliche „Tante“ Lydia (Anne Dowd), die 19 Tage Tortur hinter sich hat, weil die von ihr ausgebildeten und kontrollierten Sklavinnen die Rettungsaktion ausführten, will June „an der Wand“ hängen sehen, einem von Bostons Exekutionsplätzen, verkneift sich aber nicht, dass die Handmaids die Soldaten Gileads 19 Tage foppen konnten und verwehrt sich gegen eine Männerstimme aus dem Tribunal, diese Gebärerinnen seien allesamt „sündige Huren“.

Der lange deprimierte Binger erfreut sich des Hoffnungsfunkens

Auch die vierte Staffel der Margaret-Atwood-Adaption „Der Report der Magd“ ist albtraumhaft in ihrer Wirkung, und von einer klaustrophobischen Enge, die dem Betrachter die Luft nimmt. Ist die Befreiung der Frauen vom Joch der unter dem Gottesvorwand errichteten Männerdiktatur auch nicht mit einem Schlag erreichbar, sondern mit vielen, auch sehr schweren Rückschlägen verbunden, so heftet sich der bislang deprimierte Binger doch sogleich an das jetzt unstet flackernde Fünklein der Hoffnung, das zum Ende der letzten Staffel hin endlich entzündet wurde.

Die Geschichte, die Bruce Miller schrieb, ist unerträglich spannend, die Inszenierung geradezu meisterlich. Close-ups und Zeitlupe wirken cineastisch, ohne dass man je den Vorwurf erheben könnte, Style käme vor Story. Das Ensemble geht unter die Haut, voran Elisabeth Moss. Was für ein mimisches Arsenal!

Eine unvorstellbare Welt – Ansätze gibt es in der Realität

Wer je auf die Idee käme, eine solche Horrorwelt zu kreieren? In der Religion wieder ins Zentrum des Staats gestellter unangreifbarer Vorwand für patriarchalische Machtausübung ist? In der Frauen jedwede Bildung verweigert wird, in der sie beschnitten, also verstümmelt werden, um ihnen die Freude an der Sexualität zu nehmen? In der sie wie Sklavinnen missbraucht werden, als Haushälterinnen dienen oder als Ehefrauen der Oberschicht nur noch das Personal anleiten und die Kinder erziehen? In der sie noch im Kindesalter an erwachsene oder auch alte Männer verheiratet werden?

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Solche frauenfeindliche Gesellschaften bringt man zwar in erster Linie mit in Sachen Emanzipation rückständigen islamischen Strömungen in Verbindung. Und die christliche Junta von Gilead trägt denn auch Bärte wie Taliban und Konsorten, um das Herrengeschlecht möglichst eindeutig vom vermeintlich schwachen abzuheben. Schaut man aber auf das Bibel-Amerika, das evangelikale „back to the roots“, das vor allem in den bizarren Trump-Jahren krass sichtbar wurde, kommt einem der alte Toyota-Slogan in den Sinn: Nichts ist unmöglich. Ließe man die männlichen Kräfte des Rückwärts gewähren, dann hätte man wohl auch in westlichen Ländern wieder den Trend zu „a man’s man’s man’s world“, wie James Brown Mitte der Sechzigerjahre sang. Diese Kräfte streben durchaus und immerfort nach Restauration.

In der vierten Staffel von „The Handmaid’s Tale“ steigen die Macher tief in die Folterkeller von Gilead, und viele Male wird das Zuschauen dabei ziemlich unerträglich. Zudem wird auch die Ernsthaftigkeit des Männerregimes so schwer erschüttert wie nie. Die offiziellen Asketen des Körperlichen, die den beim Lesen ertappten Frauen Finger und Hände abhacken lassen, verziehen sich gern in als Salons getarnte Bordelle, wo sie den bei jeder Gelegenheit forelhaft angerufenen Gott ganz schnell einen guten Mann sein lassen für eine Runde Sünde und Missbrauch.

Die Männer dieser Serie sind Philister, Schwächlinge allesamt, stark sind nur die Frauen – von der zum Aufstand gegen die Diktatur des Patriarchats bereiten Protagonistin June und ihren Leidgenossinnen bis hin zur Gegenseite der unbeugsamen Sklavinnenerzieherin Lydia, von der man immer noch eine Art ethisches Erwachen erhofft.

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Die Kindsbraut und der Anfang des Tötens

Anrührend ist die Geschichte der 14-jährigen Esther (Mckenna Grace), die auf der eingangs erwähnten Farm, dem ersten Fluchtpunkt der Handmaids, als Herrin zunächst ein raues Regiment führt. Als Kind wurde sie mit dem Farmer und Commander Keyes verheiratet, erzählt sie June. Als der sie nicht zu schwängern vermochte, habe er sie wieder und wieder Wächtern, Agenten und anderen Commandern zum sexuellen Gebrauch überlassen.

Abends schmiegt Esther sich an June, dazu singt Aretha Franklin aus dem Off „you make me feel like a natural woman“ – was sonst. An diesem denkwürdigen Tag haben die Opfer mit dem Töten der Täter begonnen.

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Und auch, wer notorisch Martin Luther King und Gandhi hochhält, und Widerstand sonst nur gewaltfrei akzeptiert, gerät hier ins Schwanken: Tu, was du tun musst, June!

„The Handmaid’s Tale“, Staffel 4, von Bruce Miller (nach Motiven von Margaret Atwood), mit Elisabeth Moss, Anne Dowd, Yvonne Strahovski, Joseph Fiennes, Alexis Bledel, ab 2. September bei Magenta TV

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