Verheizte Eisbären: die Serie „Mirella Schulze rettet die Welt“

  • Eine Klimaschützerin hat’s schwer: die Serie „Mirella Schulze rettet die Welt“.
  • Die kompromisslose Protagonistin handelt sich viel Ärger ein – ganz wie Greta Thunberg.
  • Die Dialoge sprühen vor Witz und Ironie, und man fühlt mit der armen Mirella.
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Ob Greta Thunberg diese Mirella Schulze wohl mögen würde? Immerhin ist Mirella der schwedischen Klimaaktivistin unverkennbar nachempfunden – und das schon rein äußerlich: Mirella kann ebenso strafend blicken wie Greta, sie lacht weniger als andere Gleichaltrige und ist kleiner als ihre Mitschülerinnen. Vor allem aber ist sie alles andere als konfliktscheu.

Auch Mirella will ihre Mitmenschen dazu motivieren, ihr frevelhaftes Umweltverhalten endlich abzustellen. Sie will diesen Planeten kurz vor knapp retten und legt sich deshalb mit allen an, denen das egal ist.

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Nur dass Mirella den Mächtigen dieser Welt kein „How dare you“ entgegengeschleudert, wie es Greta bei der UN-Klimakonferenz in New York getan hat. Mirella liest dem liebenswerten Personal einer überschaubaren Comedygemeinde die Leviten, die in einer namenlosen deutschen Kleinstadt ihrem Tagwerk nachgehen.

Mirella ist eine Fernsehfigur in der lustigen TV-Now-Serie „Mirella Schulze rettet die Welt“. Mit diesem Titel ist schon viel gesagt. Die 13-Jährige kämpft in acht Episoden von gerade mal 25 Minuten für hitzegestresste Bäume und gegen die Verschwendung von Lebensmitteln, für eine faire T-Shirt-Produktion ohne moderne Sklaverei und gegen den CO2-Ausstoß bei ihrer Ansicht nach überflüssigen Klassenfahrten nach Spanien.

Beim Klima keine Kompromisse

Mirella (Tilda Jenkins) geht keine Kompromisse ein, wenn es ums Klima geht. Oder sagen wir: so gut wie keine. Manchmal gibt Mirella dann doch ihrer Mutter Pia zuliebe ein klein wenig nach, um deren Job in einem Chemieunternehmen nicht noch schwieriger zu machen, als dieser mit einer so engagierten Tochter sowieso schon ist. „CO₂ ist besser als Hartz IV“, lautet Pias Motto, wenn sie wieder mal befürchtet, wegen ihrer Tochter gefeuert zu werden.

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Mama Pia (Jördis Triebel), Fernfahrerpapa Mike (Moritz Führmann) sowie Mirellas Geschwister Mats (Maximilian Ehrenreich) und Maya (Ella Lee) stehen unverrückbar an Mirellas Seite – wenn nicht gerade die Tiefkühlpizza im Supermarkt fürs schnelle Abendessen lockt, der Regen fürs Fahrradfahren zu heftig ist, sich mit Dosengetränken gute Geschäfte machen lassen, ein Kamin im Garten gebaut werden soll oder wenn ...

Okay, es findet sich Konfliktpotenzial im Minutentakt. Genau das ist ja der Spaß. Dem von Mirella apodiktisch vertretenen Weltrettungsanspruch läuft die Familie mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen hinterher. Gelegentlich stehen Geschwister oder Eltern im Kinderzimmer vor ihr wie gläubige Katholiken in der Kirche und hoffen auf die Vergebung ihrer Sünden. Die Kirche ist allerdings gnädiger.

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Greenwashing gilt nicht

In der ersten Episode hat es Mirella mit ihrem seit bereits drei Jahre durchgezogenen Bepflanzungsprojekt zu einiger Prominenz gebracht und soll vom Bürgermeister für den 10.000. Baum ausgezeichnet werden. Auch der Chef des lokalen Chemieunternehmens, also Pias Boss Josten (Harald Schrott), will sich im Glanz des Projekts sonnen. Bloß ist Mirella fürs Greenwashing nicht zu haben.

Der Clou der Serie besteht darin, dass sich hier jeder wiederfinden kann – auf der Seite der strengen Umweltschützerin Mirella oder auf der Seite ihrer allzu bequemen Mitmenschen, manchmal auch auf beiden gleichzeitig. Mit leichter Hand beleuchten die Drehbuchautoren um Ralf Husmann („Stromberg“), die täglichen faulen Kompromisse – Regie: Jonas Grosch („Wenn Fliegen träumen“) und Sinan Akkus („3 Türken und ein Baby“).

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Die Dialoge sprühen vor Ironie, es fallen Sätze wie: „Wir verheizen hier keine Eisbären.“ Schlag auf Schlag werden die Idealisten wie auch die Gleichgültigen abgewatscht. Der Würze in der Kürze haftet etwas Sketchhaftes an, und doch wird jede Episode punktgenau zu Ende erzählt.

Bald schon fühlt man mit den Schulzes, als wären es die Thunbergs: Es lässt sich erahnen, wie die schwedische Klimaaktivistin den Alltag ihrer Familie auf den Kopf gestellt hat. Nur zur Erinnerung: Gretas Mutter, eine renommierte Opernsängerin, verzichtete auf ihre internationale Karriere. Sie mochte sich ihrer Tochter zuliebe schon zu einem Zeitpunkt in kein Flugzeug mehr setzen, als es das Wort Flugscham noch gar nicht gab.

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Und man fühlt mit Mirella, die sich mit ihrer Hartnäckigkeit so viel Ärger einhandelt. Sie will das Gute schaffen und produziert nur böse Gesichter um sich herum. Manche Mitschülerinnen wollen eben doch lieber nach Spanien auf Klassenfahrt fliegen, statt nach Polen mit dem Bus schuckeln – und ihre Schwester Maya will unbedingt das metallische Glitzerzeugs im Gesicht, das die Firma ihrer Mutter Pia produziert und das den Seehunden in den Ozeanen zum Verhängnis werden könnte.

Mirellas Erziehungsberechtigte haben immer wieder keine Wahl: Sie lassen sich von ihrer Tochter erziehen – zum Wohle der Erde und zum Vergnügen der Zuschauer.

„Mirella Schulze rettet die Welt“, acht Episoden bei TV Now, von Ralf Husmann, mit Tilda Jenkins, Jördis Triebel, Moritz Führmann, Maximilian Ehrenreich, Ella Lee

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