Verpflichtung von Linda Zervakis: Pro Sieben zeigt, warum wir das Privatfernsehen noch brauchen

  • Linda Zervakis wechselt von der „Tagesschau“ zu Pro Sieben.
  • Der Schritt ist konsequent: Schon seit einigen Monaten baut der Sender sein Informationsprogramm massiv aus.
  • Die ersten Experimente zeigen Formate, die so weder bei Streamingdiensten noch bei öffentlich-rechtlichen Sendern möglich wären.
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Unterföhring. Am Montag präsentierte Linda Zervakis ihre letzte „Tagesschau“ – zwei Tage später folgte auch schon die Bekanntgabe ihres zukünftigen Jobs: Gemeinsam mit Matthias Opdenhövel wird die 45-Jährige ab Herbst ein Informationsformat moderieren, erste Details nannte der Sender am Mittwoch.

Der Transfer Zervakis’ von der altehrwürdigen „Tagesschau“ zum Privatfernsehen ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen für Zervakis selbst: Für sie dürfte der neue Job deutlich mehr Freiheiten bedeuten. Bei Deutschlands meistgesehener Nachrichtensendung war Zervakis bislang Sprecherin, bei Pro Sieben darf sie künftig auch „recherchieren, talken und moderieren“, wie der Sender selbst mitteilte. Zervakis kommentierte ihre neue Sendung am Mittwoch mit den Worten: „Jetzt steht der Name drauf, das hatte ich vorher noch nicht.“

Bemerkenswert ist der Wechsel jedoch auch für die andere Seite, nämlich für den Sender Pro Sieben. Denn er zeigt eindeutig, in welche Richtung sich der einst reine Unterhaltungssender langfristig entwickeln will.

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Informationsoffensive bei Pro Sieben

Erste Schritte dieser Art waren schon in den vergangenen Monaten immer wieder spürbar. Als im August 2019 der Amazonas in Brasilien brannte, sendete Pro Sieben für viele Zuschauer völlig überraschend eine Spezialsendung zum Thema und kündigte gleichzeitig an: „Wir machen das in Zukunft öfter.“

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Ein Jahr später überraschte man Zuschauer und die Medienbranche mit der Dokumentation „Rechts. Deutsch. Radikal.“. Journalist Thilo Mischke gewährte einen seltenen Einblick in Deutschlands rechte Szene – und sorgte zugleich für einen waschechten journalistischen Scoop. Die AfD entließ ihren Ex-Sprecher Christian Lüth, nachdem dieser in der Doku mit ungeheuerlichen Aussagen zitiert worden war.

Die Informationsoffensive bei Pro Sieben war zu diesem Zeitpunkt längst angerollt. Immer mehr journalistische Formate hievte der Sender ins Programm, zu aktuellen Themen wie Black Lives Matter, Armut oder der Corona-Pandemie zeigte man Spezialsendungen. Auch der langjährige RTL-Journalist Jenke von Wilmsdorff wechselte zu Pro Sieben.

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Neues Image auch bei RTL

Im Rahmen der „15 Minuten“ von Joko und Klaas setzte der Sender zudem immer wieder auf politische Themen, etwa das Stück „Männerwelten“ mit Sophie Passmann und nicht zuletzt eine stundenlange Echtzeitdokumentation von einer Krankenhausstation, die unter dem Motto #nichtselbstverständlich den Pflegenotstand in Deutschland thematisierte.

Der wohl ungewöhnlichste Scoop folgte schließlich im April 2021. Kurz nach ihrer Ernennung zur Kanzlerkandidatin der Grünen gab Annalena Baerbock ausgerechnet Pro Sieben ein Interview – dieses wurde von Kritikern zwar nicht durchgehend gelobt, zeigte jedoch eine eindeutige Richtung: Der Privatsender aus Unterföhring setzt alles auf eine Karte, genau gesagt auf die Karte „Relevanz“.

Kein Einzelfall: Auch bei der Konkurrenz RTL schraubt man seit einigen Monaten fleißig am Image, nimmt immer wieder journalistische Sondersendungen ins Programm und entfernt gleichzeitig frühere „TV-Bösewichte“ wie etwa Dieter Bohlen – offenbar, um sich ein neues Image zu verpassen. Ein Wechsel wie der von Zervakis zu Pro Sieben war kürzlich auch bei RTL zu beobachten: Künftig wird der ehemalige „Tagesschau“-Sprecher Jan Hofer beim Privatsender aus Köln eine Nachrichtensendung moderieren.

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Manchmal hinkt selbst Netflix hinterher

Die Relevanzoffensive der Privaten ist bitter nötig, denn das Fernsehen ist seit Jahren einem enormen Druck ausgesetzt. Waren Filme, Serien und Unterhaltungsshows lange ein Quotengarant für die Privatsender, so schauen vor allem jüngere Medienkonsumenten diese Inhalte inzwischen auf Netflix, nicht im linearen Programm von Pro Sieben oder RTL.

Und auch wirtschaftlich ist Druck zu spüren: Bei der Sendergruppe Pro Sieben Sat.1 verkauften Anfang des Jahres zwei wichtige Investoren ihre Anteile. Sowohl bei Pro Sieben als auch bei RTL gingen in den vergangenen Jahren die Reichweiten zurück. Die Mediengruppe RTL Deutschland verlor 2020 mehr als 6 Prozent Werbeeinnahmen, bei Pro Sieben Sat.1 waren es 10 Prozent.

Wo die Streamingdienste allerdings bislang konsequent hinterherhinken, sind relevante Liveinhalte. Wenn Pro Sieben den Pflegenotstand in Deutschland zur Primetime-Show macht, dann ist das ein Format, das in dieser Form nur im Fernsehen funktionieren kann. Der Überraschungseffekt, den eine solche Sendung mit sich bringt, ist ebenfalls ein Faktor, den kein Streamingdienst der Welt so abbilden kann.

Warum wir das Privatfernsehen noch brauchen

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Diese teils anarchischen TV-Momente und die eindeutige Haltung zu gesellschaftlichen Themen, die Pro Sieben immer wieder einnimmt – all das ist in dieser Form weder bei Streamingdiensten noch bei den eher nüchternen öffentlich-rechtlichen Sendern möglich. Pro Sieben setzt mit seiner Programmoffensive nicht nur einen gesunden Gegenpol, es zeigt gleichzeitig, warum es das Privatfernsehen eben doch noch braucht.

Wie genau die neue Show von Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel aussehen wird, ist bislang noch nicht bekannt. Es ist aber durchaus denkbar, dass Pro Sieben eben kein staubtrockenes Nachrichtenformat auf den Sender schickt, sondern auch hier auf Überraschungen, Haltung und journalistische Relevanz setzen wird.

Ob das langfristig auch die erwünschten Einschaltquoten bringt, steht wiederum auf einem anderen Blatt Papier.

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