Verwirrung um Whatsapp-Regeln: Ändert sich wirklich nichts für EU-Bürger?

  • Neue Nutzungsbedingungen erlauben dem Messenger Whatsapp die Weitergabe von Daten an den Mutterkonzern Facebook.
  • Innerhalb Europas sollen die Regeln nicht greifen, versichert das Unternehmen.
  • Das ist aber nur die halbe Wahrheit.
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Hannover. Neue Nutzungsbedingungen beim Messengerdienst Whatsapp sorgen seit einigen Tagen für Wirbel. In den sozialen Netzwerken rufen Nutzer zum Boykott des Messengerdienstes auf – viele wechseln in Scharen zu alternativen Diensten wie etwa Telegram, was aus Datenschutzaspekten allerdings keine besonders gute Idee ist.

Grund für die Nutzerwanderung ist eine angekündigte Änderung bei den Datenschutzbestimmungen. Demnach will Whatsapp künftig bestimmte Nutzerdaten auch mit anderen Facebook-Unternehmen und Werbepartnern teilen. Über die Änderungen weist das Unternehmen in einem Pop-up-Fenster hin, dem der Nutzer zustimmen muss. Für EU-Bürger solle sich jedoch erst mal nichts ändern, betont das Unternehmen.

Doch stimmt das wirklich? Wie konkret unterscheiden sich die neuen Regeln für EU-Bürger vom Rest der Welt? Und gibt es einen Haken?

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Keine Weitergabe von Chatinhalten

Zunächst einmal ist zu klären, welche Daten Whatsapp und Facebook denn überhaupt austauschen wollen. Denn mitnichten plant das Unternehmen, die Chats seiner Nutzerinnen und Nutzer mitzulesen und die enthaltenen Informationen weiterzugeben. Das ist technisch schlichtweg nicht möglich: Die Chats bei Whatsapp sind durch eine sogenannte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung gesichert, die der Messenger bereits 2016 eingeführt hat. Konkret bedeutet das: Whatsapp verschlüsselt alle Gespräche so, dass nur Sender und Empfänger sie lesen können. Die Chats werden nur auf den Smartphones der beiden Nutzer gespeichert, nicht aber auf einem Whatsapp-Server.

Vielmehr geht es bei den betroffenen Daten um eher allgemeine Informationen wie etwa das genutzte Smartphonemodell, Standortinformationen oder die Aktivität der Nutzer – also etwa wann und wie lange jemand mit Whatsapp kommuniziert. Auch Daten wie beispielsweise der Batteriestand des Gerätes, die Signalstärke und die IP-Adresse könnten übertragen werden.

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Was genau Facebook mit diesen Daten vorhat, lässt sich zum derzeitigen Zeitpunkt nur erahnen. Möglich wären beispielsweise personalisierte Werbeanzeigen innerhalb des Messengers, der bislang noch werbefrei ist. Zugleich plant Facebook schon seit Längerem eine engere Verzahnung seiner Messengerdienste. Zukünftig könnte es beispielsweise möglich sein, Whatsapp-Chats auch innerhalb von Instagram zu führen oder innerhalb des Facebook-Messengers.

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In Europa gelten andere Regeln

Dass das genauso eintritt, ist – zumindest innerhalb Europas – aktuell jedoch fraglich. Denn in der Tat gibt es von den neuen Nutzungsbedingungen derzeit zwei Versionen: Eine für die europäische Region – und eine für den Rest der Welt. In eben diesem Rest der Welt fließen auch heute schon deutlich mehr Daten von Whatsapp an Facebook – und künftig dürften es noch mehr werden. Innerhalb Europas, und insbesondere innerhalb der EU, ist das in dieser Form allerdings nicht erlaubt.

Hintergrund ist, dass die EU-Kommission einen solchen Datenaustausch zwischen Facebook und Whatsapp bereits 2014 bei der Übernahme untersagt hat und seitdem streng überwacht. Facebook fielen die strengen Maßnahmen anschließend umgehend vor die Füße: 2017 etwa musste der Konzern 110 Millionen Euro Strafe zahlen. Die EU-Kommission hatte damals festgestellt, dass der Konzern bei der Übernahme des Messengers irreführende Angaben gemacht hatte.

Facebook hatte 2014 erklärt, dass es nicht zuverlässig möglich sein werde, Daten zwischen den Benutzerkonten von Facebook und Whatsapp automatisch abzugleichen. Im August 2016 hatte Facebook dann aber doch angekündigt, künftig Telefonnummern von Whatsapp-Nutzern mit Facebook-Profilen zu verknüpfen. Die Brüsseler Behörde sah sich getäuscht. Nach Angaben der Kommission soll die Verknüpfung auch schon im Jahr 2014 technisch möglich gewesen sein – was den Mitarbeitern des Netzwerks auch bekannt gewesen sein soll.

DSGVO schützt Nutzer

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Ein weiterer Grund, warum sich die Europaregelungen des Messengers unterscheiden, sind die generell strikteren Datenschutzbestimmungen, die in der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) festgehalten werden. Dank dieser darf Whatsapp persönliche Nutzerdaten nicht ohne sogenannte Opt-out-Funktion weitergeben. Konkret bedeutet das: Nicht nur die Nutzung der Whatsapp-Daten durch Dritte ist bei Ablehnen unzulässig – es ist auch nicht zulässig, den Nutzer zum Datenaustausch zu zwingen.

Die neuen Whatsapp-Nutzungsbedingungen für die EU und den Rest der Welt unterscheiden sich daher folgendermaßen: Außerhalb der EU müssen Nutzer bis zum 8. Februar der Datenweitergabe an Facebook zustimmen, um den Messenger weiter nutzen zu können. Künftig dürfen sämtliche erhobene Daten auch für Werbezwecke verwendet werden. In der EU-Version wurde der zugehörige Passus herausgestrichen.

Niamh Sweeney, Director of Policy bei Whatsapp, versicherte auf Twitter: „Durch dieses Update wurden keine Änderungen an den Whatsapp-Praktiken für den Datenaustausch in Europa vorgenommen. Es bleibt der Fall, dass Whatsapp keine Whatsapp-Benutzerdaten für die Region Europa mit Facebook teilt, damit Facebook diese Daten zur Verbesserung seiner Produkte oder Anzeigen verwendet.“

In den neuen Nutzungsbedingungen gehe es vor allem darum, „unseren Benutzern klare und detailliertere Informationen darüber zu liefern, wie und warum wir Daten verwenden“, schreibt die Whatsapp-Mitarbeiterin.

Einen Haken gibt es dennoch

Das allerdings ist nur die halbe Wahrheit. Denn auch in den EU-Nutzungsbestimmungen finden sich durchaus einige Hinweise, die einen Datenaustausch zwischen Facebook und Whatsapp andeuten. Beispielsweise wird dort festgehalten, dass ein Datenaustausch zwischen Whatsapp und Facebook-Unternehmen stattfinde, „damit sie uns dabei helfen können, unsere Dienste zu betreiben, bereitzustellen, zu verbessern, zu verstehen, anzupassen, zu unterstützen und zu vermarkten.“ Mit einer Einschränkung: Die Daten dürften nicht für „eigene Zwecke der Facebook-Unternehmen“ verwendet werden. Was genau diese „eigenen Zwecke“ sind, wird jedoch nicht weiter erläutert.

Auch steht in den Bestimmungen, dass Whatsapp und andere Facebook-Unternehmen Informationen austauschen, „um die Sicherheit und Integrität aller Produkte von Facebook-Unternehmen zu fördern“. Als Beispiele werden Maßnahmen gegen Spam, Drohungen, Missbrauch und Rechtsverletzungen genannt.

Im Klartext heißt das: Zwar versichert Whatsapp, dass sich für Nutzerinnen und Nutzer in Europa nichts ändert – de facto müssen sie rätselhaften Passagen wie diesen dennoch zustimmen.

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Whatsapp ist kaum kontrollierbar

Kritisch sieht die neuen EU-Bestimmungen auch der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar. Er hatte zuvor bereits gegen die Zusammenführung von Daten der Facebook-Unternehmen geklagt. Die europäische Version der Richtlinien sei keineswegs unbedenklich, sagte Caspar gegenüber dem Portal heise.de: „Zwar wird erklärt, dass keine Informationen, die Whatsapp weitergibt, für die eigenen Zwecke der Facebook-Unternehmen Verwendung finden. Gleichzeitig erfolgt jedoch ein Hinweis darauf, dass Whatsapp mit anderen Facebook-Unternehmen Informationen teilt, u. a., um Dienste zu verbessern, bereitzustellen und zu vermarkten.“

Daten dürften demnach innerhalb des Konzerns unbeschränkt weitergegeben werden. Zudem werde in den FAQ erläutert, dass Facebook für die Bereitstellung von Analysediensten Telefonnummer, Geräteinformation und weitere Nutzungsinformationen von Whatsapp erhält. Dabei seien ausdrücklich auch Personen inbegriffen, die gar nicht auf Facebook sind, sondern nur Whatsapp nutzen. „Dass deren Daten am Ende auch bei Facebook landen, ist problematisch und bedarf einer eingehenden Untersuchung, für deren Durchführung seit Inkrafttreten der DSGVO die irische Aufsichtsbehörde zuständig ist“, betont Caspar. Der Datenschutzbeauftrage kritisiert die neuen Regelungen als „überaus unbestimmt und intransparent“.

Problematisch an der Sache ist auch: Was genau Whatsapp da eigentlich treibt, lässt sich kaum kontrollieren. Der Quellcode des Messengers ist – im Gegensatz zu Open-Source-Alternativen wie etwa Threema – nicht öffentlich. Nutzer haben keine Chance, hinter die Kulissen des Dienstes zu blicken.

Widerspruch nur per E-Mail möglich

Fraglich bleibt am Ende, was der Nutzer nun gegen die Datensammelwut tun kann. Die naheliegendste Möglichkeit wäre sicherlich, sich komplett von Whatsapp zu verabschieden, und zu einem datenschutzkonformeren Messenger zu wechseln. Dazu zählen etwa Threema und Wire aus Europa sowie Signal aus den USA.

Wer Whatsapp weiter nutzen, seine Rechte aber gemäß der DSGVO ausüben möchte, muss laut einem Bericht des „Standard“ einen komplizierten Umweg gehen. Konkret muss ein Schreiben an Whatsapp verfasst werden, in dem umfangreiche Daten ausgewiesen und die Unterlassung der Datenweitergabe argumentiert werden müssen. Nähere Informationen dazu liefert Whatsapp selbst auf dieser Seite.

Whatsapp betreibt Schadensbegrenzung

Whatsapp selbst ist derweil offenbar um Schadensbegrenzung bemüht. Am Dienstag twitterte das Unternehmen erneut, diesmal von seinem offiziellen Account.

Darin macht Whatsapp deutlich, dass das Unternehmen keinen Zugriff auf Chats oder Anrufe habe und auch keine Daten sammele, mit wem man sich verbinde. Ebenfalls könne Whatsapp nicht den Standort des Nutzers einsehen, gleiches gelte für den Mutterkonzern Facebook. Whatsapp-Kontakte würden ebenfalls nicht mit Facebook geteilt, Gruppen blieben privat. Die Verwirrungen um die europäischen Regeln kommen darin jedoch nicht mehr zur Sprache.

RND



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